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Prof. Dr. Gerd Koch Diplom-Pädagoge

Aktuelle Mitteilungen

Fotos vom Tag der Offenen Tür am 15. 6. 06
26.10.2006

Liebe Baal-Theater-Leute!
Ich habe auf einer CD noch Fotos von Euch, die nach der BAAL-Aufführung gemacht wurden. Sie sind sehr schön geworden. Wie nun kommt Ihr jeweils daran? Ich werde sie immer in meinem provisorischen Büro (Raum 523, Tel 270) lassen, so daß Ihr gerne vorbeischauen könnt, um Euch eine Kopie zu machen. Mittwochs und freitags bin ich dort so am mittags. Aber: auch anmailen geht, und wir vereinbaren etwas.
Gerd Koch

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Der böse Baal der asoziale am 26. 10. 06
26.10.2006

Lieber Theaterspielerinnen!
Ich möchte gerne einen großen Dank loswerden: Es hat mir sehr imponiert, daß Ihr diesen Extra-Termin im Kino Kiste habt möglich machen können; denn Eure Seminarverpflichtung (1. und 2. Sem.) war ja längst und qualifiziert beendet. Sehr schön fand ich auch, daß diejenigen, deren Spielgruppen nicht ganz komplett sein konnten, dabei waren - in neuer Weise mitgemacht haben und/oder die Szenen für diesen Abend neu gestaltet haben. Das zeugt davon, daß Ihr etwas gelernt habt - unter anderem eben: selbständig und selbstbewußt sein. Glückwunsch!
Das Publikum war sehr angetan.
Daß Ihr Angie und mir dann so ein schönes Geschenk gemacht habt ... ich war platt und SEHR erfreut!!!

Noch etwas zu den Leistungs-Scheinen als Beleg und mit Kommentar für Euch: Wer mir seine Adresse gibt (ins Fach - 4. Stock - legen oder mir mailen), dem schicke ich das weiße Blatt zu. Und außerdem bekommt Ihr noch ein Extra-Zertifikat für die Aufführung von heute gleich dazu.

Für Euer weiteres Studium (und darüber hinaus) wünsche ich Euch alles Gute! Die Zusammenarbeit unter uns Erwachsenen fand ich sehr gelungen! Ich hoffe, wir begegnen uns immer mal wieder!
Gerd Koch

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Ein großes DANKESCHÖN!
21.07.2006

Liebe Studentinnen, liebe Studenten!
In der letzten Lehr-Evaluation wurden meine Kollegin Elke Josties und ich durch Eure Stimmabgabe in den vielen und verschiedenen Seminaren, die ich angeboten hatte, zum besten Lehrenden gewählt. Ich bedanke mich sehr herzlich dafür!
Mit diesem Semester endet nun meine Tätigkeit als Hochschullehrer - nach 25 Jahren. Im Lehrauftrag werde ich zwei Projekte mit anderen
Lehrbeauftragten zu Ende führen, so daß ich der ASFH noch einige Zeit verbunden bleibe. Dies sage ich auch all denen, die noch Unterschriften, Scheine usw. benötigen. Da ich kein festes Büro im WS 2006/7 mehr haben werde, sollte man mich per mail kontaktieren (auch das Fach im 4. Stock kann benutzt werden).
Nochmals Dank für sehr produktive Zusammenarbeit mit Euch und viel Glück im Studium (und danach und: überhaupt)!
Gerd Koch

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25 Jahre an der FHSS/ASFH
04.07.2006

Gerd Koch
zum 28. Juni 2006: „Von den Älteren – den emeriti (*) – lernen – Learning from Leavers“

(*) Warum sagen wir es nicht herausfordernd und deutlich skeptisch, befragend in deutscher Übersetzung: emeritus = der Ausgediente? (siehe unten: Ziffer 8)

Eine Abrechnung in acht Verrechnungseinheiten

1: Erfolg-reich-sein-Können
Vor Jahren, als wir an der ASFH zum ersten Mal exemplarisches Lernen mit sozialpädagogischer Phantasie durch das Einrichten von Werkstätten im Grundstudium versuchen wollten, sagte in einer kleinen kollegialen Besprechungsrunde Reinhart Wolff (es war außer mir noch Wilfried Raske dabei), um Skepsis und Unsicherheit gegenüber diesem neuen Lehr-Lern-Format auszuräumen, sinngemäß: Wir sollten doch unser durch langjährige und vielfältige Tätigkeit erworbene Erfahrungswissen jetzt hier einbringen; wir selber sollten uns den Studierenden als Muster des Lernens und Lehrens zur Verfügung stellen. Das war nicht nur motivierend, aufmunternd, ‚fürsorgerisch’ gemeint. Es war auch die Beschreibung einer hochschuldidaktischen, lebensgeschichtlich grundierten Handlungsmöglichkeit, die ich gerne aufgriff. Denn eine Laufbahn an einem pädagogischen Institut wie einer Hochschule kann, wenn sie reflektiert wird, ein Stück erfolg-reicher Selbstqualifikation sein – ja: reich an Erfolg -, die lebendiges Wissen und Wissen ad personam vorführt – was im Theorie-Praxis-Felde der Sozialarbeit/Sozialpädagogik wahrlich nicht gering zu veranschlagen ist. Aus diesem Grund auch bin ich immer begeistert davon, daß die ASFH langjährig und wechselnd so viele kompetente Lehrbeauftragte unter ihren Lehrenden zählt – und ich bedaure, daß ihre Zahl sich reduzieren wird durch das der Verstetigung dienende Einwerben von neuen Hochschullehrer-Stellen. Lehrbeauftragte berichten mir, daß ihr Tätigsein in zwei recht unterschiedlichen Kommunikationsstrukturen (Hochschule und z. B. Sozialamt, Kulturzentrum) einem job enrichment gleichkommt.

2: Kein resigniertes Ende einer Tätigkeit
Ich bin während oder aufgrund meiner 25jährigen Tätigkeit an der FHSS/ASFH nicht zynisch geworden, habe nicht resigniert, gehe nicht wütend aus dem Haus. Das habe ich neben meiner Feigheit anzuecken, den vielen, vielen Studentinnen und Studenten zu danken. Nach einer frühen Bemerkung des Philosophen Walter Benjamin sollte man als Hochschullehrer am Leben der Studenten teilnehmen – aber eben als Hochschullehrer und nicht als jemand, der die Differenz leugnet, sie aber im Rahmen einer „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“ würdigt. Ich bin hochschulisch an der Freien Universität (West-)Berlin sozialisiert worden in den 60er Jahren und da galt dieser Grundsatz bzw. er musste verteidigt werden – im übrigen ist das ein alter Grundsatz der Universitäten seit ihrer Gründungen – im Pariser Quartier Latin waren sogar Studenten vor Jahrhunderten die Leiter der Universität.

3: Entfaltung
Deutlich ist mir über all die Jahre geworden und geblieben, daß die Studierenden über eine immense soziale (Erfahrungs-)Wissen-Potentialität (als tacit knowledge) verfügen - auch wenn sie es nicht wissen oder noch nicht oder nicht mehr wertschätzen mögen (denn Lehr-Lern-Prozesse sind auch häufig und schrecklicherweise Ab-Erkennungsprozesse im Sinne von Entmutigung). Gefragt sein sollte der Hochschullehrer als Mäeutiker, als jemand, der etwas Geschlossenes oder Verschlossenes entfaltet (wie eine ehemalige Studentin, Birte Rosenau, in ihrer Diplom-Arbeit schrieb), der etwas Verstecktes entdeckt, der als Entwicklungshelfer tätig ist. Eine Kollegin von der Universidade de Sao Paulo sagte mir während meines Kompakt-Lehrauftrages dort, es gehe um „Enteisung“, um degeladocao; auch Verflüssigung von Verfestigung wäre ein passendes Bild. Ebenso könnte ich die Reisemetapher heranziehen.

4: Eigensinn – Fachlichkeit - Kommunikation
Ich stelle in meinem hochschuldidaktischen Selbstkonzept fest: Eigensinn, Fachlichkeit und Kommunikation möchte ich zugleich bei den Studierenden fördern bzw. im Rahmen des seminaristischen Angebots fordern. Lebendiges Wissen soll entstehen, eine Bereitschaft zu lernen und zu lehren, Lernen am Lebenslauf, als Lebenslauf, als „Lebensgewinnungsprozeß“ (wie Karl Marx so vitalistisch sagt) - also biographisch, experimentell, als essai – also als Versuch mit offenem Horizont – nicht (allein) im Verständnis des naturwissenschaftlichen, idealisierten Experiments, sondern eher alltagsweltlich, durch Neugier geprägt - eine Mischung aus Systematik und Erlebnishaftem.

5: the shift from teaching to learning
Schon vor Jahren machte mich in einem Gespräch unser Kollege Bernd Kolleck aus seiner Informatik-Fachlichkeit darauf aufmerksam, daß der Hochschullehrende immer mehr zum Moderator werden würde. Heute spricht man in der Hochschuldidaktik von the shift from teaching to learning. Also: Keine Lehrstruktur mehr, sondern eine Lernkultur prägt den hochschulischen Unterricht und bezieht auch den Hochschullehrer als Moderator mit ein. So habe ich es im übrigen schon lange gehalten (möglicher Weise mit Variationen immer schon) – was auch nahe liegt in Seminaren, die ich in der Sozialen Kulturarbeit, im Werkstatt-Studium, in Seminaren für BerufspraktikanntInnen, in Fort- und Weiterbildungen, in Projekten usw. anbieten durfte. Sie sind eher Labore, workshops, offene Experimente, Versuchsanordnungen, die lebendiges Wissen anregen, ausagieren, präsentieren wollen.

Nebenbei & etwas abschweifend: Es gab mal eine Zeit, da wurden Fächer und Lehrveranstaltungen nach klima-geographischen Gesichtspunkten katalogisiert, also nach so genannten trockenen und – ja und wie nennt man die anderen Fächer? Ich nehme mal diesen Unterscheidungsversuch auf. Es gäbe also dann trockene und feuchte Fächer – fachlich gesprochen: aride (also trockene) und humide (also feuchte) Lehr-Lern-Biotope. ‚Meine’ Disziplin der Sozialen Kulturarbeit wird gerne als nicht trockenes Fach klassifiziert – und das ist mir so unlieb gar nicht; denn: Mit ‚humiden’ Fächern bzw. ihren Lehr-Lern-Veranstaltungen befinden wir uns etwa in der schönen englischen Tradition des good humor, was meint, im Feld von guter Laune, Heiterheit, Aufgeklartheit/Augeklärtheit zu sein (klern heißt im Jiddischen übrigens: denken). Und auch die schöne Ansicht der mittelalterlichen Medizin und Philosophie wäre hier zu assoziieren: Die gute, ausgewogene Mischung der menschlichen Körpersäfte/Feuchtigkeiten ergibt gelungene Temperamente. Humide, also feuchte, vitale Fächer betreiben unter anderem Temperament-Bildung. Was die ariden, also so genannten trockenen Fächer machen? Wahrscheinlich das Gleiche – ich erinnere an den Walt-Disney-Filmtitel meiner Schulzeit. Die Wüste lebt!

6: Erzählen als Folie
Warum begannen wir (Gerd Koch, Birger Schmidt und später kam Stephan Wesseling als Theatermann hinzu) vor Jahren an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin etwa versuchsweise Erzählcafés zu initiieren? (siehe dazu Reiner Steinweg (Hrsg.) unter Mitwirkung von Gerd Koch: Erzählen, was ich nicht weiß. Berlin, Milow 2005). Drei Gründe waren es vornehmlich:

1. Grund: Die StudentInnen klagten nicht selten darüber, dass DozentInnen sie mit alten Geschichten, Anekdoten, Fällen abspeisen würden, statt aus dem Heute (in unserem Falle: der aktuellen Sozialen Arbeit) zu berichten. Was lag da näher, als Personen zu Worte kommen zu lassen, die ihre berufsfeldbezogenen Erfahrungen und Erlebnisse zum Besten geben. Zuhörerinnen und Moderatorinnen können sich nicht immer sicher sein, dass nicht auch Erfundenes, Gefühltes, später Hinzufabuliertes, nachträglich Geglättetes als etwas Reales erzählt wird. Eine narrative ‚Polyphonie’ kann entstehen - als eine unreine, aber gerade deshalb sehr realistische Mischung, der eine Entmischung im Seminar folgen soll.

2. Grund: Das Lehren und Lernen soll nach meiner hochschuldidaktischen Ansicht immer mehr zu einem variablen, konstruktiven Kommunikationsangebot werden. „Im lehren muß das lernen enthalten bleiben.“ – fordert Bertolt Brecht. Bloß: Wie machen?! Die einlinige Seminarkommunikation nach dem Sender-Empfänger-Modell will ich nicht länger bedienen. Das Kaffeehaus als Ort informellen Lernens schwebte mir als kommunikatives Modell vor. Die de-konzentrierte Kommunikationsmöglichkeit eines situativen Lernens und Lehrens in einem (idealisierten) Kaffeehaus wird bewusst in Kauf genommen. Es geht mir darum, informelles Lernen an verschiedenen Lernorten und in Kooperation mit dem Lernort Alice-Salomon-Fachhochschule zu ermöglichen, das an den Prozess des alltäglichen, kommunikativen, auch nomadisierenden Gewinnens von Erfahrungen erinnert. Eine Rezensentin beschrieb neulich den Erzählgestus Salman Rushdies so, daß ich darin unseren narrativen, epischen Ansatz z. T. wiedererkannte: „Üppig und überbordend zu erzählen, Pathos mit Komik zu brechen - das ist Rushdies Stil. Dieses Erzählen entstammt einer Kommunikationskultur, die sich über Nebenschauplätze und Nebenfiguren dem Wesentlichen nähert. Rushdie weiß um das Befremdende dieser Erzählweise, er weiß auch um deren Zauber, und er setzt beides ein“ [Insa Wilke: Auf dem Höllenfluss durchs Paradies (zu „Shalimar der Narr“), in: Frankfurter Rundschau, 21. 6. 2006, S. B 6]. Aufs hochschuldidaktische Handeln bezogen: Das Erzählerische als eine – naive, rudimentäre – Form des Transdisziplinären (?!) bzw. das Transdisziplinäre im Gewande des Narrativen (?!).

3. Grund: Wissen wird nicht nur über die sog. Inhalte tradiert, sondern ganz häufig durch die Formen, in denen es erscheint (vgl. Jacques Rancière: Die Namen der Geschichte. Frankfurt am Main 1994), durch die Haltung des Forschenden, der (s)ein Wissen ausbreitet (oder dem man es entreißen muss, wie Bertolt Brecht erzählt), sowie durch die mediale Bearbeitung des Wissens. Und: Das szenische und erzählende Erinnern reaktiviert ganz häufig Wissen bei Zuhörenden: Daten, Fakten, Strukturen, Gefühle, Strategien, Erfolge/Mißerfolge. Und es sind nicht zuletzt die Personen und ihre Erzählgestalt, die uns etwas sagten – was ja doppelt lesbar ist: Sie sind diejenigen, die etwas sagen im Sinne von Erzählen und sie sind die, die uns etwas bedeuten – nicht zuletzt durch ihre eigensinnige, als farbig, unmittelbar und ‚authentisch’ erlebte Art des Erzählens. Faktizität und Geltung kommen in einem Vorgang, nämlich im Erzählvorgang, zusammen. Solches Zusammenspiel macht sich im übrigen das nicht immer wohlgelittene sog. infotainment zugute: Information und Entertainment (Unterhaltung) werden gebündelt. Kulturpessimisten würden sich von dieser Kombination kopfschüttelnd abwenden – aber mit Bertolt Brecht lassen sich die Begriffe Unterhaltung und
(Lebens-)Unterhalt eng aneinander führen. Auch die Literarischen Salons zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren wirkungsmächtige Konversationssituationen dieser Art – also: Unterhaltung in einem emphatischen Sinn. Karl Schlögel, Historiker und Hochschullehrer und zum Glück auch Publizist (! was eine sinnvolle Kombination ist – Vorschlag: Hochschullehrer sollten sich eher als Publizisten und Öffentlichkeitsarbeiter, denn als professores, also Bekenner, verstehen), Schlögel also führt Lehr-Lern-Veranstaltungen durch, die so strukturiert sind: „Was macht er denn da? Wissenschaft light oder intelligente Spitzen-Unterhaltung? … Wo liegt die Grenze zwischen strenger Wissenschaft und Wissenschaft als Event? Schlögel jedenfalls hat etwas erfunden, das den intellektuellen Raum Universität überschreitet. Man kann den Kopf auf Entdeckungsreise schicken.“ (Frauke Hamann: Leichtigkeit, Frankfurter Rundschau 7. 9. 2004, S. 27)

7: Alexander von Humboldts praktisch-theoretische Struktur des „Weltbewußtseins“ als (m)ein meta-theoretischer Leitfaden
Eine Lektüre-Erfahrung der letzten Jahre hat mich in meinem Verständnis von Hochschuldidaktik meta-(also: hintergrunds-)theoretisch sehr beeinflusst. Ottmar Ette hat eine Untersuchung unter dem Titel „Weltbewußtsein“ (Weilerswist 2002) zum Erkenntnis- und Praxis- und Kommunikationsansatz von Alexander von Humboldt verfasst. Einzelne Aspekte seiner Humboldt-Lesart zitiere ich nun zustimmend: „Die Humboldtsche Wissenschaft bleibt nicht auf einzelne Disziplinen beschränkt, fühlt sich nicht an die damals existierenden disziplinären Grenzen gebunden, sondern ist transdisziplinär in dem Sinne, daß sie sich gleichsam nomadisierend zwischen den unterschiedlichsten akademisch verankerten oder noch nicht institutionalisierten Wissensgebieten bewegt. Sie sind damit etwas grundsätzlich anderes als eine interdisziplinär vernetzte Wissenschaft, innerhalb welcher jeweils vom Standpunkt einer bestimmten Disziplin aus mit anderen ‚disziplinierten’ Wissenschaftsgebieten Formen der Zusammenarbeit gesucht und erprobt werden.“ (S. 43)

Ein weiteres Leit-Zitat: „Das konkrete Leben … ist immer durch ein Fehlen gekennzeichnet, durch eine Lücke in der unmittelbaren (Hv. gk) Anschauung, welche die Erfahrung … zum Fragment werden läßt. Gerade die Differenz, aus der die Fülle unterschiedlichster Phänomene entsteht, das Spiel von Einheit und Vielheit läßt Weltwahrnehmung zu einer stets fragmentarischen Erfahrung werden. (-) Die Welt im Kopf, von Kunst, Wissenschaft und Literatur angeregt, kann dieser Verlusterfahrung eines planetarischen Denkens entgegenwirken“(S. 56) und zu einem „Polylog der Kulturen der Welt“ (S. 78) führen. „Wie auch in anderen Bereichen der Kultur war Humboldt vom beziehungsreichen Spiel der Identitäten und Differenzen in den Sprachen (im weitesten Sinne, Anm. gk) der Welt fasziniert. Alexander von Humboldts Moderne ist notwendig polyphon.“ (S. 85)

8: Und weiter?!
Die Ideen von Alexander von Humboldt sind mir so sinn(en)-reich, daß sie mich auch über die hauptberufliche Tätigkeit als Hochschullehrer hinaus leiten werden – gespeist zusätzlich aus sinnfälligen Erinnerungen an meine Jahre an der FHSS/ASFH mit ihren Lernenden, Lehrenden, KollegInnen aus der Verwaltung sowie Praxisanleiterinnern und -anleitern.

Ich verlasse die institutionalisierte, disziplinierte Form eines Dienstes, wenn ich Pensionär werde, was – hoffentlich - nur ein Ruhestand in diesem - auf die Institution bezogenen - Sinne sein wird – nicht eine Ruhe und ein Ausgedient-Sein in der Sache und im Habitus.

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lesung aus einem roman - eintritt frei
19.06.2006

Lese- und Informationsveranstaltung im Anne Frank Zentrum
Rosenthaler Straße 39, nähe Hackescher Markt
Montag, 19. Juni 2006, 18 Uhr

"Biografisches und Kreatives Schreiben" ist der Titel eines neuen
Masterstudiengangs der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin. Der
Studiengang startet im Oktober 2006 und ist der erste
Masterstudiengang dieser Art im deutschsprachigen Raum.

Heidi von Plato liest aus ihrem Roman "Das haarige Mädchen", der Lebensgeschichte
einer ungewöhnlichen Frau im 16. Jahrhundert.

Anschließend findet ein Werkstattgespräch über Kreativität im
Werkprozess und das Schreiben von Biographien statt.

Heidi von Plato studierte Psychologie, Germanistik und Philosophie. Sie schreibt
Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke und leitet Seminare zum
Kreativen Schreiben.

Der neue Masterstudiengang "Biografisches und Kreatives Schreiben"
wird durch den Koordinator Claus Mischon vorgestellt.

Der Eintritt ist frei.



Lese- und Informationsveranstaltung im Anne Frank Zentrum
Rosenthaler Straße 39, nähe Hackescher Markt
Montag, 19. Juni 2006, 18 Uhr

"Biografisches und Kreatives Schreiben" ist der Titel eines neuen
Masterstudiengangs der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin. Der
Studiengang startet im Oktober 2006 und ist der erste
Masterstudiengang dieser Art im deutschsprachigen Raum.

Heidi von Plato liest aus ihrem Roman "Das haarige Mädchen", der Lebensgeschichte
einer ungewöhnlichen Frau im 16. Jahrhundert.

Anschließend findet ein Werkstattgespräch über Kreativität im
Werkprozess und das Schreiben von Biographien statt.

Heidi von Plato studierte Psychologie, Germanistik und Philosophie. Sie schreibt
Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke und leitet Seminare zum
Kreativen Schreiben.

Der neue Masterstudiengang "Biografisches und Kreatives Schreiben"
wird durch den Koordinator Claus Mischon vorgestellt.

Der Eintritt ist frei.

*

Eine Leserin, Brigitte Siebrasse, hat genau das zum Buch von Heidi von Plato gesagt, was ich gerne geschrieben hätte. Was soll ich hinzufügen?

Klar, durchsichtig geschrieben ist der Roman, manchmal wie gesprochen (nicht nur in den Brief-Passagen, die das Buch enthält); manchmal hört man förmlich in die Zeit hinein; wunderbar lapidar kann die Autorin formulieren (wie viel Wörter muss sie beiseite gelegt haben, damit solch ein Text entsteht?!). Und zugleich: sehr bildhaft das Ganze – Bilder stehen nicht in diesem Text, um etwas vereinfacht deutlich zu machen, sondern Bilder sind Interpretationsangebote und sagen: so könnte es gewesen sein, aber es könnte auch anders gewesen sein. Ein sinnliches Buch.

Ich habe mir einen – hoffentlich nicht ganz unziemlichen – Scherz mit dem Roman geleistet: nach seiner Lektüre habe ich nur mal solche Seiten herausgepickt, auf denen von Speisen und Eßgewohnheiten berichtet wird (immerhin kultivierten sich zur Zeit der Handlung des Romans die europäischen Esssitten) und habe danach gekocht. Die Autorin möge mir dies verzeihen, aber sie schreibt ja von einer mit Rosenwasser getränkten Kürbistorte (S. 84); von Dattelrolle mit Mandeln (S, 84), von einer Torte, auf der eine kleine Figur stand (S. 136), von Seezunge an Birnensauce … süßer Fisch, schrecklich (S. 84), von wie lebende Würmer aussehenden Nudeln (S. 82), von Weinbeersaft (S. 53) und Wermut (S. 81), von Pilzsuppe (S. 83), und: bitte keine gefüllten Vögel? Bloß keine Vögel! (S. 83).

Ein mehrfach Appetit machender Roman. Lesen, lesen!

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ratten 07 - theater
19.06.2006



Theater in der ASFH – RATTEN 07 in der ASFH – Brecht in der ASFH


Das obdachlose
THEATER RATTEN 07


spielt in der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin-Hellersdorf


Bertolt Brecht: Der Brotladen

Mittwoch, 21. Juni 2006, 17 Uhr, im AudiMax

Ein Stück aus der Arbeitslosigkeit, aus der Obdachlosigkeit, aus den Hungerphasen der sog. Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts in Berlin und anderswo. Brecht begann 1929/30 mit der Arbeit am „Brotladen“, aber erst 1967 kam das auf die Bühne (Berliner Ensemble).

Im „Brotladen“ gibt es die berühmt-berüchtigte Brötchen-Schlacht und den Bäckermeister Meininger und Frau Queck und den Zeitungsjungen Washington Meyer und die Heilsarmee und und und …

Jetzt scharf und lustig und kritisch gespielt von den RATTEN 07 – vor Jahren schon mit großem Erfolg gezeigt – nun zum letzten Male in der Original-Besetzung von damals in der ASFH!


Bertolt Brecht ist 50 Jahre tot - seine Theaterstücke leben!

Mann/Frau kann sich überzeugen: Mittwoch, 21. 6. 06, 17 Uhr, AudiMax, ASFH, Spieldauer etwa 1 Stunde

Unser Beitrag zum Brecht-Jahr 2006
(Organisiert von Prof. Dr. Gerd Koch/Soziale Kulturarbeit)

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Erzähl-Cafè am 7. 6. 06
08.06.2006

Liebe Studentinnen und Studenten! Ich habe mich SEHR über Eure Teilnahme am Erzähl-Café mit C. Wolfgang Müller und mir gefreut. Daß so viele kommen, hatte ich nicht im Traum erwartet. Hoffentlich war unser/mein Auftritt nicht zu langweilig?!
Ich hatte mir den gag geleistet, ein Foto von mir von etwa 1964 nochmal - mit Autogramm versehen - zu kopieren. Die 40 Exemplare waren nicht ausreichend. Ich werde noch Exemplare nachmachen und sie in der ASFH bei mir tragen oder im Büro (R. 207) zur Verfügung haben. Also sprecht mich an ...
Nach dem gestrigen Abend wird mir wieder deutlich, daß mir vor allem die Arbeit mit Studierenden fehlen wird, wenn ich zum Ende des Semesters mit dem hauptamtlich erbrachten Unterricht aufhöre.
Es grüßt herzlich
Gerd Koch

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Aufregendes Theaterstück
09.05.2006

>Sehr geehrte Damen und Herren,
>
>>> >
>>> >ein Kulturarbeitsseminar der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin
>>> >begleitet eine professionelle Theaterproduktion des Jungen
>>> >Schloßplatztheaters Berlin-Köpenick unter der Regie von Anna Zimmer (im
>>> >Kontakt mit dem Kulturzentrum Alte Möbelfabrik Berlin-Köpenick).
>>> >
>>> >Zu den nächsten Aufführungen laden wir herzlich ein. Weitere Angaben
>>> >siehe unten.
>>> >
>>> >Im Anschluß an Aufführungen finden Publikumsgespräche mit einem Gast
>>> >statt: Mittwoch, 10. 5. 06 mit Günther Wahrheit (Gast-Dozent an der
>>> >ASFH), Donnerstag, 11. 5. 06 mit Ralf Busch (Fan-Projekt der Sportjugend
>>> >und Lehrbeauftragter an der ASFH), 12. 5. 06 mit Prof. Dr. Rita Marx
>>> >(Fachhochschule Potsdam).
>>> >
>>> >Besuchen Sie die Aufführungen und Gesprächsrunden.
>>> >
>>> >Prof. Dr. Gerd Koch
>>> >(Studienbereich Soziale Kulturarbeit/Theater an der ASFH <
>>> >koch@asfh-berlin.de >)
>>> >
>>> >------------------------------------------------------------------------
>>> >
>>> >„HERONS - Reiher“
>>> >
>>> >/Ein spannungsgeladenes Theaterstück über Gewalt unter Jugendlichen vom
>>> >britischen Erfolgsautor Simon Stephens
>>> >ab 14 Jahren/
>>> >
>>> >Premiere: 21. April 2006, 20.00 Uhr
>>> >
>>> >HINTERGRUND
>>> >Was geht in den Köpfen jugendlicher Gewalttäter vor? In den Medien ist

fast

>>> >täglich von Übergriffen die Rede, die Jugendliche an Gleichaltrigen,
>>> >gegenüber
>>> >Autoritätspersonen oder auch scheinbar wahllos verüben. Inzwischen gibt

es

>>> >auch immer mehr Literatur zum Thema, aber uns ist noch kein Beitrag
>>> >begegnet,
>>> >der die Frage nach Gewalt und Tod so überzeugend und doch raffiniert
>>> >stellt, wie
>>> >das Stück „HERONS“.
>>> >
>>> >GESCHICHTE
>>> >Billy ist eher ein Einzelgänger als ein Draufgänger. Man findet ihn
>>> >meist bei einer
>>> >Schleuse. Wie sein Vater angelt er Schleien, die er allerdings wieder
>>> >frei lässt. Er
>>> >hat ein Heft, in dem er alles aufschreibt, was er beobachtet. Sein Vater
>>> >ist kein
>>> >Held, aber er Ross und seine Gang bei einem Verbrechen an einem jungen
>>> >Mädchen beobachtet hat. Durch seine Anzeige kommen die Schuldigen ins
>>> >Gefängnis
>>> >
>>> >Das Stück beginnt ein Jahr nach der Tat. Ross hat einen Bruder: Scott.
>>> >Und der
>>> >sieht die Geschichte ganz anders. Er und seine Gang bedrohen Billy.
>>> >Anfangs noch
>>> >mit gebührendem Abstand, erscheinen sie immer häufiger an der Schleuse

und

>>> >werden brutaler, bis hin zum gewalttätigen Missbrauch an Billy. Die
>>> >Situation wird
>>> >verschärft durch die Tatsache, dass Adele, die eigentlich Scotts
>>> >Freundin ist,
>>> >immer öfter zu Billy an die Schleuse kommt.
>>> >
>>> >Zu Beginn wendet sich Billy an seinen Vater, doch dieser kann mit der
>>> >Angst seines
>>> >Sohnes nicht umgehen. Er ist ratlos. Auch Billys Mutter ist alles andere
>>> >als eine
>>> >Vertrauensperson. Bleibt nur noch Adele. Zwischen den Beiden entwickelt
>>> >sich eine
>>> >zarte Liebesgeschichte, doch helfen kann sie ihm auch nicht. Am Ende
>>> >greift Billy zur
>>> >Waffe. Es bleibt offen, ob er sie benutzt.
>>> >
>>> >Die Charaktere des Stückes sind keine theatralischen Skizzen, sondern
>>> >moderne
>>> >Menschen, deren Geschichte mit zu erleben die Faszination des Stückes
>>> >ausmacht.
>>> >
>>> >CASTING
>>> >Unter 40 Jugendlichen aus ganz Berlin wurden fünf ausgewählt, die neben
>>> >zwei
>>> >Profis die Hauptrollen spielen: Christina Gatterer, (22), Eric Golub

(19),

>>> >Jakob Plutte (21) , Daniel Schlesener (18), Serkan Tuerkkan (19) und

Gerard

>>> >Dlugay (41), Katharina Schwarz (33)
>>> >
>>> >PROBEN
>>> >Neben Schauspieltraining, Improvisationen, Textarbeit und Entwicklung der
>>> >Szenen mit der Regisseurin Anna Zimmer wird das Thema Gewalt und die
>>> >Kampfchoreografien mit Boris Methner und Dirk Borchardt von Nervous

Service

>>> >erarbeitet. Die Darstellung der im Stück vorhandenen latenten, unter-
>>> >schwelligen und ausgeübten Gewalt stellt besondere Anforderungen an die
>>> >jungen Darsteller - physisch wie psychisch.
>>> >
>>> >COACHING
>>> >Um eine möglichst hohe Authentizität im Spiel zu erreichen, wurden
>>> >Jugendliche,
>>> >die von Gangway auf der Straße betreut werden, eingeladen, Proben zu
>>> >besuchen
>>> >und als Coaches in Auseinandersetzung mit den Spielern und der
>>> >Regisseurin, das
>>> >Gesehene auf den Wirklichkeitsgehalt zu überprüfen.
>>> >
>>> >BEGLEITUNG
>>> >Studenten der Alice-Salomon-Fachhochschule unter Anleitung von Prof.
>>> >Gerd Koch
>>> >setzten sich mit dem gesamten Projekt auseinander und entwickeln ein
>>> >Programm für
>>> >die theaterpädagogische Nachbereitung des Stückes.
>>> >
>>> >MACHER
>>> >Regie: Anna Zimmer
>>> >Ausstattung: Giovanni de Paulis
>>> >Musik: Udo Koloska
>>> >Lichtdesign/Video: Felix Grimm
>>> >Kampfchoreografien: nervous services
>>> >Dramaturgische Mitarbeit: Britta Pudelko
>>> >Produktionsleitung/ Öffentlichkeitsarbeit: Birgit Grimm
>>> >Regieassistenz: Annette Piayda
>>> >Ausstattungsassistenz: Lea Connert
>>> >
>>> >SPIELTERMINE
>>> >
>>> >10./11.05 18.00 Uhr
>>> >12./13.05 20.00 Uhr
>>> >
>>> >Ein Projekt des Jungen Schlossplatztheaters in der kultur-kantine/TRAFO
>>> >e.V.,
>>> >
>>> >Wilhelminenhofstr. 83-85 (an der Spree), 12459 Berlin
>>> >
>>> >Karten & Infos unter 030 651 651 6
>>> >info@schlossplatztheater.de
>>> >www.schlossplatztheater.de
>>> >
>>> >www.kultur-kantine.de

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Werkstatt-Übung-Kombi (2. Sem.)
09.05.2006

Gerd Koch, Günther Wahrheit SoSe 2006

Kombi-Veranstaltung „Werkstatt & Übung“ – Planungsvorschlag für die 2. Hälfte des Semesters

Vorbemerkung:
Da die allermeisten von Euch sowohl die Werkstatt wie die Übung mit Feldstudienphase belegt haben, bietet es sich an, beides in eine Planungsüberlegung einzubeziehen. Auch haben wir uns ja geeinigt darauf, am Tag der Offenen Tür der ASFH am Donnerstag, dem 15. Juni 2006, mit einer „Studentischen Wissenschaftlichen Konferenz“ aufzutreten.

Im einzelnen:
Freitag, 28. 4. 06, 15.00 Uhr: Treffen im Seminarraum; dann wird ein Film (ca. 30 min) über eine Institution/ein Feld sozialer Arbeit, nämlich das KREATIVHAUS Berlin-Mitte, vorgeführt (wahrscheinlich im AudiMax). Die Bearbeitung dieses Impulses soll nach unserer Ansicht so geschehen, daß Ihr zuerst individuell eine Logbuch-Notiz verfasst (so als wäret Ihr dort während der Feldstudienphase gewesen), dann besprecht Ihr diese Notiz kurz mit der Nachbarin/dem Nachbarn. Anschließend verfasst jede/r mit Hilfe der cluster-Methode einen kurzen Bericht und trägt ihn vor.

Freitag, 5. 5. 06: Textberatung in Teilgruppen mit Blick auf die Wissenschaftliche Konferenz
15 – 16 Uhr: Leo, Conny
16 – 17 Uhr: Ires, Caro
17 – 18 Uhr: Björn, Sam, Max

Freitag, 12. 5. 06: Programm wie am 5. 5.
15 – 16 Uhr: Julia, Olliver?
16 – 17 Uhr: Silvia
17 – 18 Uhr: Leo, Conni

Freitag, 19. 5. 06, Programm wie am 5. 5.
15 – 16 Uhr: Anne, Esther
16 – 17 Uhr: Anne S., Tanja
16 – 17 Uhr: Antje, Tine?
16 – 17 Uhr: Pia, Arzu, Caro, Iris, Doreen
17 – 18 Uhr:

Freitag, 26. 5. 06: Seminartermin für alle mit Günther Wahrheit

Freitag, 2. 6. 06: Seminartermin für alle mit Gerd Koch

Freitag, 9. 6. 06: 15 – 18 Uhr: Detailplanung, Tagungsdidaktik verabreden und Probedurchlauf zur Studentischen Wissenschaftlichen Konferenz am Tag der Offenen Tür (15. 6. 06)

ACHTUNG: Donnerstag, 15. 6. 06: 2 x 2 Stunden Wissenschaftliche Konferenz: Beginn ca. 14.30 und 16.30. Plus Info-Theater zu Hartz IV (Beginn ca. 16 Uhr)während des Tags der Offenen Tür an der ASFH .

Freitag, 16. 6. 06: kein Seminar

Freitag, 23. 6. 06: Feedback zur Wissenschaftlichen Konferenz und evtl. Teilnahme an der Werkstattpräsentation zur Expertenbefragung zum Antisemitismus in der ASFH

Freitag, 30. 6. 06: zwischen 10 und 16 Uhr: Teilnahme an der Tagung in der ASFH zur „Zukunft der Sozialen Arbeit“

Freitag, 7. 7. 06: Semester-Abschluss-Runde





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8. Text zur Vorlesung "Soziale Kulturarbeit" im WS 2005/6
04.03.2006

Gerd Koch (Berlin)
koch@asfh-berlin.de

Bertolt Brecht und die Bildende Kunst – mit Ausblick auf sein Konzept des Epischen Theaters

Bertolt Brecht (Dichter) und Hans Tombrock (Maler)

Im Jahre 2004 wurden zum ersten Male Erinnerungen des Malers und Grafikers Hans Tombrock an seine Zeit mit Bertolt Brecht – vornehmlich im schwedischen Exil ab 1938 – veröffentlicht. (N, 141) (1) Tombrock erinnert sich, Brecht habe ihm „oftmals zugeredet …, unsere Gespräche aufzuschreiben, ihm zu zeigen und mit ihm durchzusprechen.“ (N, 142), so daß Tombrocks Überlieferungen als einigermaßen gesichert angesehen werden können. (2) Abgesehen von einigen subjektiven und zeitkontextuellen Einfärbungen das Malers Hans Tombrock korrespondieren seine Aussagen mit Texten Brechts zu kunst-theoretischem wie politischem Denken zur bildenden Kunst, vornehmlich zur Malerei, zum ‚bildkompositionellen Schaffen auf Tafelbildern’ (Brecht), wie sie in der Großen Brechtausgabe (zitiert als GBA) zu finden sind.

Meines Erachtens sind im Kontakt zwischen Brecht und Tombrock (fast) alle Themen angeschnitten worden, die in den Zusammenhang der Konstitution des Brechtschen Epischen Theaters (3) und seines Verständnisses von Verfremdung/V-Effekt (4) gehören und aus seiner Beschäftigung mit Malerei, mit der traditionellen Form des Tafelbildes und mit den Bildkünsten entstammen. Man kann exemplarisch feststellen, daß Brecht namentlich den niederländischen Maler Pieter Brueghel d. Ä., den sog. Bauernbrueghel (etwa 1525 – 1569) (5) zur Fundierung seines Verständnisses vom neuen Theater heranzieht und daß er dem sich in der Entwicklung befindlichen Maler Hans Tombrock nun seinerseits Ideen aus der Produktionsweise des Stückeschreibers zur Bildgestaltung im technischen und sozialen Sinne vermittelt.

In Brechts Wohnung in der Berliner Chausseestraße wird man bei Führungen besonders darauf aufmerksam gemacht, daß Brecht seine schweren Brueghel-Bildbände durch alle Exil-Orte mitgeschleppt habe. Am 8. 12. 1939 notiert Brecht in einem Journal seine ‚Besitztümer’: unter anderem „2 Bände Breugelbilder“ (GBA 26, 350) (6)

Bertolt Brecht befand sich ab 1933 im Exil. In der Zeit vom 23. 4. 1939 bis 16. 4. 1940 lebt er in Lidingö (Schweden). Dort hatte er unterschiedlich intensiven und aus politischen Gründen vorsichtigen Kontakt mit den jeweiligen Arbeiterparteien und Gewerkschaften - namentlich mit ihren Kulturgruppen und speziell deren (Amateur-)Theatergruppen, suchte er doch verständlicherweise nach Aufführungsmöglichkeiten für seine Stücke – was zuerst einmal das Öffentlichkeits-Interesse eines jeden Künstlers, aber namentlich eines Theaterkünstlers sein muß, da seine Texte ja eine sog. zweite Geburt benötigen, nämlich die Bühnenpräsentation. Bei Brecht kommt sein politisches und pädagogisches Wirkenwollen, sein Verständnis von eingreifender Kunst hinzu.
Brecht hatte auch mit exilierten Künstlern verschiedener Sparten‚ Maler, Lyriker, auch Publizisten und emigrierten Politikern Gespräche. (7)

Hans Tombrock (1895 – 1966) wurde „als 16. Kind einer Bergarbeiterfamilie am 21. 7. 1895 in Benninghofen (Dortmund) geboren, arbeitet 14jährig in einer Zeche, 1913 als Schiffsjunge. Er ist in den zwanziger Jahren als Arbeiter in Bergwerken und anderen Betrieben tätig und zieht als Vagabund im Land umher. Seit 1929 findet er eine Tätigkeit in der von Gregor Gog gegründeten ‚Bruderschaft der Vagabunden’: er zeichnet für die Zeitschrift Der Vagabund. 1933 emigriert Tombrock und kommt (über andere Länder) 1939 (8) nach Schweden, wo er sich als Maler seinen Unterhalt verdient. Schon kurz nach ihrem Kennenlernen schließen B und Tombrock Freundschaft und treffen sich häufig in Bs Haus. B geht mit Tombrocks Vorsatz konform, Kunst für das Volk zu machen, und diskutiert mit ihm über die Möglichkeiten, dies zu realisieren.“ (9) Tombrock stammte politisch aus der sozialen, politischen und kulturellen sowie antiautoritären, sozialreformerischen (lebensreformerischen) sog. Vagabunden-, Kunden-, Berber-Bewegung, also der Nichtseßhaften, der Obdachlosen, der Tippelbrüder, der Menschen von der Landstraße (Lumpenproletariat würde Karl Marx diese soziale Gruppe nennen), die vornehmlich von Gregor Gog organisatorisch gestaltet wurde, der sich im russischen Exil befand. (9) Für die Zeitschrift „Das Wort“ schreibt Grog einen biographischen Beitrag zu Tombrock: „Ein deutscher Malervagabund“.(10)

Tombrock war als Maler Autodidakt: Er hatte weder seine schulische Laufbahn ganz abschließen könnte, hatte keine Kunsthochschule besucht. Er wurde später als „George Grosz der Landstraße“ bezeichnete. (N, 7) Er hat er in der von Herwarth Walden herausgegeben Zeitschrift „Der Sturm“ publiziert und in der Galerie gleichen Namens ausgestellt. Aus Tombrocks Notizen (N, 141) erfahren wir, daß Brecht ihn wohl schon seit 1929 aus dieser expressionistischen Kultur-Zeitschrift, die sich gegen Militarismus wandte, kannte – also nicht aus Tombrocks oder Gogs sozial- und kulturpolitischem Engagement in der Vagabunden-Bewegung, die schien Brecht zu romantisch und verlumpt (N, 33, siehe auch GBA 26, 398,). Tombrock lernte Brecht nach eigenen Aussagen am 3. Juli 1938 persönlich in Schweden kennen (N, 141).

Noltenius schreibt, daß durch den Kontakt mit Brecht die Bilder von Tombrock „die expressionistische Note verloren“ hätten; also das plakative Anklagen in der „O-Mensch-Tradition“ des Expressionismus, „aber dafür an Plastizität und malerischem Reiz gewonnen“ (N, 35) hätten. Tombrock erinnert sich: „In der Malerei lernte ich durch ihn (Brecht, Anm. gk) den Farbenstrich, richtig gestaltet, als eine Art Buchstaben zu erkennen, mehrere Striche zusammengeführt stellte er als Silben und Wörter dar, diese wurden dann in der geistigen Fortführung der Zusammenstellung von Farben und Formen zu Gedanken entwickelt, die dann, in der Vollendung des Kunstwerkes (und das, sagte er, finge dort an, wo das Nurbildwerk aufhöre), die Aussage einer Aphorisme, eines Gedichtes, einer Erzählung oder gar die Gedankengänge im Gesamtwerk eines Buches enthielten.“ (N, 142). Vermutlich ist das eine Konsequenz des Brechtschen Denkens – auch – in Bühnen(raum)kategorien: Das Bühnengeschehen kann als bewegliche Plastik verstanden werden; es gibt – nach Brechts Ansicht – multiperspektivische Blicke frei: Vordergrund, Hintergrund; Bühnen- und Geschehenshintergrund am (Bühnen-)Horizont, der das große Ganze in Perspektive zeigt, und Details im Vordergrund. So war der Wagen der Courage wirklich so massiv/echt gebaut, daß Helene Weigel als alternde Schauspielerin unter anderem deshalb ihr Spiel als Mutter Courage aufgeben musste, weil sie nicht mehr sicher sein konnte, den Marketenderwagen gefahrlos über die Bühne zu ziehen: er hätte auch ungesteuert von der Bühne ins Parkett rollen können – so eine gar nicht unrealistische Anekdote


Bertolt Brecht und die Bildende Kunst – ausgehend von Hans Tombrocks Erinnerungen

Pieter Brueghel d. Ä. gibt Brecht Ideen für sein Theater-Konzept

In der 9. Szene seines Galilei in der Fassung von 1938/39 mit dem Titel: „Die kopernikanische Lehre findet Verbreitung im Volk“ lässt Brecht Straßensänger in den Gassen einer italienischen Stadt auftreten und merkt an: „Diese Szene kann in eine Ballettszene aufgelöst werden. Im Stil von Brueghels STREIT (11) DES KARNEVALS MIT DEM FASTEN (entstanden 1559, Anm. gk) kann ein Volksfastnachttreiben gezeigt werden. Nach der ersten Strophe der Moritat kann sich ein Fastnachtszug auf den Platz bewegen, in dem eine BIBEL schreitet, die ein Loch bekommen hat, ein Wagen mit einem Globus gezogen wird, auf dem ein Mönch ausgestreckt mit beiden Armen einen abrutschenden STUHL PETRI zu halten sucht usw. Dann, vor der letzten Strophe, können der MOND, die SONNE, die ERDE und die Planeten auftreten, die das alte und neue Bewegungssystem im Tanz, zu einer strengen Musik, vorführen.“ (GBA 5, 82)

In der amerikanischen Fassung (9. Szene) heißt es: „The characters in this scene were borrowed from Peter Brueghel, the Elder.“ (GBA 5, 160 f.)

In der Galilei-Fassung von 1955/56 fehlt der direkte Verweis auf Brueghels Bild, wohl aber skizziert Brecht in seiner Regieanweisung die Prozession als wenn er das brueghelsche Bild STREIT DES KARNEVALS MIT DEM FASTEN (auch genannt: Der Kampf zwischen Karneval und Fasten) beschreibt – in der Form einer Bildbeschreibung: „Herein zwei Männer in Lumpen, die ein Wägelchen ziehen. Auf einem lächerlichen Thron sitzt ‚Der Großherzog von Florenz’ mit einer Pappdeckelkrone, gekleidet in Sackleinen, der durch ein Teleskop späht. Über dem Thron ein Schild ‚Schaut aus nach Verdruß’. Dann marschieren vier maskierte Männer ein, die eine große Blache (Plane aus grober Leinwand, Anm. gk) tragen. Sie halten an und schleudern eine Puppe in die Luft, die einen Kardinal darstellt. Ein Zwerg hat sich seitwärts aufgestellt mit einem Schild ‚Das neue Zeitalter’. In der Menge hebt sich ein Bettler an seinen Krücken hoch und stampft tanzend auf den Boden, bis er krachend niederfällt. Herein eine überlebensgroße Puppe, Galileo Galilei, die sich vor dem Publikum verbeugt. Vor ihr trägt ein Kind eine riesige Bibel, aufgeschlagen, mit ausgekreuzten Seiten.“ (GBA 5, 262)


Brecht gibt Tombrock Ratschläge zur sozial-ästhetischen Gestaltung

„Schon während Brechts Aufenthalt in Schweden in seinem Haus in Lidingö hatte er Tombrock auf den diesem bisher unbekannten Pieter Breughel d. Ä. hingewiesen und Tombrock den Rat gegeben, diesen holländischen Meister der frühen Neuzeit (12) intensiv zu studieren.“ (N, 33) Was sollte Tombrock von Brueghel lernen? Tombrock erinnert sich an dieses: „Brecht war unerschöpflich im Suchen und Finden der tiefverborgenen Einzelheiten im Bilde: das Motiv, sagte er mir bei unserem Studium der Werke von Breugel, ist nur ein Beiwerk zur Erklärung des wirklichen Problems, so wie zum Beispiel auch bei einem Theaterstück der Raum der Bühne, die Bühnenbilder, Beleuchtung, die Kostümierung der agierenden, diese selbst und viele andere Sichtbarkeiten motivische Voraussetzungen sind, das Problem durch die Aussage des Grundgedankens zu klären.“ (N, 142)

Brecht eröffnet Tombrock seine Gedanken am Beispiel seines Stücks „Mutter Courage“: „Der Zuschauer sieht bei diesem Schauspiel das ganze als bewegliche Bilder, das Dekorative sieht er, die Menschen in dem Raum, was sie tun, wie sie sich bewegen, wie (13) sie was sagen, und warum alles in diesem Schau(!, Anm. gk)stück geschieht. Die Frau Courage hat drei Kinder, die sie durch den Krieg verliert. Sie nimmt es als Schicksal hin und wird dadurch nicht sehend (Hv., gk) oder gegen den Krieg eingestellt. Aber für den Zuschauer kann das Motiv des Stückes im gesamten Spiel durchaus eine Erkenntnis gegen den Krieg sein!“ (N, 142) Tombrock bittet Brecht um Präzisierung: „gegen welchen Krieg“ solle es denn gehen in diesem Schaustück? Brecht antwortet. „Nun, das ist der Kernpunkt der Frage und in dem Stück wird sie auch beantwortet. So etwa, wie Breughel in seinem Ikarusbild des Problem durch die kleinen Zappelbeine in dem Ozean der gigantischen Landschaft beantwortete, so sagt die Courage einen kleinen Satz gegen den Krieg, innerhalb der Masse von kriegerischen Geschehnissen und Bildern. Sie sagte: der Krieg soll verflucht sein. Das ist ein Faktum, um das sich alles andere sozusagen als Beihilfe dreht, so wie das gesamte Bildmotiv im Fall des Ikarus die Umsäumung des Problemfaktes der zappelnden Beine ist: die Erklärung im Geschehnis des abgestürzten Fliegermenschen.“ (N, 142)

Brueghels Bild mit dem Titel „Der Sturz des Ikarus“ scheint auf den ersten Blick ein Verwirrspiel mit dem Betrachter anzustellen; denn der stürzende Ikarus ist kaum erkennbar, wohl aber unübersehbar im Vordergrund des Bildes der stoisch pflügende, erdverbundene Bauer, den – so scheint es – nicht kümmert, was sich da sonst noch auf der Welt abspielt. Brecht beschreibt Brueghels Bild „Der Sturz des Ikarus“ so: „Winzigkeit dieses legendären Vorkommnisses (man muß den Gestürzten suchen). Die Figuren wenden sich von dem Ereignis ab. Schöne Darstellung der Aufmerksamkeit, welche das Pflügen beansprucht … Daß die Sonne schon untergeht …, bedeutet wohl, daß der Sturz lange währte. Wie anders darstellen, daß Ikarus zu hoch flog? … Besondere Schönheit und Heiterkeit der Landschaft während des grauenhaften Ereignisses.“ (GBA 22.1, 271 f.)

Zurück zum kleinen Satz der „Courage“: „Der Krieg soll verflucht sein“: „Das Beiwerk (also der der soziale Kontext, Anm. gk) zu der Meinung, der Krieg soll verflucht sein, zeigt dem Zuschauer und Zuhörer, warum der Kriege etwas Verfluchtes ist und lässt ihn darüber nachfühlen und nachdenken. Und: so oder so zu Erkenntnissen kommen.“ (N, 143) Tombrock schließt daraus und Brecht stimmt ihm zu: „ich glaube zu verstehen, worauf es ankommt. Vielleicht meint es Breughel und meinst du es so: der Beschauer des Bildes soll sich nicht nur mit den Augen ansehen, sondern den Sinn und die Gedanken darin suchen, und den Hauptgedanken, den Fakt, der das Probelm darstellt, entdecken und erkennen.“ (N, 143)

Brecht gibt Tombrock einiges von dem weiter, was er seinerseits von Brueghel gelernt hat, vor allem Brueghles bildnerische Kraft, soziale Beziehungen, soziales Geschehen zu zeigen. Brecht „wünschte sich, dass Tombrock das Prinzip von der sozialen Gruppierung (14) als bildkompositorischer Kategorie bei Bruegel lernen werde. In der Tat zeigen viele Werke Tombrocks … eine starke stilistische Ausrichtung an Bruegels Malerei und seiner Art, den menschlichen Alltag in treffenden humoristischen wie realistischen Szenen (15) verschiedener miteinander und gegeneinander agierender Gruppen darzustellen. (-) Als Beispiel dieser Adaption sei Die große Moritat der Galilei-Mappe Tombrocks herausgegriffen … Ganz offensichtlich orientierte er sich dabei kompositorisch und bis hin zur Anregung durch einzelne Szenen an Bruegels Der Streit des Karnevals mit dem Fasten.“ (N, 33) Tombrock schreibt in einem Brief an Gregor Gog vom 24. 8. 1940: „Das Thema habe ich breughelisch aufgefasst …“ (N, 103)

„Die Große Moritat von 1941 blieb noch eng am Vorbild Bruegel und damit trotz der Hinzufügung einiger symbolischer Einzelheiten in der Bemühung, das Geschehen als quasi reale Szene des 17. Jahrhunderts in Florenz darzustellen. Demgegenüber zeigt das Bild von 1947 die Brechung der Illusion (16) die Brecht mit seinem epischen Theater beabsichtigte. Die für Brechts Inszenierungen so charakteristischen Sprecher bzw. vom Schnürboden heruntergelassenen Texttafeln sollten das rein identifikatorische Mitgehen der Zuschauer verhindern und in das emotionale Verstehen auch das Nachdenken intellektueller Art, durch die kommentierenden Tafeln ausgelöst, im Zuschauer anregen.“ (N, 33)

„Auf Vermittlung des in der Sowjetunion lebenden Schriftstellers Gregor Gog erwägt der Staatsverlag in Kiew 1940 einen Druck von Leben des Galilei mit Zeichungen des Grafikers und Malers Hans Tombrock. Brecht berät Tombrock bei der Herstellung der Zeichnungen … Das Projekt wird nicht realisiert, auch nicht 1953, als der Hamburger Verleger Ernst Tessloff die Idee nochmals aufgreift.“ (GBA S. 338)

Brechts Absicht, verschiedene künstlerische Genres, aber auch wissenschaftliche Erkenntnisweisen zu nutzen [Tombrock charakterisiert Brecht recht prägnant in einem Brief an Gregor Gog vom 16. 7. 1939: „B. ist ungeheuer wach und ‚hellsehend’ (Hv. gk). Ein Wissenschaftler, der die Wissenschaft in den Dienst der Kunst stellt.“ (N, 74)] – wobei die Genres ihre eigene Kraft behalten, nicht verschmelzen und nicht in einem sog. Gesamtkunstwerk mit Verwischung der Grenzen aufgehen sollten, macht Brecht Tombrock am Beispiel der Zusammenführung von „geschriebenen Gedanken und … gemalten Gedanken“ (N, 143) deutlich:
Tombrock: „Der Gedanke ist ganz einfach. Auf eine Holztafel malst du ein Bild, auf eine andere Tafel wird ein Gedicht geschrieben. Die beiden Tafeln werden nebeneinander oder gegeneinander aufgehängt, der Zuschauer wendet sich vom Gedicht zum Bild und vom Bild zum Gedicht. Das kann in jedem öffentlichen Gebäude angebracht werden … vor allem aber in Volkshäusern. Der Gedanke, solche Tafelwerke über Lyrik und Malerei zu schaffen, kann einem gefallen oder nicht gefallen … solche Werke (haben) ihre Schwierigkeiten, beide Kunstarten haben ja ihre Eigenart. Aber ein solches Werk bedeutet absolut keine Konkurrenz gegen ein Gemälde ohne Text oder gegen ein Gedicht ohne Bild … es ist also keine Frage um einen neuen Weg für Malerei oder Lyrik, sondern die Frage um einen von vielen neuen und alten Wegen. Und wie gesagt, es gibt hierbei Schwierigleiten.“ (N, 143)
Brecht: „Der Gedanke ist sehr einfach. Auf eine Holztafel wird ein Bild gemalt, auf eine zweite Tafel ein Gedicht aufgeschrieben. Die beiden Tafeln können nebeneinander aufgehängt werden oder einander gegenüber, und der Beschauer wendet sich vom Gedicht zum Bild und vom Bild zum Gedicht. Das kann in jedem öffentlichen Gebäude, jeder Bibliothek, Schule, Klinik usw. geschehen, besonders aber in den Volkshäusern. Der Gedanke, solche Tafelwerke zu schaffen, die aus Lyrik und Malerei bestehen, kann für gut oder schlecht gehalten werden … Merkwürdigerweise bietet er aber für die Ausführenden, den Maler und den Lyriker, eine ganze Menge von Schwierigkeiten.“ (GBA 21.1., 575)
(17)

Brecht will diese Kontrast-Verbindung von Text und Bild als Teil eines produktiven Widerspruchsfeldes nutzen und nicht zur Illustration und Verdoppelung von Sinn. Plastisch und exemplarisch wehrt er sich gegen ein Kunstverständnis des l’art pour l’art und kritisiert, daß die Malerei sich im 19. Jh. von der Literatur wegbegeben habe, sie „blieb unliterarisch, ja sogar literaturfeindlich. Sie emanzipierte sich. Sie weigerte sich auch, an sozialen Problemen teilzunehmen oder Geschichtsbelehrungen mitzuteilen. Die Gemälde fühlten sich sozusagen beleidigt, wenn man sie um ihre Meinung fragte und mit dieser Meinung etwas verstand, was nichts zu tun hatte mit malerischen Problemen oder optischen Fragen.“ (N, 143) Brecht: „eine solche Vereinigung von Lyrik und Malerei (würde) von Bedeutung sein in einer Zeit wie die unsrige. (18) Gerade die Stellungnahme von beiden Standpunkten über die allseitigen Probleme bereichern den Zuschauer. Man kann es so sagen: in den subjektiven Kunstgenuss drängen sich objektive Elemente hinein. Das Motiv des Tafelwerkes steht in zwei subjektiven Gestaltungen vor dem Betrachter, nämlich so, wie der Maler und so, wie der Dichter es sieht. Der Betrachter nimmt beide Standpunkte ein, und, indem er von dem einen zum anderen wechselt, noch einen dritten: seinen eigenen! Und ohne Zweifel würden solche Tafelwerke, ausgestellt in Volkshäuserlokalen, mehr Diskussionen auslösen, als ein Bild oder Gedicht allein es tun würde … die Diskussion ist eine von den hochgradigsten Kunstgenüssen in einer Gesellschaft.“ (N, 144) (19) In lehr-lernhaften Prozessen, d. h. etwa in der Begegnung mit einem Lehrer, ist es Brecht nicht entscheidend, daß mal dem Lehrer und seiner Lehre folgt, sondern, daß man die Begegnung als Zusammenkunft und als mögliche Differenzerfahrung (das Gegnerische wahrnehmend) wahrnimmt und wertschätzt.

Tombrock hat sich an Brechts Vorschläge gehalten und solche Text-Bild-Werke und –Kombinationen – namentlich für schwedische Volkshäuser – erstellt, was zu den von Brecht schon annoncierten Schwierigkeiten/Diskussionen führte. Eine seiner Geschichten vom Me-ti nimmt solche Schwierigkeiten literarisch auf: „In einem Volkshaus der nördlichen Provinzen“ befinde sich ein Bild, daß die Betreiber des Hauses eigentlich nicht haben wollten: Der Maler habe es ihnen regelrecht „aufgezwungen. Einen ganzen Tag redete er auf uns ein, dreimal las er uns das Gedicht (Brechts „Lob des Lernens“, Anm. gk) vor, jede Linie im Bild wollte er genau geplant haben, ständig löcherte uns, ob wir nicht diese Schönheit sähen und jene Feinheit. Ein paar von uns überzeugte er schließlich wirklich von der Güte seines Bildes, einige davon, daß er jedenfalls ein Künstler war, und der Rest von uns wollte ihn loswerden. So kauften wir sein Bild und die Tafel, hauptsächlich aus Mitleid mit ihm … Me-ti (sagte), ‚der Mensch muß ja eine dicke Haut gehabt haben! Aber warum habt ihr es dann hängen lassen … wenn es den meisten von euch nicht gefällt?’ Sie schienen verlegen. ‚Ja’, sagten sie, ‚ das ist ja nun merkwürdig gegangen. Dieses Bild hat nämlich tatsächlich etwas von dem aufdringlichen Charakter seines Malers abbekommen. Es hängt da und redet. Es ist nicht beleidigt, wenn man es verächtlich ansieht, aber es würde laut schreien, wenn man es entfernte. Man könnte sagen: es kämpft …Und es ist sogar unduldsam und spricht gegen die andern Bilder … Me-ti lächelte vergnügt. ‚Ich glaube beinahe’, sagte er, ‚ihr hattet, dieses Bild kaufend, nicht so sehr mit dem Künstler, als mit euch Mitleid und wart mehr großzügig zu euch selber, als zu ihm.’“ (GBA 18, 181 f., vgl. auch Brecht: „Der Arbeiter, der ein Maler ist“, GBA 22.1, 583, und GBA 22.1, 586: „Wenn ihr gefragt werdet, ob ihr Kommunisten seid, so ist es besser, wenn ihr zum Beweis eure Bilder, als eure Parteibücher vorzeigen könnt.“)

Auch hat Tombrock Texte in einige seiner Bilder eingefügt, wie Brecht seinerseits Texte, schriftliche Kommentare oder Texttafeln in das Bühnenbild/-geschehen als Teil des Bühnenraums einfügte. Brecht sah in der Bildgestaltung zusätzlich eine Vergegenständlichung und Fixierung, die sich gegen interpretatorische Willkür seinen Texten gegenüber wehren konnte. Das geht aus einem Brief hervor, den Tombrock an Gog am 16. 7. 1939 schrieb. Brecht „sagt, wenn ich Zeichnungen mache, würde man später den Inhalt seiner Arbeit nicht verfälschen können, wie das die herrschende Klasse immer wieder versuche.“ (N, 74) Brecht vermutet, daß eine zweikanalige Informationsvermittlung eine Sicherung sei und daß Fälschungen von Bildern schwieriger anzustellen seien, als das Entstellen von Schriften Und ein Drittes entsteht ja durch die Wahrnehmung der Bild-Text-Kontraste, nämlich das, was im Betrachter eigensinnig entsteht, zu seinem Bewußtsein bzw. Habitus werden kann. Das Produzieren von Erkenntnis sollte so stabilisiert werden. (20)

Brecht wünschte sich eine Literarisierung der Künste. Und in seinem Verständnis darf man dieses Wort von der Literarisierung vielleicht etwas weiter fassen und es in die Nähe des englischen Wortes von der „literacy“ bringen, für das es im Deutschen keine adäquate Übersetzung gibt: Im engeren Sinne meint das englische Wort „literacy“ Kenntnis des Lesens und Schreibens. Da aber die Begriffe Lesen und Schreiben mittlerweile über den Rahmen der Grundfertigkeit bei der Entzifferung und Nutzung von Buchstaben weit hinausgreifen, kann „literacy“ allgemeiner als Kompetenz des Weltverstehens, als aktive Informationsverarbeitungs-Kompetenz verstanden werden. Text- und Kontextverstehen, Sinnverstehen, Abstraktionsfähigkeit, Unterscheidungsvermögen, Vertrautheit mit unterschiedlichen Kommunikations- und Gestaltungsweisen (wozu dann auch visuelle Sprachen gehören), Wissen, Einstellungen, performatives Verhalten – all das kann unter „literacy“ verstanden werden. Eine kulturelle Alphabetisierung ist m. E. gemeint – und das ist auch das Konzept des brechtschen Epischen Theaters, das sich verschiedener Sprachen (in diesem weiten Verständnis) bedient, unterschiedliche Schreibweisen anwendet und eine Kompetenzübung darstellt - durch Bild, gesprochenen und geschriebenen Text, Personen im sozialen Feld, Bühnenraum und –Gestaltung (also nicht bloß Bühnen-Bild: Caspar Neher war für Brecht nicht Bühnenbildner sondern Bühnenbauer – gewissermaßen Bühnen-Plastiker).

EXKURSE: Weitere Blicke auf das Feld der Bildenden Künste im Kontext des Brechtschen Epischen Theaters

Montage
Wenn Brecht Tombrock rät, Text und Bild kontrastiv zusammenzusetzen, dann empfiehlt er etwas, was namentlich im Film wirkungsmächtig wurde, nämlich die Montage. Und so ähnlich ist auch sein Episches Theater zu verstehen: eine Montage aus verschiedenen Textsorten (Dialoge, Rezitationen, songs, Lyrik, Berichte), aus gesprochener und geschriebener Sprache, Bildern, Plakaten, exakt nachgebauten Dekorationen aber zugleich deutlich als Bühnenrealität sichtbar gehaltene Dekorationen (diese Eigentümlichkeit wurde zeitweilig durch grobes Textil, den berüchtigten Rupfen als Material auf der Brechtbühne, hergestellt, so daß es nicht verwunderlich ist, daß die Wiener Theaterkritikerin Hilde Spiel, auf die Frage, was ihr denn zum Brecht-Theater Berliner Ensemble einfalle, sofort das Wort „Rupfen“ über die Lippen ging – so berichtet eine Theateranekdote). Die Montage setzt an den Bruchlinien ihrer Segmente Dynamiken, Attraktionen frei – Attraktoren (Reize), die zumindest geistige Bewegungen, den Diskurs, befördern. Gut komponierte Zeitungen/Zeitungsseiten vermögen ähnliches. Im Film finden wir dank der Schnitt-Technik die stärker materiell und personell bewegliche Montage. (21)

Auch Brechts Auffassung von der Rolle des Schauspielers wäre in einem weiten Verständnis als Kontrastmontage zu verstehen: Keine vollständige Identifikation, sondern ein Zeigender; er ist zwar als Subjet aus Fleisch und Blut auf der Bühne, in dieser speziellen Bühnen-Realität, und er zeigt zugleich, daß er zeigt, daß er auf der Bühne ist. Er verkörpert und entkörpert, er macht ein Studien-Experiment vor durch die doppelte Zeigehaltung: sich selbst und die Rolle im Stück. (22)

Auch ist Brecht die soziale Konstellation, die Beziehung der Personen im Geschehen seiner Stücke wichtig - gewissermaßen eine widersprüchliche Gruppen-, Feld- und/oder Beziehungsdynamik. (23) Unter anderem von Brueghel lernte er das künstlerisch gestaltete dynamische Gefüge des Sozialen, um Ungleiches, Ungleichzeitiges gleichzeitig zeigen zu können. Das Modell des Moritaten-Erzählers, was Brecht noch vom Augsburger Kirmes „Plärrer“ kannte, ist auch eine Art Montage von Bild und gesprochenem, gesungenem Text – und es ist eine Belehrungssituation, die in Öffentlichkeit und in kollektiver Rezeption stattfindet. Wie oben schon gezeigt, hat Brecht dieses Kommunikationsmodell etwa in seinem „Galileo Galilei“ aufgenommen, und es gibt zwei Zeichnungen Tombrocks dazu sowie das Auftreten solcher Sänger in der 9. bzw. 10. Szene des Galileo zu der Brecht ausführlich Brueghel als szenisches Modell empfiehlt. 1946 kam Brechts „Kaukasischer Kreidekreis“ in Boston zur Aufführung. „Brechts Name wurde nicht erwähnt. „Elisabeth Bergner erzählt, alle Geldgeber seien vor dem Namen Brecht geflohen. ‚Es gab nur ein paar herrlich erfrischende Proben, in denen ich den Regisseur Brecht zum erstenmal erlebte. Es war eine revelation, wie sich die Texte für ihn auf der Bühne realisierten. Das war Breughel in action (Hv. gk). Es machte Bühnenbild und Kostüme fast überflüssig. Als Regisseur war Brecht ein Visionär, weit über seine Texte hinaus.’“ (24) Man kann Brueghelsche Bilder als epische, als Erzählbilder bezeichnen: So komplex wie das Geschehen in Romanen/Epen sein kann, so - in solcher gestalteten Fülle - sind die Bilder Brueghels komponiert: Episches Theater (teatron als Schauplatz!) als Tafelbild. Den Brueghelschen Bildern fehlt wegen ihres breiten sozialen Erzählgestus die sog. Zentralperspektive, die die Malerei der Renaissance und des Barock kennzeichnete. Bei Brueghel ist noch nicht alles entschieden, Mehrperspektivität liegt vor und wird angeregt beim Betrachter/Betrachten; bzw. es stehen Dinge noch zur Entscheidung an – wie in Brechts Epischem Theater.

Komplexbilder
Der Maler Heinrich Vogeler hat eine Zeitlang sog. Komplexbilder (25) gemalt . Man kann sie als interessegeleitete Montage im Stillstand des Genres Tafelbildes bezeichnen. Mehrperspektivische Blicke werden vom Maler z.B. auf die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion geworfen und prismatisch auf einem Bild festgehalten – z- T. ikonographish zugespitzt auf Embleme der Sowjetmacht (Fahne, Lenin-Bildnis). Brecht hat sich zu diesem Bildern, die der Propaganda neuer Ideen, also der Bildungsarbeit dienen sollten, meiner Kenntnis nach nicht geäußert. Vogeler war jedoch einmal mit einem Aufsatz „Erfahrungen eines Malers“ – gleich einem Bericht über seinen Werdegang als politisch orientierten Maler – in der von Brecht, Bredel und Feuchtwanger in Moskau herausgegebenen Exil-Zeitschrift „Das Wort“, Heft 6, vertreten; im selben Jahrgang 1938, in dem auch der Aufsatz von Gregor Gog zu Hans Tombrock erschien.

Wandbilder
Die von Brecht und Tombrock entwickelten Text-Bild-Kombinationen für schwedische Volkshäuser können auch als Wandbilder bzw. als Vorläufer der Frescen oder murales in Zentral- und Lateinamerika etwa verstanden werden (26). Brecht hat im Zusammenhang des Aufbaus der vom Krieg zerstörten Häuser in Berlins Mitte in Zusammenarbeit mit dem Architekten Hermann Henselmann, Sprüche/Epigramme (GBA 23, 202 ff., 514 ff.), also kleine literarische Formen (27), entwickelt, die die mit Stolz neu erbauten Häuser nicht nur ‚schmücken’ sollten, sondern gewissermaßen ein kommentarisches/reflexives Element zu der Sprache der Architektursprache hinzufügten (Literarisierung). Schon 1935/6 hatte Brecht solche Vorschläge in seinem Text „Lyrik und Architektur“ gemacht. (GBA 22.1,140 f.)

Chinesische Malerei
Brechts Sympathie der chinesischen Kunst gegenüber (28) ist vielfältig verbürgt.So heißt es stichworthaft in seinem Inventar „Ich besitze“ vom 8. 12. 1939 gleich am Anfang: „ein chinesisches Rollbild ‚Der Zweifler’ (-) 3 japanische Masken (-)2 kleine chinesische Teppiche“ (GBA 26, 350) Tombrock kann in seinen Erinnerungen an Brecht einige Aspekte aus der Sicht des Malers und Grafikers hinzufügen: „Brecht (zeigte) mir ein Buch über chinesische Malerei. Er hielt diese Art, Bewegungen, Formen und Farbe im Bild festzuhalten, für die wunderbarste und menschenwürdigste Schönheit der Malerei. - Wie einfach, sagte er, zeigten sie die Natur und ihre Atmosphäre, wie geistreich sind die Pinselstriche geführt, wie schön erscheinen die menschlichen Körper, ihre Gesichter und ihr Tun im Verhältnis zu den Ausdrucksformen des Lebens. Und dann die im Bilde eingefügten Sprüche und Gedanken, so eingefügt, dass sie innerhalb der Malerei ein damit verbundenes kompositionelles Element bilden. Hier zum Beispiel sind Bild und Wort in der gemeinsamen Gestaltung über ein Thema vereint, so dass der Text keineswegs [als] die literarische Illustration zum Bilde oder umgekehrt das Bild zum Text illustrativ wirkt. So, meinte Brecht, hätten auch viele Maler des Mittelalters ihre Bilder mit Sprüchen der Bibel und anderem Gedankengut vereint, um ein Thema durch zwei Elemente sprechen zu lassen. In unserer Zeit fehle diese Art, die Literatur und die Kunst zusammenzufügen.“ (N, 141f.).

Brechts Blick auf gesellschaftlich konstituierte Subjektivität am Beispiel
seiner Notizen zu Ernst Barlach

An Brechts Begeisterung für den Gestaltungsansatz des Geselligen, Sozial-Beziehungshaften eines Brueghel lassen sich einige seiner Bemerkungen zu einem anderen Bildenden Künstler anschließen, an einen aus dem 20. Jh., der eher im Kontext einer religiösen und/oder mystischen Kunstrichtung steht, gemeint ist der Dramatiker und Plastiker Ernst Barlach. Brechts „Ballade von der Freundschaft“ (1920) aus der späteren „Hauspostille“ wurde 1925 im Europa-Almanach des Verlags Gustav Kiepenheuer unter anderem von Ernst Barlachs Holzrelief „Die gemarterte Menschheit“ illustriert. (29) Standen bei Brechts Wertschätzung Brueghels dessen realistische Darstellung etwa von komplexen Volksszenen und sozialen Beziehungen im Mittelpunkt des Interesses, so fokussiert Brecht seine Bemerkungen zu Ernst Barlach gewissermaßen auf die Konstitution des Individuums, des Sozialcharakters, des Sozialtypus als „Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse“ oder als „Personifikation ökonomischer Verhältnisse“ wie Karl Marx gut beobachtend sagen würde. Ganz in diesem Sinne schreibt Brecht etwa im Februar 1941(Datierung ungenau): „Das Individuum erscheint uns immer mehr als ein widersprüchlicher Komplex in stetiger Entwicklung, ähnlich einer (physikalischen, Anm. gk) Masse. Es mag nach außen hin als Einheit auftreten und ist darum doch eine mehr oder minder kampfdurchtobte Vielheit, in der die verschiedensten Tendenzen die Oberhand gewinnen, so daß die jeweilige Handlung nur das (süddeutsch, Anm. gk) Kompromiß darstellt.“(GBA 23, 691)

Wie wird der personelle Habitus durch gesellschaftliche Beziehungen und Machtverhältnisse nun durch Ernst Barlach gestaltet? Am 4. 6. 1951 bekommt Brecht „von Ernst Busch; mit dem er den Koch in Mutter Courage und ihre Kinder probiert, ein Foto des (am 24. 10. 38 verstorbenen) Ernst Barlach auf dem Totenbett und klebt es in sein Journal ein“ (30) und überschreibt es mit: „Busch schenkt mir Barlachs Totenbild.“ (GBA 27, 320). Am selben Tag gibt es eine weitere Eintragung Brechts, die auf die „Neueinstudierung Courage“ eingeht, und existenzielle, sog. menschliche Themen des Stoffes anreißt (aber immer scharf „auf die dialektischen Momente“ achtend): „Der Koch und der Prediger …, wenn der Friede beide an den Rand des Abgrunds stößt, kämpfen um den Unterschlupf; abwechselnd treibt die Niederlage sie ins menschlich Bessere. Die Feinde treffen sich freundlich in der wehmütigen Erinnerung an den Krieg.“ (GBA 27, 321) In der Journal-Eintragung 21. 5. 51, die dieser und dem eingeklebten Totenbild von Barlach vorangeht, hat Brecht notiert, daß der Schauspielernachwuchs, „die jungen Schauspieler … mehr oder weniger alle vom Krieg beschädigt (sind). … Sie müssen fast alle auch im medizinischen Sinne erst wiederhergestellt werden.“ (GBA 27, 321). Theaterpraktisch heißt es zur Erstellung des Modellbuchs der Courage am 4. 6. 51, daß diese Fleißarbeit zur Etablierung der neuen Art, Theater zu machen, also zur Fundierung des Epischen Theaters, gemacht werden müsse, „damit man sieht, wie viel Betrachtungen nötig sind für eine Inszenierung.“ (GBA 27, 321) Brecht notiert im Januar 1952, daß ihm „die religiösen Plastiken Barlachs … nicht viel (sagen), überhaupt alle, die etwas Mystisches haben … Aber in seinen für mich schönsten Plastiken lässt er die menschliche Substanz, das gesellschaftliche Potential, herrlich über Entrechtung und Erniedrigung triumphieren, und das zeigt seine Größe.“ (GBA 23, 198) Weiter: „ich halte Barlach für einen der größten Bildhauer, die wir Deutschen gehabt haben. Der Wurf, die Bedeutung der Aussage, das handwerkliche Ingenium, Schönheit ohne Beschönigung, Größe ohne Gerecktheit, Harmonie ohne Glätte, Lebenskraft ohne Brutalität machen Barlachs Plastiken zu Meisterwerken. Gleichwohl gefällt mir nicht alles, was er geschaffen hat, und wenn von ihm viel zu lernen ist, so ist doch auch die frage erlaubt: Was? Wann? Durch wen?“ (GBA 23, 198) Brecht meint jedoch, „daß unser künstlerischer Nachwuchs nicht aufgefordert werden sollte, von solchen Werken zu lernen. Jedoch geht es nicht an, diese Werke mit den anderen in einen Topf zu werfen, besonders dann, wenn weder die einen noch die anderen konkret (Hv. gk) behandelt werden. Eine abstrakte Kritik führt nicht zu einer realistischen Kunst“ (GBA 23, 202), sondern „die Werte und das Exemplarische des Werkes konkret ins Licht zu setzen“ (GBA 27, 329), ist Brechts Interesse, wie er am 1. 2. 52 im Journal notiert.

Barlachs Kunst habe nichts „von Naturalistischem, mühsam Kopiertem, das uns so widersteht, wenn die Natur kopiert wird.“ (31) „Alle diese Plastiken scheinen mir das Merkmal des Realismus zu haben: sie haben viel Wesentliches und nichts Überflüssiges. Idee, wirkliche Vorbilder und Material bestimmen die beglückende Form. Auch die Liebe zum Menschen, der Humanismus Barlachs sind unbestreitbar. Freilich gibt er dem Menschen wenig Hoffnung. Auch einige seiner schönsten Werke erwecken den traurigen Gedanken an die deutsche Misere, die unsere Künste so geschädigt hat. Der ‚Idiotismus des Landlebens’(Marx, Anm. gk), der Barlachs Figuren den grausamen Stempel aufdrückt, ist nicht Ziel seines Angriffs; mitunter gewinnt er sogar den Anschein des ‚Erdgebundenen’, ‚Ewigen’, ‚Gottgewollten’. Wenn ein Traktorist von heute diese herrlichen Darstellungen armer Menschen dennoch mit Gewinn zu betrachten vermag, so deshalb, weil der Künstler seiner so lange unterrückten Klasse in einer vertierten Welt geradezu das Monopol der Menschlichkeit verlieh. – Barlach schreibt: ‚Es ist wohl so, daß der Künstler mehr weiß, als er sagen kann.’ Aber vielleicht ist es doch wohl so, daß Barlach mehr sagen kann, als er weiß.“ (GBA 23, 202) – Meines Erachtens zeigt Brechts Auseinandersetzung mit den Plastiken Barlachs im Zeitkontext der Gründung der DDR, daß er über nicht geringe Kompetenz in der Diskussion um bildkünstlerische Werke und Produktionsweisen verfügt.

Schluß

Mir ist das zusätzlich Belege dafür, daß Brechts flexibles Konzept sowie seine Praxis des Epischen Theaters im Verbund mit Verfremdung und V-Effekt – auch – gespeist wurde aus er Wahrnehmung, Diskussion und guten Kenntnis der Debatten und Produktionsweisen in der Malerei bzw. genereller: der Bildenden Kunst. Diskussion kann ganz direkt seine Debatten mit Bildkünstlern meinen – hier gezeigt am Verhältnis von Geben und Nehmen im Falle von Hans Tombrock, der am 18. 9. 1940 an Gregor Gog schreibt: Brecht war einer, „der so geduldig und selbst begeistert über die Kunst der Farbe … diskutiert hat … anhand von Reproduktionen (zeigte er, Anm. gk) die Feinheiten der Farbe und Motivauffassung.“ (N, 79). Es meint aber auch, daß Brecht, um sein Episches Theater zu begründen, sich ‚belehren’ ließ durch andere Künste – in diesem Fall zeigte ich es exemplarisch an Bildenden Künsten. Dazu abschließend zwei weitere Belege: Auch bei der Findung einzelner Bühnenfiguren greift Brecht auf Brueghel zurück und nicht nur auf dessen komplexe gesellige Szenerie in seinen Bildern, etwa wenn er am 15. 6. 44 notiert, daß die Figur der Grusche im Kaukasischen Kreidekreis aussehen solle „wie die Tolle Grete beim Breughel, ein Tragtier. Sie sollte störrisch sein statt aufsässig, willig statt gut, ausdauernd statt unbestechlich usw. usw.“ (GBA 27, 191 f.) Und am 2. 2. 52 notiert Brecht anlässlich der Urfaust-Proben mit Bezug auf Hieronymus Bosch und Albrecht Dürer (32), daß Caspar Neher für die Ausstattung Kostüme der Goetheschen Wertherzeit vorgeschlagen habe, er aber „plädierte für Dürersches Mittelalter, damit der Teufel, die Magie und das ganze Brimborium des alten Puppenspiels naiv vorkommen können, während das ‚Moderne’ Goethes, die Gretchentragödie oder die Auerbachstudenten verfremdet erscheinen. (Andersherum geht es ja nicht, denn das Alte hat zuwenig Wert neben dem Theatralischen.) Der Widerspruch zwischen dem Alten und Neuen sollte kräftig und kräftigend herausgearbeitet werden, anstatt vertuscht wie sonst üblich. Also Erdgeist als quakendes hockendes Vieh à la Bosch und der Teufel als Volksteufel mit Hörnern und Klumpfuß.“ (GBA 27, 329)

Eine recht persönliche Notiz Brechts vom 18. 12. 1948 zum Abschluß: „Ich pflege um 5 Uhr 30 aufzustehen. Dann mache ich mir Kaffee oder Tee auf dem Hartspirituskocher, lese etwas Lukács oder Goethe (den ‚Sammler’). Wenn ich aufstehe, sehe ich einen großen Druck des Breughelschen Bauerntanzes an der Wand … und setze mich an die Tische zur Arbeit.“ (GBA 27, 292)

Anmerkungen

(1) Rainer Noltenius (Hrsg.) unter Mitarbeit von Eva Meyer und Volker Zaib: Bertolt Brecht und Hans Tombrock. Eine Künstlerfreundschaft im skandinavischen Exil. Essen 2004. Die Seitenangaben in meinem Text mit dem Kürzel „N, Seitenangabe“ in Klammer beziehen sich auf Fundstellen in diesem Buch. Mittenzwei (Bd. 1, 691 f.) schreibt: „Brecht sah sowohl die Schwächen wie das Talent dieses Mannes. Eben weil er in seiner Malerei ganz unfertig, ungefestigt und ohne Einflüsse war, erwachte in Brecht der Lehrer. Es war eine seiner sympathischsten Eigenschaften, daß er überall den Impuls verspürte, den Menschen zur bestmöglichen Entfaltung ihrer Talente zu verhelfen.“
(2) Siehe weiter unten eine Gegenüberstellung der Textfassungen von Tombrock und Brecht (Anm. 17).
(3) Siehe Anhang A.
(4) Siehe Anhang B.
(5) Es finden sich unterschiedliche Schreibweisen des Wortes Breughel/Brueghel. Ab 1559 zeichnet der Maler seine Werke nicht mehr mit Brueghel, sondern nun mit Bruegel. Im selben Jahr malt er sein auch für Brecht wichtiges Bild „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten“.
(6) Zu Weihnachten 1936 bekam Brecht einen Brueghel-Band und „ist augenblicklich ganz davon eingenommen“ (Hecht, 501). Zu den von Glück herausgegebenen Brueghel-Bänden siehe auch Wizisla, 125, 414, 320.
(7) GBA 22.2, 1078 ff., in Übersetzung; Verweis auf Tombrock; siehe auch weiterführend Hecht: Brecht im Gespräch.
(8) Die Angaben differieren - siehe Hecht, 584: er nennt den 4. 7. 1939, an dem Brecht und Tombrock sich kennen lernten bei der Geburtstagsfeier für Martin Anderson Nexö.
(9) Hecht, 584 f.
(10) Das Wort, H. 3, 1938, S. 113 ff., vgl. Hecht, 532, 584. Die Zeitschrift „Das Wort“ wurde herausgegeben von Brecht, Willi Bredel, Lion Feuchtwanger. 1938 erschien in dieser Volksfrontzeitschrift ein biographisches Porträt von Hans Tombrock aus der Feder von Gregor Gog, das Brecht – als Herausgeber – sicher kannte. Interessant ist, daß der Beitrag im Kontext der sog. Expressionismus-Debatte im „Wort“ veröffentlich wurde, in der es um die Bestimmung des sog. Sozialistischen Realismus in der Kunst ging. Zu Grog und Tombrock im Kontext der Vagabunden-Bewegung siehe Künstlerhaus Bethanien (Hrsg.): Wohnsitz: Nirgendwo; siehe auch Tretjakows Text: „Der König der Vagabunden“, S. 258 ff.
(11) Das Wort „Streit“ verweist hier anschaulich auf Dialektik/Prozeß, also auf für Brecht wichtige Kategorien.
(12) Brecht zeigt sich häufig interessiert an den Beginnen von Epochen; an das unsichere Neue gelte es nach Brecht anzuschließen.
(13) Auffällig, daß das Wie und nicht das Was akzentuiert wird.
(14) Der soziologische Blick wird gewissermaßen ins Bildkompositorische übersetzt.
(15) Durch Verfremdung mittels Humor wird es kein Abbild-Naturalismus.
(16) Siehe ANHANG A zum Epischen Theater und ANHANG B zu Verfremdung und V-Effekt. In GBA 22.1, 270 – 273, finden sich Texte zur Verfremdungstechnik in den Bildern des älteren Breughel.
(17) Ich vermute, daß Tombrock den Text aus der schwedischen Zeitschriften-Fassung ins Deutsche rückübersetzt hat für seine Erinnerungen. Brechts Fassung entstammt seinem in Deutsch geschriebenen Manuskript.
(18) Die heutige Gesellschaft ist nach Brecht auch eine visuelle, optische; er verweist auf die Lichtreklame, die Bild und Text verbinde, N, 144.
(19) Vgl. Bloch innerhalb der sog. Expressionismus-Debatte der enddreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts: „Die Wahrheit ist nicht Abbildung von Fakten, sondern von Prozessen, sie ist letzthin die Aufzeichnung der Tendenz und Latenz dessen, was noch nicht geworden ist und seinen Täter braucht.“ (zit. nach Schmitt, 20).
(20) Vgl. Brechts Komposition der „Kriegsfibel“ mit seinen „Fotoepigrammen“ als Bild-Text-Montage und auch die Sorgfalt, mit der Brecht Bilder und Texte, etwa aus Zeitungen, ausschnitt und sie einklebte: nicht beiläufiges Material, sondern bewusste Gestaltung, Montage durch Brecht; vgl. Brechts Charles-Laughton-Collage in: Hermand,154: Laughton sitzt dort auf einem chinesischen Wasserbüffel und erinnert an Brechts „Legende von der Entstehung des Buches Tao teking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“.
(21) Vgl. Eisensteins Montage der Attraktionen und die Gedanken und Praktiken Tretjakows.
(22) Brecht schreibt zum „doppelten Zeigen“: „Die Chinesen zeigen nicht nur das Verhalten der Menschen, sondern auch das Verhalten der Schauspieler. Sie zeigen, wie der Schauspieler die Gesten der Menschen in ihrer Art vorführen. Denn die Schauspieler übersetzen die Sprache des Alltags in ihre eigene Sprache. Sieht man also einen chinesischen Schauspieler zu, dann sieht man nicht weniger als drei Personen gleichzeitig, einen Zeigenden und zwei gezeigte Personen.“ Vgl. auch Anders zu Brechts-Experiment-Haltung, 138 f.
(23) Vgl. zur Feld-Dynamik Lewin, mit dem Brecht Kontakt hatte.
(24) Mittenzwei, Bd. 2, 173 f.
(25) Vogeler: Bilder und Graphik.
(26) Vgl. Neue Gesellschaft für bildende Kunst: Kunst der mexikanischen Revolution.
(27) Siehe Jolles, Jameson, 125 ff., Koch, 121 ff.
(28) Vgl. Tatlow, Schumacher.
(29) Hecht,179.
(30) Hecht, 869. Zu den Brechtschen „Barlach-Studien“ siehe Streisand, 370 ff.
(31) Brecht nach Hermand, 184.
(32) Im Oktober 1953 ist Brecht in Wien, um mit Helene Weigel die Mutter zu inszenieren; im Wiener Kunsthistorischen Museum sieht er „die Breughels und einen Bosch“ (GBA 27, 348).

ANHANG A: Zum Epischen Theater

Der Klarheit wegen gehe ich von Brechts fast tabellarischer/schematischer Gegenüberstellung von dramatischer und epischer Form des Theaters aus, wie er sie in seinen „Anmerkungen zur Oper ‚Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny’“ (nach GBA 24, 78 f.) formulierte (zuerst 1930, überarbeitet 1938)

Bertolt Brecht: Zur epischen Form des Theaters
* Die Bühne erzählt einen Vorgang,
macht den Zuschauer zum Betrachter und
weckt seine Aktivität.
* Das Epische Theater regt dazu an, einen eigenen Standpunkt anzunehmen. Es
vermittelt Kenntnisse.
* Der Zuschauer wird einer anderen Handlung/der Handlung anderer gegenübergesetzt.
* Es wird mit Argumenten gearbeitet.
* Es wird bis zu Erkenntnissen getrieben.
* Der veränderliche und verändernde Mensch ist Gegenstand der Untersuchung.

* Spannung geschieht auf den Gang des Geschehens (Vorgänge werden gezeigt).
* Jede Szene steht für sich.
* Die Geschehnisse verlaufen in Kurven.
* Natura facit saltus: Die gesellschaftliche, menschliche Natur macht Sprünge.
* Die Welt, wie sie wird, als veränderbare, kommt in den Blick.
* Was der Mensch aktiv tun muß und seine Beweggründe werden gezeigt (vs. moralischen Sollen).

* Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Denken.



ANHANG B: Zu Verfremdung und V-Effekt

Traditionellerweise steht ein Begriff der Brechtschen Theorie besonders in der Diskussion. Man kann sogar sagen, daß er von vielen Autoren als Schlüsselbegriff zum Verständnis des Schaffens von Bertolt Brecht angesehen wird: Es ist der Begriff von der Verfremdung, häufig abgekürzt als „V(erfremdungs)-Effekt“ benutzt.

Verfremdung und V-Effekt stehen bei Brecht für zwei Dimensionen seines theoretischen wie praktischen Schaffens. Verfremdung und V-Effekt meinen Theoretisches und Praktisches: Man hat in dem Brechtschen Wort von der Verfremdung einmal eine philosophische Kategorie zu sehen, und man hat zum anderen eine technische Kategorie zu registrieren. Letztere kommt durch den terminus technicus „V-Effekt“ vermutlich eher zum Ausdruck.

Das Wort Verfremdung als philosophische Kategorie soll die wissenschaftliche Haltung und die Sicht der Geschichte gegenüber anzeigen. Sie ist eng mit der Kategorie der Dialektik in Brechts Verständnis verbunden. Brecht fühlt sich verpflichtet, die Geschichte und das sich darin zeigende menschliche Zusammenleben anders als sonst üblich, also fremd zu sehen. Dieses Anders-Sehen kann auch als elementarisierte Form einer wissenschaftspraktischen Forderung verstanden werden. Wenn es nämlich richtig ist, daß Wissenschaft auf das Wesen oder auf die Wahrheit zielt, dann kann sie dies nur erreichen, wenn sie die alltägliche Welt der Erscheinungen transzendiert oder in der Weise fremd-macht, daß das Wesen sichtbar wird. Verfremdung heißt hier also: Fremd-Machen des unmittelbar Plausiblen (des schlicht Beobachtbaren), des Selbstverständlichen; Argumentieren und Handeln gegen das eingeredete Notwendige – auch Brechung von Illusion(en) – Kennen vs. Verkennung. Das kann in der Form der Kritik geschehen, aber auch in der Weise des positiven Umformens. Es werden also Abstraktionen des Vorfindlichen vorgenommen.

Geschichtsphilosophisch-ethisch läßt sich die Verfremdung so verstehen: Gesellschaften, die nicht nur nach Karl Marx durch die Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit charakterisiert sind (und das sind bislang alle Kommunitäten), zeigen Entfremdung, Negation/Negativierung, also Noch-nicht-Gelungenes. Sie sind gewissermaßen falsche, nicht emanzipierte Gesellschaften. Brechts Interesse ist, die gesellschaftliche Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu denunzieren und in sie verändernd und verbessernd einzugreifen. Sein systematisches Verfahren ist: Ausgehend von vorfindlichen Entfremdungen diese wiederum fremd zu machen, dialektisch gesprochen: zu verfremden. Aus solcher Negation soll/kann das Neue, Bessere, Gerechte entstehen.

Eine weitere Dimension der Verfremdung im Brechtschen Sinne ist das Historisieren - damit durchaus in europäischer Tradition stehend: „Die Shakespeare-Stücke heißen nicht ‚tragedy’, sondern immer ‚the tragical history of …’. Tragödie war immer auch eine Form der Geschichtsschreibung, und das zieht sich bis Schiller und noch viel weiter hin … In dieser Linie steht auch Heiner Müller, der das auch explizit so formuliert hat, auf seine drastische Weise: ‚Tragische Konflikte kann man nicht erfinden.’ Denn dann wird es sozusagen ein bloßes Gedankenspiel“(Lehmann, 10). Viele Titel der Brechtschen Werke tragen den Hinweis „Geschichte ...“ „Historie …“ oder „Leben ...“. ‚Geschichte‘ und ‚Leben‘ sind als objektive Geschichte und Lebensgeschichte zu verstehen. Historisieren ist Brecht auf dem Theater und bei der Konstruktion seiner Stücke die Anwendung der Grundregel von der Veränderung und Veränderbarkeit. Nicht die Statik der Verhältnisse ist Brecht das Wesentliche, sondern die Veränderung, die Veränderbarkeit, das Werden und die Perspektive. Man erinnere den Satz von Karl Marx und Friedrichs Engels aus ihrer „Deutschen Ideologie“: „Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte“.

Neben die bisher skizzierte philosophische oder erkenntnistheoretische Fassung des Verfremdungsbegriffes bei Brecht tritt eine mehr technische, methodische oder praktische Fassung – der sog. V-Effekt. Er ist in der allgemeinen Diskussion der bekanntere, konkretisierte er sich doch durch die sinnliche Anschauung beim Besuch von Theateraufführungen Brechtscher Stücke. Seine neue Art, Theater zu spielen, verwies zuerst auf Brechts Verständnis des Zeigens des Fremd-Machens. Der V-Effekt wurde beinahe ein Synonym für Brechtsches Theater.

In solchem Zusammenhang wäre von Brecht nicht in erster Linie zu lernen, daß der Vorhang die Bühne nicht vollends verhängen soll, sondern es wäre etwas Allgemeineres zu übernehmen, nämlich die Offenlegung und Einsichtmöglichkeit (Einsicht hier ganz sinnlich und auch im übertragenen Verständnis benutzt), mithin auch die Verantwortlichkeit der Spielenden und die Ermöglichung von Kritik durch die Zuschauenden, die auch eine Zuschaukunst entwickeln sollen in und mittels Brechts neuem Theater. Ähnliches gilt auch für Brechts Hinweise zur gleichmäßig hellen Beleuchtung: Es sollen keine drohenden Schatten geworfen werden; es soll voll ausgeleuchtet werden, wie bei der Beleuchtung in einem Operationssaal: genaue Kenntnis und Erkenntnis ermöglichend. Der V-Effekt soll die (alte) Illusionsbühne kritisch befragen und ein Theater des wissenschaftlichen Zeitalters ermöglichen, das die Rollenauffassung von Schauspieler, Zuschauer und Stückeschreiber wie die Stückkonstruktion verändert.

Literatur

Anders, Günther: Der Mensch ohne Welt. München 1993 (2. Aufl.)
Brecht, Bertolt: Bertolt Brecht Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe (zit.: GBA Bd., Seite/n).
Eisenstein, Sergej: Das dynamische Quadrat. Leipzig 1988.
Hecht (Hrsg.), Werner: Brecht im Gespräch. Diskussionen, Dialoge, Interviews. Frankfurt (Main) 1975.
Hecht, Werner: Brecht Chronik 1898 – 1956. Frankfurt (Main) 1997.
Hermand (Hrsg.), Jost: Bertolt Brecht. Über die bildenden Künste. Frankfurt (Main) 1983.
Jameson, Fredric: Lust und Schrecken der unaufhörlichen Verwandlung aller Dinge. Hamburg 1998.
Jolles, André: Einfache Formen. Tübingen 1999 (7., unveränderte Aufl.)
Koch, Gerd: Lernen mit Bert Brecht. Bertolt Brechts politisch-kulturelle Pädagogik Frankfurt (Main) 1988 (2., erw. Aufl.).
(Lehmann, Hans-Thies/Menke, Christoph): Das Schweigen des Helden. Der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann und der Philosoph Christoph Menke im Gespräch über Tragödie, Subjektivität und Theatralität. In: Theater der Zeit, Heft 1, 2006.
Lewin; Kurt: Experimente über den sozialen Raum. In: T. Brocher/P. Kutter (Hrsg.): Entwicklung der Gruppendynamik. Darmstadt 1985.
Mittenzwei, Werner: Das Leben des Bertolt Brecht. 2 Bde. Frankfurt (Main) 1987.
Neue Gesellschaft für bildende Kunst (Hrsg.): Kunst der mexikanischen Revolution. Berlin 1974.
Noltenius (Hrsg.), Rainer unter Mitarbeit von Eva Meyer und Volker Zaib: Bertolt Brecht und Hans Tombrock. Eine Künstlerfreundschaft im skandinavischen Exil. Essen 2004.
Schmitt, Hans-Jürgen: Die Expressionismus-Debatte. Materialien zu einer marxistischen Realismuskonzeption. Frankfurt (Main) 1973.
Schumacher, Ernst: Das Gestische in der Darstellenden Kunst des Ostens und des Westens. In: „… ich werde deinen Schatten essen“. Das Theater des Fernen Ostens. Berlin o. J. (1985).
Streisand, Marianne: Zu Kunst und Literatur. In: Brecht Handbuch. Bd. 4. Stuttgart, Weimar 2003.
Tatlow, Antony: Brechts Ostasien. Berlin 1998.
Künstlerhaus Bethanien (Hrsg): Wohnsitz: Nirgendwo. Vom Leben und Überleben auf der Straße. Berlin 1982.
Tretjakow, Sergej: Gesichter der Avantgarde. Berlin, Weimar 1985.
Vogeler, Heinrich: Erfahrungen eines Malers (1938): In: Schmitt.
Vogeler, Heinrich: Bilder und Graphik nach 1920. Worpswede 1973.
Wizisla, Erdmut: Benjamin und Brecht. Die Geschichte einer Freundschaft. Frankfurt (Main) 2004.

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7. Text zur Vorlesung "Soziale Kulturarbeit" im WS 2005/6
10.01.2006



Beuys & Theatralität


Inhalt: Merkwürdig. Beuysnobiscum. Okkultismus und Avantgarde. Theatralität. Lebensreform. Performance. „Deutsche Lebensläufe“ – Film über Joseph Beuys. Joseph Beuys – an ihm scheiden sich die Geister.

Die „taz“ hatte letztens das Stichwort „merkwürdig“ in ihre Werbestrategie für mehr Abonnenten eingeführt. Ich benutze es für die Einleitung meines Beuys-Beitrags.

Merkwürdig

Am Donnerstag, dem 18. Oktober 2001, halte ich mich für wenige Stunden in der Stadt Tübingen auf, um in die Beuys-Ausstellung der dortigen Kunsthalle zu gehen. Die Zeit ist knapp (Unterbrechung einer Dienstreise), ein Katalog „Joseph Beuys. The secret block for a secret person in Ireland. Sammlung Marx“ ist für späteres Nacharbeiten zu erwerben.

Ich höre, kaum in der Ausstellung, in die vier gleichzeitig stattfindenden Ausstellungsführungen hinein:

Umwandlungsprozesse seien für Beuys sehr wichtig gewesen und deshalb auch hätten Schamanen bei ihm – als Motiv in der Malerei und als Lebensmotiv - eine große Rolle gespielt (es wird ein Bild gezeigt).

In einer anderen Gruppe erklärt die Führerin die Bedeutung des Malens von Händen durch Beuys. Hände seien noch nicht spezialisierte Gliedmaßen des Menschen. Sie stehen bei Beuys für das Embryonale, für Schöpfertum, wird interpretiert.

Beuys respektiere die sog. Höhlen-, die Felsmalerei, wird in einer anderen Gruppe erklärt. Es wird ein Hinweis auf Beuyssche Zeichnungen im Braunton auf Packpapierausrissen gegeben: langgestreckte Hirsche (?), Geweihe/Schaufeln (Anfang der fünfziger Jahre).

Ich löse mich von den Gruppenführungen und schaue selbst. Ich finde Bilder, Zeichnungen, Skizzen ab etwa 1948: Viele Akte sehe ich, auch das Motiv „Schlitten“ (zugleich im Kontext der sog. Höhlenmalerei und des erzählten Krim-Erlebnisses zu lesen?!), das Bienen-Motiv ist – schon damals – vorhanden, und mit Datum von 1951 findet sich bereits ein „Fettbild“ (Katalog Nr. 68).

Conclusio: Es ist so merkwürdig nicht, was Beuys in späterer Zeit künstlerisch und sozial produziert. Es fängt schon früh an. Merkwürdig bleibt mir aber dies am Rande: Beuys verwendet in der Zeit der endvierziger, Anfang fünfziger Jahre häufig englische Bildunterschriften/Titel, was ja damals so gewöhnlich nicht war.

Beuysnobiscum

Harald Szeemann, der Ausstellungsmacher, hat einen Band mit Stichworten zu Beuys herausgegeben: Beuysnobiscum (Neuausgabe: Amsterdam, Dresden 1997). Dabei handelt es sich nicht um einen Ausstellungs-Katalog zu den Kunstwerken. Zuerst war „ein Florilegio, eine Blütenlese aus seinen Statements, Interviews, Gesprächsaufzeichnungen, vorgesehen, das aber am Copyright-Veto des Nachlasses scheiterte. So kam es zum Autoren reichen Beuysnobiscum, das sinnigerweise zuerst ein Beuysmecum, dann eingedenk des öffentlichen Auftrags und des appellativen Wesens des Künstlers zum Beuysvobiscum avancierte, bevor die Ausweitung ins majestätische Wir, das sich auch universaler und feldbegriffhaft solidarischer gibt, die richtigen Dimensionen setzte. Nachträglich gesehen, war die Entscheidung ‚back to basics‘ richtig: ... von Joseph Beuys verwendete, gelebte, mit neuen Bedeutungen angereicherte Begriffe, Institutionen, Bewegungen, Zeiten: von Akademie bis Zukunft.“ (S. 13)

Das Buch „Beuysnobiscum“ habe ich etwa zur Hälfte gelesen. Es ist reich an Beuysschen Aussagen. Die Autorinnen und Autoren sind Sympathisanten des Künstlers. Das lässt sie manchmal wie blind erscheinen, wenn sie nämlich so ganz und gar in den Beuys und seine Begrifflichkeit hineinkriechen, so dass dasselbe mit immer demselben erklärt wird – „erklärt“, das ist zu viel gesagt. Hier soll verstanden, ge- und erahnt werden; Annäherungen, Sinnverstehen, Vertrautmachen, das sind andere Modi der Rhetorik, der Überzeugungssprache. Vor allem fällt dieser Zugang beim Beuys-Freund und –Schüler Johannes Stüttgen auf. Er hat keinen Außenblick; Stüttgen schmiegt sich seinem Material an (also den sakralisierten Entäußerungen des Meisters), was ja ein Teil eines Erkenntnisweges ist/sein kann – bleibt man dabei, dann ist es eine Exegese, also eine Auslegung religiöser Schriften ohne Ansehung von anderen, konkurrierenden Texten, Aussagesystemen, eine Verdoppelung des schon Gesagten (christliche Hermeneutik und Homeletik als Auslegepraxis und Predigt-Praxis ist da schon weiter). Interessant sind solche sympathisierenden Autoren, die einen (vorsichtigen) Blick von außen an den Meister Beuys heranführen, z. B. wenn es um die Erklärung der Dreigliederung von sozialen Gefügen geht: Mit sozialwissenschaftlicher System-Theorie (Niklas Luhmann) lässt sich der Gliederungsansatz von Rudolf Steiner und Beuys besser verstehen, neu sehen und kritisch (von außen, von einem anderen point of view) einorten. Auch die AutorInnen, die kulturgeschichtlich versiert sind, bringen Interessantes zu Tage, z. B. wenn es um die Lebensreform-Idee der Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert geht, z. B. in Hinblick auf Politikverständnisse, Geldwesen und Wirtschaften auf sog. freiem Land. Eine weitere Spezies der AutorInnen sind solche, die geistesgeschichtlich fundiert sind: Sie liefern einige erhellende Kontexte, aber stehen in der Gefahr, die Aussagen von Beuys noch mehr aufzuladen, so dass ihm etwas Gedankliches zugefügt wird, für das es keine Belege seitens Beuys‘ gibt: Er könnte das und das so bedacht, erahnt oder gefühlt haben – gesagt, geschrieben hat er es nicht; der wohlwollende Stichwortschreiber, der sich ins Gedankengefüge seines Gegenstands bzw. der sich äußernden Person Beuys hineinbegeben, versenkt hat, spricht nun als alter ego, spricht das Tiefgründige aus – und trennt leider nicht sich vom Meister. Das ist eine rhetorische Figur, um den so über den Meister Sprechenden/ sprechen-Könnenden selber zu einem Quasi-Meister, einem Zeugen aus der Tiefe zu machen. Da hat etwas abgefärbt bzw. durch die Initiation ins Meisterliche, spricht sogar der Meister (und mehr als das: nämlich sein Göttliches) durch seinen Schüler. Damit schließt sich der Kreis der Argumentationsfiguren: Vom Famulus Wagner Johannes Stüttgen bis hin zu den gebildeten metaphysischen Aufladern.

Gleichwohl ist der Band „Beuysnobismus“ (Wenn ich nur wüsste, was ein „nobiscum“ ist? Vielleicht abgeleitet von „nobis“: unser: „cum“: mit – also: Beuys mit uns. Ich verlese mich gerne: „snobiscum“ ...) eine nützliche Fundgrube für mich. Etwa aus diesen Gründen:

1. Ich brauche mich nicht mit dem bildnerisch-plastischen Werk zu befassen. Ich habe einen Umgang mit Statements nicht ‚bild‘künstlerischer, sondern sprach’künstlerischer‘ Art vor mir – und auf dieses Material will ich mich beziehen.

2. Zum Stichwort „Freiheit“ heißt es, dass es wohl kaum einen Begriff gebe, den Beuys häufiger verwendet habe (S. 175). Lese ich aber die in den Stichworten auftauchenden Beuys-Zitate, dann kommt es mir vor, als seien die Begriffe „Mensch“ und vor allem „Leben“ nicht minder häufig von ihm verwandt worden. Beide finden sich aber nicht in dem Glossarium abgehandelt. Auch das Begriffsfeld des „Eigentlichen“ ist variantenreich in Beuys‘ Statements, aber vielleicht noch mehr in den Ausführungen seiner Apologeten zu finden. Ich fühle mich durch die Häufigkeit dieser Begriffe darin bestätigt, Beuys als einen ‚Prediger‘ in lebensreformerischer Absicht zu verstehen, wobei DAS Leben und DER Mensch sehr abstrakt und appellativ benutzt werden; immer dann, wenn es um DAS Eigentliche geht, das entweder als Verlust beklagt oder als Sein-Sollen eingeklagt wird. Lebensphilosophisch wird hier argumentiert, und das bedeutet: vitalistisch, realsoziologisch unspezifisch – eine kulturpessimistische, mit Welt-Ekel verbundene, anti-moderne Form, die namentlich in der deutschen, aber auch französischen Philosophie des Übergangs vom 19. ins 20. Jahrhundert geläufig war (vgl. Fritz Sterns Untersuchung: Kulturpessimismus als politische Gefahr). LEBEN schlechthin als Gegensatz zu Technik, Maschinenwesen, demokratischer Gleichheit – das waren lebensphilosophische Bezugspunkte. Für Künstler und Psychologen eine praktische Hintergrundtheorie; aber auch eine Philosophie, die subjektiven Willen und je individuelle Eigenart schätzen wollte und dazu methodisch verstehende, kommunikative Handreichungen entwickelte. Als dieses Denken begründenden Autor nenne ich Wilhelm Dilthey, dessen hermeneutischer Sinnverstehens-Ansatz bis in die Theorien des kommunikativen Handelns und des sog. herrschaftsfreien Dialogs bei Jürgen Habermas oder in ethnographische Forschungsmethoden reicht: In Erkenntnisvorgänge wird das Interesse, der Bedarf des Erkennenden – während eines Verstehensprozesses – mit einfließen. Abstrakte Objektivität wird in Frage gestellt, weshalb denn auch der Unterschied zwischen einem „Erklären“, das der Naturwissenschaft und Technik entspringt, und einem „Verstehen“, was dem kommunikativen und dialogischen Verhalten nachgebildet ist, gemacht wird. Das auch bei Beuys und seinen Verfechtern häufig zu findende Wort vom „Eigentlichen“ passt in den hier angezeigten kulturpessimistischen Kontext, sei doch DAS Eigentliche DEM Menschen in der Moderne abhanden gekommen. Was der Mensch im Mittelalter noch hatte, etwa Religion als Versicherung, fehlt ihm nun, weshalb man sich an Bauhütten, Handwerk, an Männer wie Luther und Rembrandt halten müsse. Was der Mensch ‚ganz früher‘ noch hatte, nämlich ein naturhaftes, mythisches Wesen, das könne man an den Randgebieten Europas, bei den Kelten (Beuys‘ Kelten und Irland, vgl. Beuysnobiscum, S. 222 ff. und S. 202 ff.) etwa, noch finden, oder man erfand schlichtweg Mythen, wie schon zu Goethes und Herders Zeiten den „Ossian“-Kult oder in der deutschen Romantik literarische Volksgüter, wie Märchen und Lieder, die anzeigen sollten, dass es immer einen unterschwelligen, eigentlichen (!) Strom etwa deutscher Gesamtkultur gegeben habe, auch wenn das Land immer noch in so viele kleine Staaten getrennt darliege. Diese Mythen steigern sich in deutsche nationale Volksreligionen, die etwa in den Publikationen von Paul de Lagarde Begleitmelodien nicht nur für die Reichsgründung, die ach so spät und dann auch noch nicht vollständig, 1871, erfolgte. Das „Eigentliche“ wird zu einem Jargon – auch zu einer Ausgrenzungs-Sprachfigur: Wer nicht zum Eigentlichen gehört, gehört nicht dazu – dem ist auch die Heideggersche (politische) Existenzphilosophie zuzurechnen. Ich beziehe mich hier auf Erinnerungen an Theodor W. Adornos Essay zum „Jargon der Eigentlichkeit“ und Georg Lukács’ Arbeit zur „Vernichtung der Vernunft“. Zur näheren Erklärung der Beuysschen Denkfiguren werde ich diese Schriften wieder heranziehen.

Okkultismus und Avantgarde

Seit 2 Jahren habe ich einen kiloschweren Katalog mit dem Titel „Okkultismus und Avantgarde. Von Munch bis Mondrian 1900 – 1915“ (hg. SCHIRN Kunsthalle. Frankfurt am Main 1995) zur Verfügung. Er liefert zumeist theosophische/anthroposophische Hinter- und Abgründe, derer sich einige – und nicht wenige – bedeutende Avantgarde-Künstler bedienten. Hinweise auf den Konnex zu Beuys‘ Schaffen werden gegeben.

Gerade neu erschienen ist der Katalog einer Ausstellung zur Kunstentwicklung in Berlin und Moskau 1950 – 2000 (hg. Pawel Choroschilow u. a. Berlin 2003). Auch hier beuyst es, z. B. mit der ollen Kamelle von Beuys und der Tataren-Hilfe (Eugen Blume wärmt diese story unter dem schönen Titel „Beuys macht Licht“ auf S. 169 f. auf) – eine Geschichte im übrigen, die der gesellschaftsreformerische Beuys-Verehrer Stüttgen (er sagt, Beuys’ „Gestaltungsmaßnahmen“ zielten aufs Leben schlechthin, auf die Erweiterung des Begriffs von der Kunst, aber auch auf den Arbeitsplatz) am 30. 11. 2003 in einer Diskussionsrunde in Berlin als ein Werk-Stück Beuys’, als literarische Erzählung, als Literatur, als fiction, und nicht als wahre Begebenheit anführt. Seiner Erinnerung nach habe Beuys erst sehr spät diese Geschichte erzählt; so um eine Jahreswende in den achtziger Jahren. Ein Stück Selbststilisierung also. Oder ein Erweitern des eigenen Kapitals, wenn man den Kapitalbegriff auch aufs Symbolische, etwa aufs Soziale und Kulturelle ausdehnt (wie Pierre Bourdieu es tat). Aber man könnte auch sagen, Beuys macht’s hier so, wie die Künstler am feudalen Hofe es taten, um Aufmerksamkeit zu erringen – irgendeine Schrulle musste es sein, damit der Herrscher und seine Ministrablen etwas merkten. So wurde man dann Hof-Künstler. Heute tritt das Erheischen massenmedialer Aufmerksamkeit an diese Stelle. Der Hut von Beuys, das Implantat in der Schädeldecke und der Absturz in die Tatarenwelt sind nun Insignien, die Markenzeichenqualität haben. (Eine russische Kennerin der Krim-Lage war der Ansicht, dass Beuys nicht in eine Tatarenwelt gestürzt sei, sondern ins „sozialistische Alltagsleben“ der Kriegszeit). Der Ort auf dem Kulturmarkt und dem Markt der Eitelkeiten wird so markiert. Und was der Meister signiert, markiert, wird geheiligt, geadelt – z. B. indem Beuys 1000 Alltagsgegenstände aus DDR-Produktion mit (s)einem Markenzeichen-Stempel versieht. Oder dieses Beispiel aus dem Jahr 2003: Ein Beuys-Schüler signiert – wie es heißt – Kassenzettel von Einkäufen bei ALDI-Süd gegen Entgelt und erteilt ihnen damit den künstlerischen Ritterschlag. Derjenige aber, der adelt, muss dafür sorgen, dass er ein Marketing zugunsten seines Werts ingangsetzt. Denn erst dann kann seine Unterschrift Wert über die pure Tinte hinaus haben und dem Käufer was bringen. Und zugleich ist solche Aktion selbst ein Stück Vermarktungsstrategie – sie löst religiöse Verfahren der Heilig- und Seligsprechung etwa von Knochenresten ab. Das Profane wird metaphysisch aufgeladen. Die gesegnete Hand segnet alltagsweltlich.

Der Doppel-Katalog einer Art Doppelausstellung mit dem Titel „Klopfzeichen/ Mauersprünge“ (hg. im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung. Leipzig 2002) zeigt das Wechselverhältnis in den 80er Jahren, das Künstler aus der DDR zu Beuys und Beuys zu ihnen hatte, an sehr vielen Stellen auf. Es war etwas Subversives im Gange, das unter kultur-politischen Aspekten noch gesondert untersucht werden sollte: Beuys in einem anderen als dem westdeutschen politischen Kontext.

Ich will auch nicht vergessen, auf Beuys’ Beteiligung an politisch-kulturellen Aktionen während der Zeit des sog. Kalten Kriegs hinzuweisen, etwa Unterstützung von Solidarnosc in Polen mit 1000 Werken (sog. Polen-Transport durch die Familie Beuys ins Museum Sztuki in Lodz) oder Beteiligung an einer Erinnerung an die Ermordung der Bewohner von Lidice durch Nazi-Soldaten: „52 deutsche Künstler spenden 1967 und 1997 für das Museum des tschechischen Dorfes Lidice“. Der Galerist René Block erinnert sich: „In seinem Grußwort zum Lidice-Katalog von 1967 bewundert Herbert von Buttlar den Mut, eine solche Ausstellung zu organisieren. Mut gehört nicht dazu, allerdings sind eine gewisse Sensibilität für den Anlaß und gewisses Gespür für eine angemessene Behandlung des Themas Voraussetzung. (-) Dieser vorausgesetzten Sensibilität, auch gegenüber Kunstwerken, widerspricht hingegen der aus heutiger Sicht unvorstellbare Vorgang, diese 21 Kunstwerke unverpackt in einen alten VW-Bus zu quetschen und ohne Zollpapiere nach Prag zu bringen: wie in einem trojanischen Pferd hinter den ‚Eisernen Vorhang’. (-) Joseph Beuys hat diese Aktion später künstlerisch legitimiert: In seiner Arbeit ‚The Pack/Das Rudel’ (1969) lässt er aus genau diesem VW-Bus 32 Schlitten wie Spürhunde ausbrechen.“ (< www.fridericianum-kassel.de > 28. 11. 2003)

Mit ihren Gestaltungen bieten Künstler – gleich welcher Profession – in der Regel ein Kommunikationsangebot. Es findet – gewollt oder nicht gewollt – ein Wechselspiel zwischen Sender und Empfänger statt. Auch wenn ein Künstler ‚nichts sagen‘ will, so meint ein Rezipient doch häufig etwas zu sehen, zu hören, fühlt sich herausgefordert. Oder: Auch wenn ein Künstler dieses ganz mechanische Sender- bzw. Sendungsbewußtsein (‚Hallo, ich bin auf Sendung!‘) gar nicht haben sollte, könnte er doch als mit solchem behaftet wahrgenommen werden. Der Kunstbetrieb tut sein Übriges.

Nun kann aber dieses gewollte oder ungewollte Verhältnis wohl nicht nur als eine formale Eigenschaft des Sendens und Empfangens verstanden werden. Es muss auch etwas transportiert werden bzw. es muss irgendwo noch eine Meinung vorhanden sein, dass da ein Was transportiert wird, eine Aussage getroffen wird.

Wenn ein Künstler als Prophet angesehen wird oder sich gar so versteht oder sich so verstehen und/oder missverstehen lässt, dann muss da etwas ‚Inhaltliches‘ sein. Das kann zugerechnet, selbst so gemeint, auch missverstanden oder ‚angedichtet‘ worden sein. Also: Der Kontext ist nicht nur eine Struktur, sondern auch ein Bündel von Aussagen.

Zu fragen ist dann: Was ist es, worauf bezieht es sich? Was will man (wer?)
wahrnehmen? Worauf bezieht sich jemand? Was sieht jemand? Was wird ‚hochgerechnet‘? Gibt es auch Aussagen über dieses Was, das über ein (isoliertes? Kunst-)Werk hinausgeht? Oder sind Werk und Kommentar als verbale, inhaltliche Aussage ein Ganzes?

Wenn ich so argumentiere, dann bin ich beinahe schon beim Modell von
Religionsstiftern: Entweder sie erfinden was ganz Neues, was übrigens sehr selten vorkommt. Meist wird kritisch kommentierend an etwas herangegangen, was es schon gibt und was weiterentwickelt oder reformiert werden soll, weil es sich selbst vergessen oder verleugnet habe. Oder man nimmt Fragen des Heute auf und macht Bewährungsproben an alten Erklärungen. Der, das tut, der Neues gestalten will, wird über seinen Gestaltungsprozess Zeugnis ablegen. Bestimmten Typen von Künstlern mag das nahe liegen – solchen, die sich im Zusammenhang von Lebensreform und Lebensgestaltung durchaus gesellschaftlich oder gemeinschaftlich verantworten wollen (im Wort VerANTWORTung steckt ja das Modell von Kommunikation und Dialog).

Vielleicht habe ich unterschwellig auch solche These: Die (?) Kunst/Die (?) Künstler haben sich noch nicht vollständig säkularisiert; sie sind immer noch – etwa (mehr oder weniger) Schamanen, Religionsstifter oder Propheten, Zeugnisableger (Ableger ist doppelsinnig zu lesen) bzw. solche Rollenerwartungen werden an sie herangetragen. Gesellschaften ohne geschichtliches Denken, ohne historische Vergewisserungen, Transzendenz und Erinnerungen haben solche Probleme wohl weniger – wenn es solche Gesellschaften denn überhaupt gibt – wir haben das mal an amerikanischer Malerei versucht zu erklären: aber dort gibt es auch Mythen des Alltags, metaphysische Aufladungen, Privatreligionen, einen religiösen Markt.

Theatralität

Durch die Lektüre des „Beuysnobiscum“ bin ich bestärkt in meiner Annahme, dass Beuys – sage ich prononciert – von Interessenten untersucht werden muss, die vom Theater, von der Theatralität herkommen. Beuys macht Theater, indem er zeigt, absichtlich/mit Sendungsbewusstsein zur Schau stellt (= théa & ostentazione) und das hat nur Sinn, wenn Publikum daran beteiligt ist. Dieses Ganze nennt Rudolf Münz ein „Theatralitätsgefüge“ (Theatralität und Theater. Zur Historigraphie von Theatralitätsgefügen. Berlin 1998). Und das ist es, was Beuys bedient. Beuys erweiterte, so Schneede in seinem Text zum Stichwort „Aktion“ im „Beuysnobiscum“, „seine künstlerische Tätigkeit um die Aufführungskünste“ (S. 24, das Wort von der Aufführungskunst stamme in diesem Zusammenhang von Robert Filliou: Lehren und Lernen als Aufführungskünste). Beuys‘ Aktionen unterschieden sich von Fluxus-Aktionen, die häufig schnell, kurzfristig angelegt waren und komödiantisch „sich am Vaudeville (orientierten) und ... die eurozentristische, seriöse Kunst, die bloss dem Künstler-Ego als Vehikel diente“, verspotteten (Steiner in: Beuysnobiscum, S. 164 f.), durch „mit ‚grossem Ernst aufgeladene‘ Spiritualität ... und ... (durch) selbst vor christlicher Symbolik nicht zurückschreckender Bezüge“ (Steiner, S. 164), so dass es „bald zu einer Distanzierung der (Fluxus-, Anm. gk)Kerngruppe gegenüber dem um ‚Verbesserung des Zustandes‘ ringenden ‚Kameraden in Flux‘“ kam (Steiner, S. 164). Außerdem dauerten die Aktionen bzw. das von Beuys hervorgerufene Theatralitätsgefüge weitaus länger, als es die Regel bei Fluxus-Aktionen war, so dass tatsächlich von einem rituellen Lehren und Lernen, von einer rituellen Sozialisation durch Aufführungskunst zu sprechen ist. Das Stichwort „Ritual“ macht auf die drei Stadien eines rituellen Vorgangs aufmerksam, die „der Ethnologe A. van Gennep 1909 erstmals für den Initiationsritus nannte: Trennung, Übergang und Wiedereingliederung.“ (von Graevenitz in: Beuysnobiscum, S. 307) Trennung bedeutet Rückzug vom/Ausklinken aus dem herkömmlichen Kontext (z. B. bei Beuys ein stundenlanges Eingerolltsein in eine Filzmatte). Übergang ist das Anderssein (z. B. mit Honig und Blattgold versehener Körper). Wiedereingliederung ist die Probe aufs Exempel, die z. B. durch politisch-gesellschaftliche Organisation (Partei, Bildungseinrichtung) geschehen kann. Ich stimme von Graevenitz nicht zu, wenn sie schreibt, dass „ein Künstler wie Beuys“ zumindest „auf die Wiedereingliederung in die Gesellschaft ... keinen Einfluss (hatte)“ (von Graevenitz, S. 307): Gerade aber das war ja eine seiner Absichten: Mit dem erweiterten Kunstbegriff, mit sozialer Plastik, mit politischem Engagement (100 Tage Rede auf der „documenta“). „Kunst kann nur als Modell für einen Initiationsritus wirken, anders als z. B. ein Hochzeitsritual“ (von Graevenitz, S. 307): Diesem realsoziologischen Befund der Autorin von Graevenitz kann ich jedoch zustimmen – nur: So bescheiden wollte Beuys meiner Ansicht nach nicht sein (siehe auch seine Übernahme der “Transsubstantiations“-Lehre in sein Handeln, vgl. Leutgeb in: Beuysnobiscum, S. 338 ff.).

Lebensreform

Meine Vermutung, dass Beuys mit dem Typus des Ideologen und Künstlers der Lebensreform, Fidus, in Zusammenhang gebracht werden kann, wird durch das „Beuysnobiscum“ bestärkt (auf S. 109 findet er eine direkte Erwähnung und an anderen Stellen ist der ideologische Kontext beschrieben). Im Personenverzeichnis des Bandes ist der meist angeführte Autor Rudolf Steiner: als Bezugsfigur von Beuys aber mehr noch von den Stichwort-Schreibern. Marcel Duchamp und Dschingis Khan werden häufig angeführt; Goethe und die Brüder van Grinten etwas weniger häufig und fast gleich stark; auch Nam June Paik ist stark vertreten. Die Stichworte Musik und Zukunft können eng aneinander geführt werden: Musik ist bei Beuys übrigens oft vertreten (z. T. aus der Fluxus-Zeit und dem dortigen Einfluss von John Cage), auch und gerade als Ausdrucksmittel von noch nicht Vorhandenem – von Zukunft (da wäre ein Vergleich des Musik-Verständnisses von Ernst Bloch und Beuys nicht uninteressant – auch bei Bloch tönt das Offene, Kommende, anders noch nicht Sagbare, Zukünftige erst oder schon in Musik ...). Auch die Verwendung von Musik, die Zusammenfügung von unterschiedlichen Weisen des Ausdrückens (ostentazione), eine Gesamtkunstwerksidee á la Wagner (auch häufig angeführt im „Beuysnobiscum“) verweisen auf das Vorhandensein eines Theatralitätsgefüges bei Beuys hin, so dass ich mich dieser Tatsache doch mehr widmen werde, als ich erst dachte.

Performance

Ein historisch-systematischer Abriss des Performance-Ansatzes bestätigt meine Vermutungen: Lebensphilosophisch (vitalistisch) begründet, soll prophetisch etwas durch IHN, den Beuys, zum Ausdruck gebracht werden, zur Gestalt werden. Das ist inhaltlich einer Kulturkritik des Heutigen verpflichtet und methodisch, also in seiner Auftritts- und Ausdrucksweise dem Archaischen, dem Gestrigen. Vielleicht sollte ich Beuys‘ Ausruf ernst nehmen: „Hiermit trete ich aus der Kunst aus“ (besser: aus der bildenden Kunst, Anm. gk) und steige in die darstellende, performative Kunst ein – mache also Theater (wobei ich den Doppelsinn von Theater hier gerne nutze). „1963 organisierte Beuys … in der Kunstakademie Düsseldorf Festum Fluxorum. Fluxus. Musik und Antimusik. Das instrumentale Theater“ – das Wort „Theater“ taucht hier explizit durch ihn genutzt für (s)eine Aktion auf (Jürgen Harten: Eurasia – Joseph Beuys, in: Pawel Choroschilow u. a. (Hg.): Berlin – Moskau. 1950 - 2000. Kunst. Berlin 2003, S. 63). Ein zweites Zitat, nicht von Beuys, würde ich ihm gerne in den Mund legen: „Ja, wir beanspruchen, vom Stamme der Propheten zu sein!“ – so der Wissenschaftssoziologe Bruno Latour (in einem anderen, aber künstlerischen bzw. medialen Zusammenhang, nämlich dem der schier unaufhaltbaren Bilderflut und dem ‚Kreuzzug‘ dagegen). Sein Zitat und das von Beuys entnehme ich Georg Patzers Bericht: „Beweglich bleiben im Kriege der Bilder. Von der Bilderverehrung zur Bilderstürmerei und zurück: Die Ausstellung ‚Iconoclash‘ in Karlsruhe verfolgt ein hehres Ziel. An der Nahtstelle von Kunst, Religion und Politik soll die Deutungsmacht erschüttert und der Zuschauer befreit werden. Die Kampfansage gilt jeder Form von Bedeutungsfixierung.“ (taz, 22./23. 6. 2002, S. 15).

„Im angelsächsischen Raum meint P (= performance) zunächst Aufführungen von Theater, Tanz, Artistik, Vortrag, politische Zeremonie … P ist heute sowohl in Kunst, Wissenschaft und Alltag anzutreffen … als im leiblichen verstrickte ‚verkörperte Sprache’ … P (eröffnen) dem Publikum einen Spielraum … indem alles mit allem in Relation gesetzt wird. In ihm ereignen sich Transformationsprozesse, welche zur Zerstörung alter Ordnungen und zur (authentischen) Neuordnung führen. Im Medien- und Showgeschäft bezeichnet P eine perfektionierte Inszenierungs- und Hochleistungsdarbietung. In der Bildenden Kunst hat sich Ende der 1960er Jahre P als körper- und handlungsbezogene Aktionskunstform … herausgebildet. P-Art ist ein prozessästhetisches Ereignis. Sie vollzieht sich im unmittelbaren, präsentischen Handeln des Künstlers im ‚Echt-Zeit-Raum’ … ‚Transformation einer Situation’ …, an der das Publikum meist beobachtend, seltener aktiv handelnd teilnimmt … Indem Körper und Bewegungen, Sprache und Geräusche, Raum und Zeit sowie Licht- und Farbeffekte miteinander interagieren, entstehen oft unmerkliche Übergänge zwischen Kunst und Alltag. Dass in der P betonte ‚Reale des Augenblicks’ und die ständige Grenzüberschreitung zwischen ‚Acting’ und ‚Non-Acting’ … macht P … für das Theater interessant … ihre Wirklichkeit liegt im Vollzug und im Sich-Öffnen für die Erfahrung einer intensiven Präsenz. (-) Die P besitzt ihre anthropologischen Wurzeln in archaischen Gemeinschaften … Ihr Zentrum ist der Körper.“ [S. 219 f. = Auszüge aus Marie-Luise Lange (Berlin/Dresden): Performance (= P), einem Stichwort im „Wörterbuch der Theaterpädagogik“ (hg. von Gerd Koch und Marianne Streisand) Berlin/Milow 2003 (SCHIBRI-Verlag)].


„Deutsche Lebensläufe“ - Film über Joseph Beuys
(Filmemacher: Thomas Palzer, Produktion: SWR, gesendet am 1. 4. 2001 im ORB)

(Die Zitate meiner Tonmitschrift wurden so wörtlich wie möglich nach dem Abhören der Sendung und in der Reihenfolge ihres Auftretens zusammengestellt. Wegen eventueller Hörfehler (etwa bei Eigennamen) wurden auch dort keine Anführungsstriche gesetzt, wo mir eine exakte Übernahme gesichert scheint. Ausgelassen wurde der Teil des Films, der das Ehepaar, die Familie Beuys beim Kochen zeigt – eine mir sympathische Szene. Im Text kürze ich ab: JB für Joseph Beuys und B für Beuys.)

• Kommentar: JB bezeichnet sich selbst als Schamane.
• Sonja Mataré: Mir fiel auch auf, dass er immer um seine Stirn Angst hatte. Er trug ja immer eine Mütze. Und ich durfte oder musste ihm die Haare schneiden, angeblich konnte das niemand anderes. Er wollte niemanden heran lassen. Das muss ganz persönlich sein. Als ich das erste Mal in die Schweiz fuhr ..., da musste ich ihm einen Hut kaufen, und zwar wurde mir genau erklärt, wie der auszusehen hatte. Das war also nicht ein Filzhut, sondern ein gesteppter Hut aus so einem wasserfesten Stoff. Das war also schon auffallend. Und ich glaube, es lässt einen das ein Leben lang nicht mehr los, wenn man das erlebt hat, was ihm da (auf der Krim, Anm. gk) passiert ist.
• Kommentar: Schon als Kind sei B herum gelaufen wie ein Hirte mit dem Stab, und er habe sich vorgestellt, um ihn herum sei eine Herde versammelt ... die Erziehung ist streng ...
• B ist ein unruhiger Geist ... Umwelt ... kundschaftet er aus ... im Elternhaus legt er eine botanische Sammlung an, und er betreibt ein Laboratorium … ein guter Schüler ist er nicht ... wo es möglich ist, erprobt B sich selbst ...
• Heinz Sielmann: (B berichtete ihm), er hätte ein sehr gutes Verhältnis zu seinen Eltern gehabt ... der gute Jupp war dann schon immer sehr beobachtend sehr beobachtend ... hatte sogar ein kleines eigenes Museum, wie er mir sagte, sich eingerichtet mit Mäusen, mit Fröschen und mit Schmetterlingen. Das will viel heißen, und er ist einmal ... sogar von zu Hause ausgebüxt, weggelaufen und war bei einem Wanderzirkus tätig, also war schon ein toller Bursche, der eigenwillig war.
• Kommentar: Rolle als Hirte und Schäfer bestimmt kindliche Phantasie ... später wird er immer eine Anglerweste tragen, als sei er ein Wiedergänger von Petrus, dem Fischer und Menschenangler.
• 1964 – Aachen – aus zeitgenössischer Wochenschau – Tumult – Kommentar: ... und da ist die herrlichste Schlägerei. Wir greifen das Stichwort wieder auf: Das ist die Anarchie der Aktion! Leben! Der Professor hat schon eine blutige Nase, aber er bleibt nicht der einzige, der Kunst ein Blutopfer bringt; denn es wird weitergeprügelt. Der Professor bläst ein Kruzifix auf. Wirklich: Eine neue Idee. Die Menge ist so aufgebracht wie dankbar. Der Professor hält milde Gaben bereit, streut Schokolade unters Volk. Panem et circensis. Brot und Spiele. Aber in seinem Tun schlummert der Keim des Vergebens (man hört im Off das Wort Toleranz, Anm. gk); denn die Jünger der heiligen Hermanidad, die Polizisten, betreten die Szene.
• Kommentar: Schloss Gnadental bei Kleve: Für den kleinen Jupp ein faszinierender Ort. Hier treibt er sich herum. Im 18. Jh. wohnt in dem Schloss ein ...Klever Baron (der sich an der Französischen Revolution beteiligt und sich Anarchasis (?) nennt, Anm. gk).
• Guido de Verd: Dieser Baron war revolutionärer Ehrenbürger von Paris: Mit Schauspielern ist er in die assemblée zur Auflösung der nationalen assemblée gegangen. Forderung: Internationale assemblée aller Völker! Was B an diesem (Baron Claude? Anm. gk) faszinierte, dass man mit Taten, mit Worten ... soviel bewirken kann ... Claudes (?) Name im Französischen war: Der Redner des Menschengeschlechts ... Da ist natürlich eine eindeutige Parallele mit dem öffentlichen Wirken in den siebziger Jahren zu ziehen. Dass B ganz früh dessen Bedeutung kannte, Details seines Lebens (Claudes (?)) Lebens kannte.
• 1974 – Minneapolis – JB auf Englisch – Wochenschau-Kommentar: Sein Tier ist der Hase (= vorchristlich, vgl. Ostermythos, Anm. gk): beweglich, fruchtbar, frei aber auch schutzlos, ganz wie der selbstbestimmte Mensch, den B sich als Künstler erträumt. Seit den Kindheitstagen spielen Tiere im Leben von B eine wichtige Rolle. Sie wird noch wichtiger, nachdem er die Lehre des Anthroposophen Rudolf Steiner kennenlernt. Hase, Hirsch und Schwan. Schwan: Das Wappentier Kleves, das Tier Lohengrins, des sagenhaften Ritters vom Niederrhein. Für B haben Tiere eine Seele.
• Rudolf Zwirner, Galerist, zur 1. Kommerziellen Ausstellung l965 von B in der winzigen Galerie von Alfred Schmela im November. Zwirner sieht durch das Fenster der Galerie einen Mann, der sich Blattgold und Honig aufs Gesicht geschmiert hat): ... und erklärt seinem Hasen, den er im Arme hielt, den er beim Tierhändler geholt hat ..., die Ausstellung ... nahm das Pfötchen und stippte die Exponate an. Das hat mindestens eine Stunde gedauert ...
• Kommentar: Der Hase und dann die Biene: Organismus und Organisation. Schöpfung und Schöpferkraft.
• Zeitgenössischer Wochenschau-Kommentar (?) zur Honigpumpe: Natur und Technik werden an diesem Ort in einem Kreislauf miteinander verknüpft. Das geschlossene System widerspricht allerdings deutlich dem von B propagierten erweiterten Kunstbegriff, der ja ausdrücklich die Offenheit betont. Der Widerspruch löst sich, indem B der Honigpumpe den geistigen Arbeitsplatz der Freien Internationalen Universität als Umschlagplatz für Ideen jeder Art angliedert. (B im O-Ton: Die Honigpumpe ist ja ... zweierlei. Ersteinmal ist hier das physische Signal für die eigentliche Honigpumpe, die hinter dem Loch ist ... hinter dem Loch arbeitet die Free International University als ein Arbeitskollektiv permanent hundert Tage, als 100-Tage-Aktion, an allen möglichen Fragen der Gesellschaft.
• Adam C. Oellers (Kunsthistoriker): Bienen, Bienenstaat ist natürlich auch etwas, was das Lebensprinzip zeigt. Also die Bienen zeigen ja eine bestimmte Form des Lebens, das sich selbst organisiert und quasi sich selbst immer wieder erneuert oder reproduziert ... als eine Form des Lebensprozesses gesehen und das hat ja auch schon da eine Verbindung zu Steiner gefunden und hat für ihn (?) als Form des Darstellungsprozesses immer wieder in seinem Werk berührt, dass also ... immer Bienen dargestellt (werden), Bienenkönigin, das Thema der Bienen, des Wachses.
• B bei der Wachs-Schmelze (O-Ton): Das Fett war ja gerade das ideale Material, mit dem man die Zustände von chaotischer Kondition, von Bewegungsmäßigem und Formprinzip zeigen konnte. Das Formprinzip tritt auf als Fettecke im Raumkontext. Das ist also die Endform von dem ganzen Umgehen mit diesem anfälligen Material, könnte man sagen. Also, da hat man in dem Fett eine ideale Möglichkeit, mit einem so anfälligen Material die Bestandteile der Plastik zu zeigen in der Aktion.
• (Fernsehbild der B’schen Installation „Straßenbahnhaltestelle“ als Folge nachhaltiger Jugenderfahrung, sagt Guido de Verd vom Kunstmuseum (?) Kleve)
• Kommentar: Der junge B ist ein umfassender, fleißiger Leser. Er beschäftigt sich mit Nietzsche, besucht sogar das Nietzsche-Archiv in Weimar. Die unauflösbare Einheit von Kunst und Leben, wie sie Nietzsche verlangt, ist ein Gedanke, der sich ihm tief einprägt. Überhaupt: Die Universalität, das Ganzheitliche. Auch von Goethe ist er angezogen, dem ersten deutschen Enzyklopädisten. Die Französische Revolution und die Enzyklopädisten: Die revolutionäre Vorstellung, dass der Mensch sein Schicksal selbst in die Hand nimmt.
• Sonja Mataré: Er wirkte ja, wenn man ihn zuerst kennenlernte, wie ein ... strahlender Naturbursche. Das war eben auch eine Seite ... und wenn man ihn dann kennenlernte, dann konnte man nur wieder verblüfft sein über die unglaubliche Intelligenz und über all das Wissen, was er hatte. Er wusste einfach alles. Er wusste über die Botanik, er wusste jedes Unkräutchen mit lateinischem Namen, er konnte Ihnen über Medizin erzählen ... er wusste über Physik Bescheid, er wusste natürlich über die Kunst Bescheid, er konnte Dante italienisch zitieren. Es war einfach – man kam aus dem Staunen nicht heraus. Es war wohl so, dass er einfach ein unglaubliches Gedächtnis hatte, und was er je gehört und gelesen hatte und jeden Namen, den er je gehört hatte, den hat er einfach behalten und dadurch kam das, das aber noch besonders wichtig war, fand ich, dass er all diese Dinge in einer Zusammenschau sah. Er sah die Verbindungen, Hintergründe, zwischen eben all diesen einzelnen Sparten.
• Heinz Sielmann: Ich lernte JB 1940 im Kriege kennen, und zwar in Posen im damaligen Warthegau in einer Luftnachrichtengruppe. Jupp ... kam gleich (1940 nach dem Abitur, Anm. gk) zur Wehrmacht; die musste ich Exerzieren unterrichten und im Funken. Und dann war er soweit; er wurde ein guter Funker; er wurde Funker auf einer Stuka, dem sog. Sturzbomber, der JU 52. Und dann passierte es, wie er es mir später sehr ausführlich erzählte, es war im Jahr 1943, da wurde er über der Krim abgeschossen.
• Kommentar: Der Berliner Künstler Jörg Herold sucht im März des Jahres 2000 auf der Halbinsel Krim nach Zeitzeugen für den Absturz von B und findet zwei, die glauben, sich daran erinnern zu können ... Aus Angst vor deutschen Suchkommandos habe man sich freilich nicht getraut, den beiden Abgestürzten zu Hilfe zu kommen. B’s Tatarengeschichte also doch eine Legende? Eine Erfindung, gestrickt nach dem Muster einer Heiligengeschichte? Tatsache ist, dass die Unterlagen der damals zuständigen Dienststelle, die beweisen, dass B am 17. März 1944 von deutschen Suchkommandos gefunden wurde. Der Absturz war am 16. März. B konnte also nicht 2 Wochen von Tataren gepflegt worden sein. Tatsache ist außerdem: B hat erst 15 Jahre nach dem Absturz angefangen, mit Filz und Fett zu arbeiten und manchmal augenzwinkernd darauf hingewiesen, dass er es auch nicht so genau wisse, ob seine Leidenschaft für Filz und Fett mit den Tataren zu tun hat. Vielleicht ist die künstlerische Wahrheit eine andere als die historische. – Das Westfenster des Aachener Doms. Der Entwurf des gusseisernen Ornamentwerks stammt von Ewald Mataré, dem Lehrer von B an der Düsseldorfer Kunstakademie. 1952 wird das siebeneinhalb Meter hohe und über drei Meter breite Fenster ausgeführt. Dabei verlässt sich Mataré ganz auf die handwerkliche Begabung seines Schülers B.
• Sonja Beuys (Mataré?): JB kam hier etwa l947 in die Klasse meines Vaters, und er hat im Grunde in diesem Haus, in dem ich heute noch wohn, hat er damals etwa vier Jahre auch arbeiten können. Das Verhältnis zwischen meinem Vater und B war eigentlich ein, schon ein besonderes. Ich glaube, dass sie sich beide sehr, sehr, ich möchte fast sagen, geliebt haben. B hat meinen Vater ganz bestimmt sehr verehrt und geschätzt. Und mein Vater hat ihn ebenso geschätzt und hat gefühlt, dass er ein ungewöhnlicher Mensch war. Das hat natürlich nachher zu Enttäuschungen geführt. B musste sich im wahren Sinn des Wortes fortentwickeln, und das war in einem Weg, den mein Vater, aus einer anderen Generation, aus einem anderen Denken kommend, nicht so nachvollziehen konnte und die Enttäuschung war auf beiden Seiten sehr groß.
• Kommentar: ... B arbeitet mit an Matarés öffentlichen Aufträgen, z. B. am Südportal des Kölner Doms ... (seinen Rasierpinsel) hatte er in die Tür hineingearbeitet.
• Kommentar: Während des Studiums entdeckt B das radikal ganzheitliche Denken des Anthroposophen Rudolf Steiner. Steiner stellt sich die Gesellschaft als sozialen Organismus vor. B wird daraus seine berühmte Formel vom „erweiterten Kunstbegriff“ machen. Die Menschen als Künstler, als Kreaturen, die selbst kreativ sind in Wissenschaft, Bildungswesen, Kunst. Kunst heißt Lebenskunst. So entsteht aus Steiners um den Menschen zentrierter Philosophie bei B die soziale Plastik: Das menschliche Zusammenleben als Gesamtkunstwerk.
• Adam C. Oellers (Kunsthistoriker): Ähnlichkeiten oder Vergleichbarkeiten gibt es vielleicht zwischen Steiner und B auch in der Beurteilung der Wandtafelzeichnungen. Steiner hatte ja schon die Wandtafelzeichnung bei seinen Vorträgen benutzt, hat also seine Vorträge immer auf Tafeln illustriert und da hat man Papier draufgespannt und das quasi nachher als Papierbilder benutzt, und es ist durchaus auch möglich, dass er auch schon bei seiner frühen Beschäftigung mit der Anthroposophie etwas von diesen Tafeln gewusst hat, die erst in den letzten Jahren sehr populär geworden sind. Und es gibt erstaunliche Vergleichbarkeiten, also B hatte eben auch während seiner Vorträge Tafeln zur Intensivierung seiner Vortragstätigkeit benutzt und da eben auch Zeichnungen, Begriffe und solche Dinge draufgeschrieben ...
• Kommentar: B ist fast Mitte vierzig als sein künstlerischer Ruhm einsetzt. Mitte der fünfziger Jahre aber ist seine finanzielle Lage noch katastrophal, trotz erster Ausstellungen. Als sich dann noch die Verlobte von ihm trennt, stürzt der angehende Künstler in eine tiefe Depression, in eine Lebenskrise, in der er sich aufs Klever Land zurückzieht auf den bäuerlichen Hof der Brüder van der Grinten. Van der Grinten: In den guten Tagen ist er mit uns aufs Feld gegangen ...
• (Ein ernstes Gespräch mit van der Grintens Mutter wird angeführt: Sie müssen jetzt gehen (aber uns dürfen Sie nicht mit zerstören). - Und dann hat sie ihm vieles andere gesagt auf seine Verpflichtung als Künstler ... gegenüber seiner Begabung ... Es war ein sehr ernstes Gespräch, das ihn wohl auch erschüttert hat ... Sie können wiederkommen so bald und so oft sie wollen. Jetzt müssen Sie gehen. – Und dann haben wir ihm ein Fahrrad geliehen, und er ist mit seinem Koffer nach Haus gefahren ... dann hat er das Fahrrad zurückgebracht und war vollkommen geheilt ...
• (Kind von JB:) Mein Patenonkel ist Heiner Bastian.
• (JB in der Küche – Frau Eva B): ... wir machen ja alles alleine, B und ich, und wir sind darauf eintrainiert, alles Hand in Hand zu machen ...
• Kommentar: Woher kommt der Mensch? Wohin geht er? Er erweitert seinen Kunstbegriff auf die sog. Soziale Skulptur, d. h. auf einen sozialen Organismus, der in jedem Einzelnen Selbstbestimmung und Mitbestimmung im kulturellen Bereich, im Rechtswesen und in der Wirtschaft gewährleistet. B ist zum Künstler geworden.
• (Rudolf Zwirner, Galerist: ) Das Genialste war ja sein Auftritt am 20. Juli 63 in Aachen. Wie er zufällig von irgendeinem der Verrückten einen Schlag ins Gesicht kriegte, also genaugenommen auf die Nase, was ja nicht besonders schlimm war. Und irgendeiner will ihm ein Taschentuch anreichen für die Nase ... da weigert er sich.Er beugt sich rüber zur Bühne, wo seine Requisiten für seine Aktion waren und holt ein Kruzifix raus und hält das hoch und schmeißt mit der anderen Hand ganze Oblaten(?)Tafeln ins Publikum und macht sich, stilisiert sich in Sekundenschnelle zu einer Christusfigur. Und irgendein Schlauer aus der Nachbarschaft, ich weiß nicht, wer, ein Düsseldorfer (Anm. 1), hat diesen Moment fotografiert. Und von Stund an ging dieses Foto durch die Presse und immer wieder war das ... eines der bekanntesten Fotos. B mit hochgehaltenem Kruzifix... der Vergebungsgeste. Das nenne ich geniale Strategie! Das nenne ich: Fast so gut wie Andy Warhol.
• (JB bohrt Klavier an; Aachen-Tumult – aus Wochenschau? – Polizei-Einsatz)
• (Zeitgenössischr Kommentar?) Der Unterricht spielt sich ab in der Form von Gesprächen. B stellt im allgemeinen keine Themen. Die Schüler entscheiden selbst, womit sie sich beschäftigen wollen. Am Semesterende müssen die Arbeiten vorgezeigt werden ... An einem Nachmittag hatte einer aus der Klasse zwei Hasen mitgebracht. (B: ) ... wie das Tiersein zum Menschsein in einer Beziehung steht. Einfach klarzumachen, dass der ... (Kommentar:) Es entsteht eine Diskussion, ob man diesen Hasen auch symbolisch verstehen kann. Das Beispiel mit dem Hasen kann für B eine grundlegende Idee verdeutlichen: Abstrakte, rationale Begriffe und Systeme sollen aufgesprengt, Vorstellungen aus dem Bereich des Organischen sollen eingeführt werden . (B: ... müsste das Evolutionäre enthalten im Sinne des Organischen. Also, hier ist jetzt der Hase, sagen mal einfach nur ein Zeichen für die Organik, die wir vortragen. Und die Organik einführen wollen in den etablierten Wissenschaften ... (der Mensch) ... das ist doch keine Geometrie, was sich hier so bewegt ... mit der Intuition erreicht man ja gerade ein Gebiet, was man mit der formalen Logik, also mit dem Denken, mit dem logischen Denken, nicht erreicht.
• Johannes Stüttgen (B-Schüler): B war wie so eine Hebamme. Es war im Gegensatz zu vielen anderen Professoren ... ihre Schüler in ihre eigene Richtung hineinbringen ... Das gab es bei B überhaupt nicht, sondern es war sogar so: Ich war ein ganzes Jahr lang Schüler bei ihm und wusste überhaupt nicht mal, dass er irgendwelche ausstellbaren Sachen produzierte. Für mich war am Anfang völlig klar, dass seine Kunst seine Lehrtätigkeit ist. Und ich war darüber sehr glücklich. Ich dachte, endlich triffst du mal auf einen Künstler, der jetzt wirklich einen Kunstbegriff praktiziert, der sich auf den Menschen bezieht. Und nach einem Jahr bekam ich dann eine Einladung für die erste Ausstellung nach Mönchen-Gladbach ... 67 im März ... dass dieser B auch Dinge produzierte, die man ausstellen kann.
• Johannes Cladders (Mönchen-Gladbach): Wir hatten rund 600 Besucher zur Eröffnung ... Besucherandrang kaum zu bewältigen (= kleines Museum in Mönchen-Gladbach, Anm. gk). Das Echo nach außen war außerordentlich positiv ... aber nach innen hin gab es schweren Ärger ... Stadt ... Bevölkerung. Das, was dort gezeigt wurde, (lief dem) Kunstbegriff der breiten Bevölkerung völlig zuwider.
• JB: Das Schicksal der Akademien, das Schicksal der Schulen, das Schicksal des gesamten Bildungswesens hängt davon ab, inwieweit Schulen sich von einer Verwaltung durch den Staat befreien.
• (Historischer Kommentar:) “Kein Ersatz für B”. Unter dieser Parole ... von Minister fristlos entlassen ..(Studenten) wenigstens für zwei Semester in seine Klasse aufnehmen ...
• B: (Unterricht soll) in alle Zukunft hinein (so weiterlaufen) ... und wenn sie mit Panzern kommen, werde ich weiter unterrichten.
• Hans van der Grinten: ... an dem Abend, als die Nachricht im Radio verbreitet wurde, habe ich ihn angerufen, und hab’ ihm gesagt: Was machst Du jetzt? Ja, sagte er , was kann ich schon machen? Ich sag’: Sehr viel. Du musst sofort alle juristischen Wege beschreiten, um diese Entlassung zu bekämpfen. Er fragte mich: Wie kann ich das anfangen? Ich sagte: Du könntest z. B. zu Augstein fahren. Augstein hatte gerade einen großen Prozess gegen Franz Josef Strauß gewonnen ... ob er für dich etwas unternimmt. Aber Augstein hat das nicht gewollt. Und dann hat B durch alle Instanzen gekämpft bis zum Bundesarbeitsgericht. Das hat sechs Jahre gedauert und endete mit einer Rehabilitation.
• Frage: Wollen Sie( B) Bundeskanzler werden? Ja ..., schließlich würde ich’s werden ... ich würde auch sogar schließlich Papst werden (lachend gesagt, Anm. gk).
• Georg Jappe (Kunstkritiker): Einer der Studenten erzählt ihm groß und breit von (vor?) einem Bild. Und B nach ‘ner Weile dreht das Bild um und sagt: Also, das Bild kannst Du doch auch erzählen, brauch’ ich nicht anzusehen. Und klopft ihm auf die Schulter und sagt: Jeder Mensch ist Künstler, bloß du nicht. Dann geht er, mit seinem berühmten Lachen.
• (Film von Klaus Staeck 1974 – B hat keine Ausstellung in den USA, hat nur gesprochen – Hinweis auf den Verbrecher/Mörder John Dillinger – B: ... fehlgeleitete Kreativität ...).
• René Block (ehemaliger Galerist von JB): B war ein großartiger Mensch, nicht nur ein großartiger Künstler ... Er hatte einen wunderbaren Humor, konnte wunderbar lachen ... Er war einer der wenigen Künstler, ... der auch über seine Arbeiten lachen konnte, d.h. so sein befreiendes Lachen, d. h. er hatte als Person auch immer eine gewisse Distanz zu den Dingen, die er machte.
• 1974 – historischer Kommentar: B will Amerika nicht sehen, deshalb lässt er sich mit Krankenwagen und Trage und verdeckten Augen in die New Yorker Galerie von René Block fahren – Auftritt dort mit Kojoten und Stab – Filmausschnitte.
• Bazon Brock: Er interessierte sich nicht so sehr für die Kunst im 20. Jh., sondern generell für künstlerische Äußerung und verband das mit Kulturtechniken, die viel älter waren, z. B. mit der Selbstlegitimation des Künstlers, das war im 19. Jh., das Geniekonzept; das war in anderen Kulturen das Schamanenkonzept. Und diese Einheit von europäisch-bürgerlicher Legitimation des Künstlers als Genie und der alten kulturellen Technik der Selbstlegitimation des Schamanen durch induzierten Wahnsinn, durch Vereinnahmung von lebensgefährdenden Giften, durch Aussetzung einer radikalen Existenzsituation, Durchlaufen und Durchstehen dieser Situation ... und Werden (?) dadurch Autorität des Schamanen. Das war sein Konzept.
• (1979 Europawahlkandidat der Grünen – O-Ton: Auf den Kandidaten JB entfielen 39 Stimmen.
• Damit ist JB gewählt. “Ich nehme die Wahl an und bedanke mich fest (?) bei euch sehr herzlich.”
• Kommentar: ... Als die Grünen der 5-%-Marke nahekommen, ziehen sie den Kandidaten B zurück. Der radikale Professor kann ihnen den Einzug in die Parlamente gefährden.
• Gesang mit B: ... Wind und Sonne statt Reagan ... wir wollen Sonne statt Reagan, ohne Rüstung leben ...
• Kommentar: Die Kunstwelt hält für Sekunden den Atem an, registrierte ergriffen das erste Gipfeltreffen zwischen den Premiers zweier künstlerischer Großmächte, die durch Welten voneinander getrennt sind. JB gab sich zu vorgerückter Stunde die Ehre (= JB trifft auf Andy Warhol, Anm. gk).
• Kommentar (1980): Die Städtische Galerie im Lenbachhaus hatte für eine Viertelmillion Mark die B-Installation „Zeige Deine Wunde“ angekauft und damit die Gemüter von Lokalpolitikern und des sog. Mannes von der Straße erhitzt. B hat diesen Kampf, wie manchen vorher, ruhig überstanden. Der Kampf um die zwei Leichenbahren im Museum war einer der letzten Kämpfe, der um die moderne Kunst gefochten wurde. Es war das letztemal, dass die Avantgarde ein großes Publikum erregte; denn ohne die Erregung über sie ist die Avantgarde nur Spekulationsobjekt und Museumsstück.
• (Mann im bayerischen Tonfall – O-Ton:) Herr B ..., das wird Sie vielleicht überraschen: Ich bin einer Ihrer Bewunderer. Allerdings bewundere ich Sie und Ihre Freunde wegen der Geschäftstüchtigkeit. Das dürfen Sie mir nicht verargen. Ihre Freunde vor allem, das möchte ich gar nicht von Ihnen sagen, sind ganz harte Geschäftsleute, wie der kapitalistisch anmutende Kaufpreis von über einer Viertelmillion Mark für zwei Leichenbahren, weiteren Utensilien zuzüglich Idee.
• (Heiner Bastian, ehemaliger B-Sekretär zur Guggenheim-Retro von B 1979 – technische Anforderungen – Brückenbau, Transport etc.).
• Rudolf Zwirner (Galerist): Und wenn Sie die Güte haben, mal den Katalog der/seiner großen Guggenheim-Ausstellung anzusehen und gucken sich mal vorne, gleich erste Seite links, das Titelblatt links, das Porträt von B, dann sieht es aus wie das Schweißtuch ... aus Turin, das Antlitz Jesu Christi ... ein ganz verklärtes Gesicht, wo man B nur noch unscharf erkennt ... Also dieses bewusste Einsetzen von christlichen Bildern, Motiven, Idealen, gehörte mit zu dieser sehr diesseitigen Strategie von JB.
• (Wochenschau/Fernsehen zum 60. Geburtstag von JB: ) Worin besteht eigentlich die außergewöhnliche Wirkung dieses Künstlers? ... Sein Freund Klaus Rinke: Wir sind alle Zeitgenossen von JB ...
• Kommentar: ... spektakulärer documenta-Beitrag – 1978 – Politik und Natur (Basalt gegen Eiche; Stückpreis DM 500,--).
• Reporter-Frage 1978: Wieviel Bäume haben Sie bisher gepflanzt? (B: ) Bisher etwa viereinhalbtausend ... (R: ) Und das Ziel sind wieviel Bäume? (B: ) Das Ziel ist, die ganze Welt mit Bäumen voll zu pflanzen. (R: ) Welchen Anteil wollen Sie selbst übernehmen? (B: ) So viel wie möglich. Soviel ich in meiner Lebenszeit pflanzen kann.
• (1987 pflanzt B’s Sohn die 7000. Eiche auf der documenta.)
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Anm.1: Peter Krahé, Künstler der Galerie Morgenland, berichtet, sein Kollege an der Fachhochschule Hannover, der inzwischen emeritierte Professor für Fotografie Heinrich Riebesehl, habe die Chance, dieses Foto zu schießen, nur darum gehabt, weil er versäumt hatte, wie die anderen etwa 20 Fotografen zur anderen Seite des Raumes zu wechseln. Die Polizei wollte dann den Film als Beweismittel beschlagnahmen, aber Riebesehl erreichte, dass er höchstpersönlich den Film im Polizeilabor entwickeln durfte, um einen Verlust durch unsachgemäße Handhabung zu verhindern.
Vorwort: Joseph Beuys – an ihm scheiden sich die Geister
Gerd Koch

Ihrem Namen gemäß ist die Galerie Morgenland auch ein Unternehmen, das Ausstellungen organisiert, und zwar solche, die klassischerweise von Galerien erwartet werten, nämlich Kunst-Ausstellungen. Sie wurden in den letzten Jahren unter dem Namen REIHE SCHAUPLATZ durchgeführt. Die Reihe wird von einem beständigen (ehrenamtlichen) Experten-Team geleitet und moderiert.

Warum die Beschäftigung mit Joseph Beuys? Nun, entsprechend dem Selbstverständnis des Morgenland e. V. haben gesellschaftspolitische Fragestellungen - auch an Künste gerichtet- Tradition. Und Joseph Beuys hat sich als gesellschaftspolitisch einflussnehmend verstanden – sei es in der Fluxus-Bewegung der Happening-Kultur, sei es als Kunsthochschullehrer in Düsseldorf, sei es als Initiator und Aktivist in alternativen Parteibildungen, sei es als öffentlicher Denker (oder besser gesagt: Vielredner) oder als jemand, der Bewegungen seinen Namen zur Verfügung stellte ...

Innerhalb einer sich anthroposophisch verstehenden, also von Rudolf Steiner herkommenden Auffassung des Künstlerischen und Sozialen spielt Joseph Beuys eine nicht geringe Rolle – man hört schon manchmal den Satz, dass er dieses spekulative Geist- und Wesens-Denken in Kunst und Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kräftig befördert habe (gewissermaßen als Nachfolger des Erfinders Steiner). Sozial-Kunst-Gestaltung heißt dann die Parole. Und: Jeder Mensch sei ein Künstler. Und: Gesellschaft sei eine soziale Plastik.

Sind seine Reden bedeutungsheischende Schaumschlägereien? Sind seine späten Kunstprodukte gegenüber den frühen Zeichnungen überschätzt worden und kräftig mit Bedeutung aufgeladen? Ist Beuys mehr Schamane als ein Künstler der Moderne? Ist nur Beuys mit seinen oft verworrenen Reden zu kritisieren oder sind es nicht (auch gerade) seine Interpreten - besser: seine Jünger - die noch jede kleine Äußerung des Meisters zu fast Reliquien machen? Und was ist das für eine Gesellschaft, die solche Künstler-Priester am Ende des 20. Jahrhunderts braucht? Und wie sieht es mit der Beuys-Förderung in der Hamburgischen Kunsthalle aus (zum dort gezeigten thermoplastischen Urmeter heißt es aus der Feder des Kunsthallendirektors Uwe. M. Schneede, es sei ein „äußerst verdichtetes Spätwerk“ sowie „ die Verwandlung des Materiellen ins Geistige im Bild des Dampfes“)?

Also: 1. Beuys ist ein problematischer Fall. Und: 2. Auch die Fan-Gemeinde des J. B. ist ein Gegenstand der Kritik.

An einer Hauswand während der Kasseler documenta 2002 konnte man einen so recht typischen Satz von Joseph Beuys lesen: „Das Kunstwerk ist das allergrößte Rätsel, aber der Mensch ist die Lösung.“ Von solcher rhetorischen Form sind viele, allzu viele Auslassungen von Beuys: Kunstwerk, Rätsel, Mensch, Lösung – eine bedeutungsvolle Reihung; eine Reihung von Bedeutungsvollem. Das passt ins begriffshuberische Poesiealbum; das passt als ein pathetisches Motto (als Schmalz – um im Fett-Bild von J. B. zu bleiben) offizieller Verlautbarungen. Schaut man genauer hin, dann sind diese hehren Begriffe nur schwach durch Hilfsverben (ist) und ein Bindewort (aber) verbunden. Ein ideologischer Au(s)ruf; begründungsarm. Ein metaphysischer Künder äußert sich hier.

Die Arbeitsgruppe Joseph Beuys ist angesiedelt in der REIHE SCHAUPLATZ der Galerie Morgenland. Das ist einerseits vom Bild-Künstlerischen her - als Galerie - legitim. Aber auch der Begriff SCHAUPLATZ weist auf etwas Beuys- Spezifisches hin: Schauplatz ist ja eine Verdeutschung des griechischen „teatron“, des Theaters. Und Beuys kann in Haltung, Werk und Rede als theatrale/theatralische Figur, als Show-Talent (darin sehr umtriebig und zeitgemäß), als Performance(Aufführungs)-Künstler gesehen und kritisiert werden.





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6. Text zur Vorlesung "Soziale Kulturarbeit" im WS 2005/6
10.01.2006


Gerd Koch

Politisch-kulturelle Bildung nach Brecht

Bertolt Brecht: „Den Grad der uns möglichen Vervollkommnung haben wir erreicht, bevor wir fertig geworden sind.“ (GBA Bd. 21: 262)*

Einleitung

Vor etwa 30 Jahren begann ich mit der Konzeption einer Doktorarbeit. Unbefragt stand fest: Es sollte ein Gegenstand bearbeitet werden, der pädagogisch oder erziehungswissenschaftlich oder methodisch-didaktisch interessant sein sollte. Und es sollte ein Gegenstand sein, der mit meinem etwas krummen Bildungsweg an verschiedenen gesellschaftlichen Lernorten (sog. Zweiter Bildungsweg: vom Groß- und Außenhandelskaufmann zum Studium der Politischen Wissenschaft, Erziehungswissenschaft, Publizistik, Literaturwissenschaft und Philosophie) und dem daraus resultierenden Bildungsverständnis zu tun haben sollte.

Bertolt Brecht wurde der Autor, dem ich mich in meiner Dissertation dann widmete. Brecht als Pädagoge und vielleicht auch als Erziehungswissenschaftler, als Methodiker: Ich vermutete bei ihm etwas, das mit Bildung zu tun hatte, das zumindest einen Lernort, den des Theaters, umfangreich bedacht hatte. Auch war mir der politische Mensch Brecht wichtig: Sozialismus als Versprechen eines anderen, gerechteren Lebens, das war mir nicht an der Wiege gesungen worden – aber doch christliche Ideen, ein praktisches Christentum (vs. Pfaffentum); und ich lebte als junger Erwachsener in der Zeit, die als westdeutsche, aber auch internationale Studentenbewegung in die Geschichte einging - für mich sehr eng mit meiner ersten Studienzeit in Berlin (West) ab 1965 an der Freien Universität verbunden.

Und im übrigen war der Zweite Weltkrieg gerade einmal 20 Jahre zu Ende! Darüber dachten wir 1965 nach in meiner Studienfreundesgruppe. Ab 1967 waren wir beteiligt an öffentlichen Debatten, so daß als Lernort die Straße, die Stadt hinzukam. Und es ging um das Abwenden der sog. Bildungskatastrophe (Georg Picht) durch eine Bildungswerbung genannte Aufklärungskampagne, an der ich mich als Student beteiligte. Gesamtschulen sollten entwickelt werden. Bildungsarbeit als sozialpolitische Breitenarbeit fand öffentliche Resonanz. Mein eigener Bildungsweg konnte sich in solchen Bemühungen reflektieren – was dann später auch zur Mitarbeit in Stadtteil- und Nachbarschaftsinitiativen, in Volkshochschulen oder zum Praktikum in einem sog. Erziehungsheim führte.



Dauerhafte Begegnungen mit Brecht

Politisch-gesellschaftliche Bildung und ästhetische Bildung versuchte ich, mit Bertolt Brechts Gedanken in meiner Doktorarbeit zu begründen. Wohlgemerkt: Gedanken – nicht seine literarischen Werke und seine Regietätigkeit waren mir Grundlage, sondern seine theoretischen Schriften, wie sie in der damaligen „werkausgabe edition suhrkamp“ gesammelt worden waren. Diesen Abstraktionsgrand von Äußerungen eines Dichters zu verwenden, schien mir aus zwei Erwägungen statthaft: erstens konnten Brechtsche Argumentationen wegen ihres höheren Abstraktionsgrades als poetische Werke eher auf den Gegenstand Pädagogik und Erziehungswissenschaft und auf Didaktik transferiert werden. Zum anderen schien mir schon damals (und scheint mir bis heute!) Bertolt Brecht ein großer Schriftsteller mit zugleich groß angelegter Reflexivität zu sein. „Brechts künstlerische Grundintention war kognitiver Art. Seine in der Geschichte des poetologischen Denkens einzigartig dastehende Idee lautete: Fundierung der Kunst durch Wissenschaft. Was die Größe und Unanfechtbarheit der Wissenschaft ausmacht: das methodisch gesicherte Erkennen, Objektivität und Evidenz, eine Wahrheit also, die zur Anerkennung zwingt, weil sie beweisbar ist – durch Logik und Argument, durch Erfahrung und Experiment –ein analoges Wahrheitswissen sollte auch der Kunst möglich sein. Sie durfte nur nicht mehr in der Privatheit des Gefühls, der Irrationalität oder der Vagheit des Traums verankert sein, sondern fortan in der Souveränität der Wissenschaft. Kunst wird bei Brecht auf Wissen gestellt. Die Grundintention ist aufklärerisch und didaktisch. Lerne, was undurchschaubar scheint, zu durchschauen, und lehre es die anderen. Solches Lernen und Lehren ist die eigentliche Unterhaltung des intelligenten Menschen.“ (Kleinschmidt 2001: 1) Sebastian Kleinschmidt (Leitender Redakteur der Zeitschrift „Sinn und Form“) faßt sehr einleuchtend zusammen, wie Brecht eine widersprüchliche „Einheit von Bildung und Erziehung“ als „problemhafte und emotionale Gestaltung“ pädagogischer Prozesse fundiert (ich habe mir gestattet, zwei Buchtitel zu verwenden, die mit Wolfgang Lobeda verbunden sind: Gerhard Neuner u. a., 1967: Einheit von Bildung und Erziehung, und Wolfgang Lobeda 1974: Problemhafte und emotionale Gestaltung von Staatsbürgerkunde).

Nicht sehr trennscharf waren in meiner Untersuchung zu „Bertolt Brechts politisch-kulturelle(r) Pädagogik“ die Versuche, den pädagogischen Großentwurf ‚kleinzuarbeiten‘, zu methodisieren, in technisch-praktische Verfahren zu transformieren. Das liegt in der Sache begründet: Brecht wollte positivistische Verkürzung vermeiden, und hegelianisch das Ganze nicht versäumen – dies aber als Dialektiker, für den Widersprüche die Hoffnungen sind (vgl. Bertolt Brechts (GBA Bd. 21: 448 – 514) Motto „Die Widersprüche sind die Hoffnungen“ in seiner ausführlichen, medienkritischen Untersuchung „Der Dreigroschenprozeß. Ein soziologisches Experiment“ von 1930 – das ist im übrigen eine mittlerweile klassische mediensoziologische Untersuchung eines Literaten/Poeten/Stückeschreibers und nicht Fach-Soziologen!). Und es lag an mir, der ich damals Brechts theatrale und poetische Versuche weniger einbezog – ob das einer damaligen Ästhetik-Abstinenz (vgl. Kursbuch Nr. 20, 1970) „Über ästhetische Fragen“ geschuldet war oder meinem Tätigkeitsfeld als Studierender und später Lehrender (Wissenschaftlicher Assistent) innerhalb der Didaktik der Politik und Sozialkunde am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg, wo immer schon das Pädagogische und Erziehungswissenschaftliche vor die Eigenständigkeit der Strukturen einzelner Fächer gestellt wurde, weiß ich nicht zu beantworten. Wahrscheinlich ist, daß ich ähnlich einem Bertolt Brecht nach wissenschaftlicher Begründung strebte und daß diese Wissenschaft sich der Aufklärung und ihrer Fortsetzung in linker Wissenschaftstradition vergewissern sollte. Ernst Bloch, auch Walter Benjamin und die Kritische Theorie (vgl. die später erschienene Untersuchung „Politische Bildung und Kritische Theorie“ von Claußen 1984) waren mir Bezugspunkte für den Blick auf Brecht als Theoretiker. Auch nahm ich gerne wahr, daß Brecht sich der Soziologie zugewandt hatte „Der Soziologe ist unser Mann!“ lautete ein Ausruf Brechts in den endzwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als er mit Fachleuten über „das Drama vom Standpunkt der Soziologie aus“ diskutierte (GBA Bd. 21: 202), und zwar der systematischen, nicht nur beschreibenden Soziologie, der dialektisch-historischen, die nicht wertfrei sich (miß-)verstand und die auch erkenntnistheoretisches Interesse bekundete und entwickelte. Karl Korsch war solch ein juristisch und erkenntnistheoretisch arbeitender Soziologe, den Brecht an verschiedenen Stellen auch „seinen Lehrer“ nannte. (GBA Bd. 22: 45 f.)

Würdigung von Empirie und Geschichtsphilosophie zugleich

Korsch zeichnete etwas aus, was mir erst später bekannt und pädagogisch bedeutend wurde, nämlich als ich nach meiner Tätigkeit in der Universitäsausbildung von Lehramtsstudentinnen und -studenten in Politik und Sozialkunde theaterpädagogisch im Kontext der Theorie und Praxis Sozialer Kulturarbeit an der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Berlin arbeitete.

Indirekt hatte ich Karl Korsch durch Bertolt Brecht kennengelernt. Denn Brecht erweist sich als dauerhafter Schüler von Karl Korsch, der sich schon in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts dem Problem des Verhältnisses von Empirie und (Geschichts-)Philosophie in methodologischer Hinsicht im Zusammenhang von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen stellte. „Er behauptet, das Spezifische der Marx-Hegelschen Methode liege nicht darin, daß sie anti-empirisch sei, sondern darin, daß sie über jenen‚ von aller Philosophie verlassenen < naiven Realismus >, der als erkenntniskritische Position der sogenannten empirischen Methode der vulgären Naturwissenschaft und vulgären Ökonomie“ zugrunde liege, ebenso hinausgehe wie über das ‚rein apriorische Verfahren der abstrakten Metaphysiker‘. Auch besitze die Marx-Hegelsche Methode ein Verfahren, das die Entwicklung der Begriffe selber erfasse und sich dadurch von jener‚empirischen‘ Methodologie grundsätzlich unterscheide, die von ‚willkürlich aufgestellten Hypothesen‘ zu ‚überprüfbaren‘ Schlußfolgerungen fortschreite.“ (Andrew Giles-Peters 1981: 55) Oskar Negt (1984: 41 f.)hat „den Eindruck, daß Korsch nach 1933, möglicherweise aber auch schon früher, seit der Zeit, da er keinen seinen radikalisierten Ansprüchen angemessen politischen Organisationszusammenhang mehr vorfindet ... auf jenem zur Formel geronnenen Postulat beharrt, man müsse an die bestehende Realität empirisch herangehen. Objektverlust dieser Art und Realitätspathos stehen in einer merkwürdigen ... für Korsch typischen Mischung. Er gehört zu den wenigen orthodoxen Theoretikern, die außerhalb des Marxismus sich entwickelnde Tendenzen und Gegenstandsbereiche der Wissenschaft aufnehmen, wie z. B. die auf Feldforschung gehende Gruppendynamik von Kurt Lewin.“ Auch Brecht hatte sich übrigens an Lewins Zugang zum „konkreten Erkenntnismaterial“ (Negt 1984: 42) interessiert gezeigt. (GBA Bd. 27: 150) und bemühte sich gerade um Erforschung des politisch-gesellschaftlichen Feldes (wie er es neben seinen Lehrstücken übrigens auch in literarischen und künstlerischen Äußerungen aus den dreißiger und vierziger Jahren im Exil tat - etwa in „Furcht und Elend des III. Reiches“, in „Die Gewehre der Frau Carrar“ oder in der „Kriegsfibel“, wo er Pressefotos der Zeit poetisch-politisch kommentiert). Erfahrungssättigung und dialektische (Geschichts-)Philosophie als Supervisionspraxis ist gewissermaßen Brechts Ansatz.. Brüggemann (1984: 137) beschreibt Brechts „komplexe Haltung“ ganz dem Verständnis von Karl Korsch nahekommend: Ein „beharrliches Insistieren darauf, sich seine Erfahrungsmöglichkeiten offenzuhalten (ich erinnere an den Dreigroschenprozeß, wo Brecht nahezu die gesamte Linke, die es ohnehin schon wußte, gegen sich hatte und gleichwohl darauf bestand, seine Erfahrungen mit bürgerlicher Justiz zu machen – wir verdanken dieser Beharrlichkeit eine nach wie vor aktuelle, luzide Analyse der Kulturindustrie), und es wird niemanden verwundern, wenn ich hinzufüge, daß Korschs undogmatische Auffassung der Marxschen Theorie, die die Theoriebildung gegenüber sich ändernden historischen Erfahrungen offenhalten wollte, für Brecht ... eminent wichtig wurde. Zum anderen als eine Haltung gegenüber Theorie, Wissenschaft und besonders Politik, die mit der Rolle und Gewohnheit des Intellektuellen übereinkommt, für einen Komplex gegebener Erfahrungen mehrere mögliche Bedeutungen zu finden und sie methodisch gegeneinanderzustellen ...“. (Brüggemann 1984: 138)

Das Allgemeine und das Besondere, das Historische und das Aktuelle, Empirie und Philosophie, Sinnlichkeit und System kommen bei dem Pädagogen Bertolt Brecht zusammen. Und dies deutlich sowohl in seinen theoretischen wie in seinen künstlerischen Produkten. Seine Kunst verabschiedet sich nicht von der Reflexion, vom Systematischen, Philosophischen und Historischen wie natürlich nicht vom Sinnlichen. Und seine theoretischen Schriften respektieren die Begriffsherkunft von Theorie als bedachte Anschauung, als Wahrung des Wahrnehmbaren, als Schau wie es uns in der Übersetzung Theater als Schaubühne entgegentritt.

Das Individuum: „Kampfdurchtobte Vielheit“ (Brecht)

Brecht ist Theorie-Praktiker und praktischer Theoretiker zugleich wenn man denn solche Trennung (aus traditioneller Übereinkunft) respektieren will. Er verbindet Zweifel, Widerspruch, Variationen, Rede und Gegenrede, Widerwort und Widerspiel (so überschrieben Ruping/Vaßen/Koch 1991 als Herausgeber ein Handbuch zur Theaterpädagogik) und sagt es plastisch so: Der sicherste Platz sei zwischen den Stühlen. Er will eine Diderot-Gesellschaft für Dialektiker gründen. (vgl. Buck 1971) Er läßt seinen Herrn Keuner sich in der Geschichte „Das Wiedersehen“ erschrecken: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ‚Sie haben sich gar nicht verändert.‘ ‚Oh!‘ sagte Herr K. und erbleichte.“ (GBA Bd. 21:451)

Sehr (post-)modern und empirisch gesichert formuliert Brecht schon in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts (s)ein neues, dialektisches Bild von vom Subjekt. Brecht stellte nicht als erster fest, aber stellte sich als Literat dem sozialisatorischen Realismus als Herausforderung, daß der Mensch ein Schnittpunkt ganz verschiedener Einflußlinien ist. Das hatten sozial-ökonomisch Marx und Engels bereits im 19. Jahrhundert gesagt, das hatte tiefenpsychologisch Sigmund Freud ermittelt, das war schon goethisch-faustisch als Rede von den zwei Seelen, ach, in meiner Brust, geahnt worden, das zeigten uns gruppenpsychologische/-dynamische Versuche (siehe oben: Kurt Lewin und Bertolt Brecht), das lieferte uns die moderne Sozialisationsforschung und nicht zuletzt die klinische Beobachtung – und auch die Ethnologie, wenn sie in Erinnerung bringt, daß es etwa in der vietnamesischen Sprache kein isoliertes Ich gibt (siehe Alsheimer 1968: 253 - 257), sondern viele Iche – immer auf etwas anderes, z. B. auf die Natur, auf die Familie, auf den Beruf bezogen (also, mit Jean-Paul Sartre gesprochen: Ich ist eine Beziehungsgröße).

Ich zitiere einige der Brechtschen Überlegungen, die ich so in meiner Untersuchung aus den siebziger Jahren noch nicht würdigte, die gleichwohl heute pädagogisch relevant sind und als Hintergrundwissen meine praktische Kulturarbeit in der Hochschulausbildung und an anderen Orten leitet:

„Ein sehr berühmter und seiner Dämonie wegen gefeierter Schauspieler sagte mir einmal in bezug auf eine meiner Rollen, die er spielen sollte: ‘Das ist doch keine Figur. Einmal sagt er so, einmal so. Er weiß überhaupt nicht, was er sagt.‘ Damit meinte der Mann, meine Figur sei nicht ‚aus dem Leben gegriffen‘, aber in Wirklichkeit bestätigte er nur ihre Echtheit. Wer sagt nicht einmal so, einmal so? Wer weiß, was er sagt? Ein ganz mittelmäßiger Mensch.“ (GBA Bd.21: 283)

Brecht meint, die Aufgabe des Dramatikers ist es nicht, „uns die Taten dieses Menschen möglichst begreiflich zu machen, sondern sie uns ganz ungeheuerlich, unmenschlich, fremdartig, ... als bemerkenswertes, aber fast unzulängliches Tier vorzustellen. Dadurch entsteht der Zuwachs im Zuschauer, denn er erlebt die Reichhaltigkeit und (die) durch sein Verständnis keineswegs erschöpfbare Göttlichkeit der Welt.“ (ebd.)

„In den wachsenden Kollektiven erfolgt die Zertrümmerung der Person.“ (GBA Bd. 21: 320)

„Der Zwiespalt zwischen Individuum und Dividuum macht den Künstler aller Zeiten aus ... Kunst ist nichts besonders Individuelles. Ein reiner Individualist wäre schweigsam.“ (GBA Bd. 21: 179 f.)

Der urbane Städtebewohner Brecht erkennt: „Da es unerträglich ist, in großen Massen individuell zu leben, wird der Massenmensch es aufgeben. Um vom Erträglichen zum Lustvollen zu kommen, wird er das Dividuelle ungeheuer ausbauen müssen. Er tut es.“ (GBA Bd. 21: S. 179 – geschrieben um 1926, also vor 75 Jahren, vgl. auch Lethen 1994)

„Die Mutmaßungen der alten Philosophen von der Gespaltenheit des Menschen realisieren sich: in Form einer ungeheuren Krankheit spaltet sich Denken und Sein in (!) der Person. ( - ) Sie fällt in Teile, sie verliert ihren Atem. Sie geht über in anderes, sie ist namenlos, sie hört keinen Vorwurf mehr, sie flieht aus ihrer Ausdehnung in ihre kleinste Größe, aus ihrer Entbehrlichkeit in das Nichts – aber in ihrer kleinsten Größe erkennt sie tiefatmend übergangen ihre neue und eigentliche Unentbehrlichkeit im Ganzen.“ (GBA Bd. 21: 320) Brecht paraphrasiert hier seine Geschichte vom Herrn Keuner, die so lautet: „‘Als der Denkende in einen großen Sturm kam, saß er in einem großen Wagen und nahm viel Platz ein. Das erste war, daß er aus seinem Wagen stieg. Das zweite war, daß er seinen Rock ablegte. Das dritte war, daß er sich auf den Boden legte. So überstand er den Sturm in seiner kleinsten Größe.‘ Dies lesend, sagte Herr Keuner: ‚Es ist nützlich, sich die Ansichten der anderen über einen selber zu eigen zu machen. Sie verstehen einen sonst nicht.‘“ (GBA Bd. 18: 28; Brecht nimmt hier im übrigen eine Passage aus seinem „Badener Lehrstück vom Einverständnis“ von 1930 wörtlich wieder auf, vgl. GBA Bd.3: 25 – 46)

Etwa 1941/42 notiert Brecht: „Das Individuum erscheint uns immer mehr als ein widerspruchsvoller Komplex in stetiger Entwicklung, ähnlich einer Masse. Es mag nach außen hin als Einheit auftreten und ist darum doch eine mehr oder minder kampfdurchtobte Vielheit, in der die verschiedensten Tendenzen die Oberhand gewinnen, so daß die jeweilige Handlung nur das Kompromiß darstellt.“ (GBA Bd. 21: 691)

In seinen Theaterstücken „Mann ist Mann“, „Der gute Mensch von Sezuan“ oder in Lehrstücken bzw. lehrstückähnlichen Baal-Fragmenten bearbeitet Brecht solche Phänomene künstlerisch. In seinem Stoff „Der böse Baal der asoziale“ soll sein “BAAL auftauchen als / gast / hure / richter / kaufmann (stiere) / ingenieur (will nur das experiment) / hilfsbedürftiger – bittsteller (er beutet das ausgebeutetseinwollen aus) / liebhaber der natur / demagoge / arbeiter (streikbrecher) / mutter / historiker / soldat / liebhaber ... / als pfaffe / als beamter ...“ (Brecht 1968: 78). Diskontinuierliche Lebensläufe sind Brecht die Regel.

Immer noch: Nach Brecht!

Blicke ich auf meine alte Arbeit aus den siebziger Jahren zurück, dann merke ich, daß ich jetzt weniger den zielgerichteten Didaktiker Brecht rezipiere, sondern den, der die Widersprüche methodisch und konzeptionell als Hoffnung sah, der sich im Hinblick aus seine Bearbeitungen des Baal-Stoffes selbst so korrigierte: Er habe den Stoff wohl in sozialistischer Weise deshalb nicht bearbeiten können, weil er den Sozialismus immer noch als Große Ordnung denn als Große Produktion (miß-)verstanden habe (GBA Bd. 26: 468– wie schwer so etwas in künstlerischer wie politischer Praxis sei, das war ihm seit seiner Auseinandersetzung mit Georg Lukács bekannt; denn ihn charakterisierte er als Feind der Produktion und Freund der Ordnung; zu Brechts weitem Verständnis von Produktion vgl. Koch/Erhard 1999: 66 – 74).

Brecht war diesseitig orientiert, kein Theologe und kein Teleologe ohne Respekt vor Empirie: Die Wahrheit sei konkret und das Übel und Verbrechen habe Name und Adresse. Mit Ernst Bloch gesprochen: Die innerweltliche Transzendenz soll gelten und kein Vertrösten auf den Sankt-Nimmerleins-Tag.

In jeder neuen Situation wieder neu nachzudenken, wie Brecht empfahl, das verlangt die Struktur der bedachten und bedenkenden Pluralität von Handlungsentwürfen, das legt nahe, bei der alltäglichen Empirie zu bleiben. Und es legt nahe, Reflexivität vor Teleologie zu setzen. Die experimentell offene Handlung liegt vor der präzisen, aber unhistorischen Zielfixierung. Das Erreichen eines Horizonts ist eine Täuschung. Solche Nüchternheit verlangt kalten Mut (siehe auch Lethen 1994: „Verhaltenslehren der Kälte“).

Und solche Nüchternheit verlangt eine andere, offene Pädagogik. Das lernte ich aus meiner theaterpädagogischen Praxis und Theorie. Grundgelegt hatte ich dies durch den Text der ersten Auflage meiner Doktorarbeit (Koch 1979) mit Bezug auf Brechts Theorie-Schriften. Für die zweite Auflage fügte ich ein Kapitel hinzu, das „Praktikable Vorschläge von Bertolt Brecht für die Arbeit in Theater-Spiel-Gruppen“ (Koch 1988: 316 - 338) enthält.

Theaterpädagogik als politisch-kulturelle Bildung kann als eine Art „Enteisung“(so die Übersetzung des portugiesischen degeladocao – ein Wort, das eine Kollegin der Universidade do Sao Paulo/Brasilien mir während meines dortigen Lehrauftrages als ihre Maxime mitgab; Entroutinisierung meint Ähnliches), eine Verflüssigung, eine deutliche Prozessualisierung, eine Unsicherheit als Regelfall von Erziehung und Bildung verstanden werden.

Recherche und Entdeckung sind zwei weitere Begriffe, die das Gemeinte wissenschaftlich, kulturpädagogisch wie theaterpädagogisch-praktisch benennen können. Bildungshistorisch steht eine solche Denkweise dem Entdeckungs- und Weltreisenden, dem Forscher Alexander von Humboldt näher als dem Bildungstheoretiker Wilhelm von Humboldt. Zusätzlich salopp gesprochen: Wissenschaft wird verstanden nicht als eine Versicherungsanstalt sondern als eine Veranstaltung zur Verunsicherung. Theaterpädagogische Bildungsansätze werden dadurch (negativ gesprochen) institutionenkritisch und (positiv gesprochen) Kulturarbeit (vgl. Koch 1989 und 1995). Differenzerfahrung ist sowohl subjektiv wie objektiv die Lehr-Lernstruktur. Exemplarisches Lernen und Lehren steht im Kontext sozial-ästhetischer Phantasie und Denkweise (ich lehne mich an Negt 1968 an) und sind eher einem offenen Forschungsdesign als einer programmierten oder Programm-Instruktion vergleichbar (vgl. Koch 1997: 81 – 95). Der Philosoph Ernst Bloch, der wegen seiner ‚barocken‘ und ornamentalen Erzähl-Philosophie häufig der Nicht-Systemtik geziehen wurde, hat gerade diese andere, neue Form als die heute notwendige bezeichnet und als systematisch charakterisiert: „Es muß systematisch vorgegangen werden!“ ist ein Ausruf von ihm. Wenn er fabelnd philosophiert, wenn er in (Sprach-)Bildern spricht (Walter Benjamins benutzt das Wort vom „Hörbild“), dann ist ihm das keine didaktische Reduktion, um auch ungeübten Menschen etwas methodisch vereinfacht nahe zu bringen. Sondern: Da das Ganze oder das ‚Eigentliche‘ noch aussteht, muß immer mit Unbestimmbarkeiten, mit Varianten, mit Historizität, mit einem „So-und-anders“ (das lernte Bloch von Brecht – gleich einer abduktivem Logik (Apel 1975: 297 – 319)) gerechnet werden – also mit Mehrdeutigkeit, wie sie Bilder, Geschichten, Märchen, sog. Trivialität und Kitsch usw. aufweisen; und zwar systematisch. Prismatisches oder kristallines Denken, mehrperspektivisches Handeln also ist das Gemeinte (vgl. Holz 1968 und Zimmermann/Koch, 1996).

Betrachte ich meine alte Arbeit „Lernen mit Bert Brecht“ von heute aus, dann stelle ich fest: Ich arbeite immer noch nach Brecht – und dies in doppelter Hinsicht. Brecht lehrt mich weiterhin, aber der Lehrer hat sich – wie der Schüler Gerd Koch – verändert. Nicht, daß der Schüler seine Lehren übernehme, war Brecht in einer dem Chinesischen nachempfundenen Geschichte wichtig. Wohl aber: Die Begegnung zwischen Lehrer und Schüler. Und in diesem Wort steckt das dialektische Sich-Berühren; auch das Reiben (vgl. Hilliger-Ache 1998: 149 – 153) und eine Gegnerschaft, ein Abarbeiten sind darin enthalten. Also: Mit Brecht über Brecht (so wie ich ihn damals rezipierte) hinaus.

An der Pädagogischen Hochschule „Ernst Schneller“ in Zwickau hat Johannes Goldhahn in den sechziger Jahren in der DDR die Grundlage für eine ‚Forschungsgruppe Brecht‘ gelegt (Goldhahn 1994), die experimentell mit Brecht umging und ihn als einen auch schul-pädagogischen, methodischen Anreger ansah. Es war in der DDR eher außergewöhnlich, „Brecht als pädagogisches Modell“ (Goldhahn 1982 versah seinen Aufsatz mit einem Fragezeichen) vorzustellen, und Goldhahn gewann dem Autor Brecht eine neue Lesart ab – weg von einer irgendwie gestalteten Kanonisierung, hin zu den „Vergnügungen unseres Zeitalters“. (Goldhahn 1980)

Brecht ist ein komplexer Autor, dem verschiedene Lesarten nicht schaden, sondern das Gegenteil ist der Fall: Je mehr und je unterschiedlicher ich ihn gebrauche, desto reicher wird er. Arbeitszusammenhänge waren Brecht in seinem sehr produktiven und kurzen Leben das Wichtige. Eine nur in Teilen respektabel Untersuchung zu Brecht trägt denn auch den Titel „Brecht & Co.“ (Fuegi 1997; ein zuverlässiges Nachschlagewerk ist Hechts (1997) „Brecht Chronik“). In diesem spannend abgefaßten Buch geht es um Brechts Mitarbeiter und namentlich Mitarbeiterinnen, die er (sexuell wie finanziell) ausgebeutet haben soll (ein zuverlässiges Nachschlagewerk ist Hecht (1997): „Brecht Chronik“). Sabine Kebir hat im Detail und gewissermaßen in Fallstudien nachgewiesen, daß dem so schlicht denn doch nicht war: Der Kreis um Brecht experimentierte mit einer neuen Form kollektiven Produzierens.(vgl. Kebir 1997, 1998) An Neues anzuschließen – mit all seinen Unsicherheiten – war eine Maxime Brechts.

Im Sommer 2001 erschien der erste Band eines auf vier Bände plus Register-Band angelegten Brecht-Handbuchs (herausgegeben von Jan Knopf). Der Herausgeber legt Wert darauf, daß Brechts kollektive Produktionsweise herausgearbeitet wird.

Das Berliner „Literaturforum im Brecht-Haus“, eines der Berliner Literaturhäuser, veranstaltet alljährlich, einer Tradition des Brecht-Zentrums der DDR folgend, Brecht-Tage. 2001 standen sie unter dem jugendspezifischen Titel „jungle b“: „14 Arten mit Brecht umzugehen“. Das war ein großer Erfolg gerade bei den Schülerinnen und Schülern, die in ihren Kursen zum Darstellenden Spiel bzw. in Theater-AGs sich mit Brecht auseindersetzten. In einigen Schulen gab es sogar eine richtige Brecht-Euphorie; denn durchs Spielen gewann der ‚Klassiker‘ Körpernähe und nicht nur der Brecht der großen Stücke, sondern der Lyriker, der Brecht der songs, der urbane Brecht und der wollüstige dazu wurde Schülern bekannt. Solche Kulturarbeit von Theaterpädagoginnen und -pädagogen ist eben mehr als ein Deutsch- oder Literaturunterricht! (vgl. Koch 2002: 6 f.) Max Frisch hatte Brecht schon vor Jahrzehnten die Wirkungslosigkeit eines Klassikers bescheinigt. Macht man aber heute Materialproben mit ihm, an seinem Werk, dann stellt man fest: Der vermeintliche Leichnam lebt. Als Beleg noch dieses: In Brechts Geburtsstadt Augsburg erscheint seit 1995 vierteljährlich das „Dreigroschenheft. Informationen zu Bert Brecht“ (Redaktions-Adresse: Obstmarkt 11, 86 152 Augsburg), das ausführlich über die – auch internationale - Präsenz von Brecht informiert. Die Inszenierungsstatistik weist seine Stücke immer noch an der Spitze auf (in der sog. Dritten Welt haben seine Theorien wie Stücke große Relevanz; in Europa sind die Gedichte und die auch pop-musikalischen Vertonungen seiner songs besonders geschätzt). Die International Brecht-Society (IBS) ist stark in den englischsprachigen Ländern vertreten: Aber im Augenblick plant sie ihr 11. Symposion, das voraussichtlich 2003 in Berlin stattfinden wird. Fachlich informieren die Brecht-Jahrbücher der IBS und die „Communications“ über das, was rund um Brecht weltweit geschieht. Vor wenigen Jahren wurde zum erstenmal nach Brechts Tod, das von ihm und dem Komponisten Hanns Eisler erstellte Lehrstück „Die Maßnahme“ aufgeführt und mit einer internationalen Fachkonferenz begleitet (Gellert/Koch/Vaßen 1999). Und Brecht-Weills neuer Typ ‚Oper‘, nämlich „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, findet Interesse in Opernhäusern und bei hochkarätigen Regisseuren und Dirigenten: Brecht und Kurt Weill sind schon um 1928 aufmerksame Beobachter kapitalistischer Trends gewesen, so daß neue Aktualität aus einem alten Stück herausscheint. Übrigens: Bei der Uraufführung in Leipzig 1928 gab es eine der stärksten Nazi-Attacken gegen ein modernes künstlerisches Werk.

Fachlich gut betreut wird das Werk Brechts auch durch das Bertolt-Brecht-Archiv (BBA) der Akademie der Künste in Berlin, das neben seiner Funktion als Forschungsstätte auch öffentlich wirksam ist (Wizisla 1998).

Zum Glück hat Bertolt Brecht kein sog. Alterswerk hinterlassen. Auch das macht ihn attraktiv bis heute. Wichtiger aber ist mir die Struktur seines politisch-kulturellen Produzierens: Brecht beobachtete und korrigierte sein Schaffen öffentlich (vgl. sein Kontrast-Lehrstück-Paar vom „Jasager“ und „Neinsager“ oder seine Gedichte und Gegen-Gedichte oder seine kritischen Rückblicke auf Stücke, z. B. auf den „Baal“-Stoff oder seine Bearbeitungen des Galilei-Stückes). Erfreulicherweise hat Brecht auch Fehler begangen; blinde Flecken bei einem sonst scharfsinnigen Autor gibt es, sicher auch Dummheiten. Aber, so Reinhard Krüger (2001: 143): „Andere schufen viel Dümmeres, für jede weitere Zukunft viel Unbrauchbareres.“




Literatur

*GBA = Bertolt Brecht, 1989 – 2000: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. 30 Bde. plus Registerband.

Alsheimer, Georg. W., 1968: Vietnamesische Lehrjahre. Sechs Jahre als deutscher Arzt in Vietnam 1961 – 1967, Frankfurt am Main.
Apel, Karl-Otto, 1975: Der Denkweg von Charles Sanders Peirce. Eine Einführung in den amerikanischen Pragmatismus, Frankfurt am Main.
Belgrad, Jürgen (Hrsg.), 1997: TheaterSpiel. Ästhetik des Schul- und Amateurtheaters, Hohengehren.
Brecht, Bertolt, 1968: Baal. Der böse Baal der asoziale. Texte, Varianten, Materialien, kritisch ediert und kommentiert von Dieter Schmidt, Frankfurt am Main.
Brüggemann, Heinz, 1981: Überlegungen zur Diskussion über das Verhältnis von Brecht und Korsch. Eine Auseinadersetzung mit Werner Mittenzwei, in: Buckmiller, 1981, 137 – 149.
Buck, Theo, 1971: Brecht und Diderot oder Über Schwierigkeiten der Rationalität in Deutschland, Tübingen.
Buckmiller, Michael (Hrsg.), 1981: Zur Aktualität von Karl Korsch, Frankfurt am Main.
Claußen, Bernhard, 1984: Politische Bildung und Kritische Theorie. Fachdidaktisch-methodische Dimensionen emanzipatorischer Sozialwissenschaft, Opladen
Finnisches Theater-Informationszentrum (Hrsg.), 1997: Auf den Spuren Brechts im finnischen Exil. Brecht-Symposium in Helsinki und Iitti 1996, Helsinki
Fuegi, John, 1997:Brecht & Co. Biographie, Hamburg.
Gellert, Inge/Koch, Gerd/Vaßen, Florian (Hrsg.), 1999: Massnehmen. Bertolt Brecht/Hanns Eislers Lehrstück DIE MASSNAHME. Kontroverse. Perspektive. Praxis, Köthen/Berlin.
Giles-Peters, Andrew, 1981: Dialektik und Empirismus im Marxismus von Karl Korsch, in: Buckmiller, 1981, 55 – 67.
Goldhahn, Johannes, 1977: Vergnügungen unseres Zeitalters. Bertolt Brecht über Wirkungen künstlerischer Literatur, Berlin (DDR).
Goldhahn, Johannes, 1982: Brecht als pädagogisches Modell? In: notate, 5. Jg., H. 2, 13.
Goldhahn, Johannes, 1994: Ein Brief, in: Korrespondenzen. Zeitschrift für Theaterpädagogik, 1o. Jg., H. 19 – 21, 37 – 39.
Hecht, Werner, 1997: Brecht Chronik 1898 – 1956, Frankfurt am Main.
Hilliger-Ache, Dorothea, 1998: Reibung – Versuch der Übertragung eines physikalischen Phänomens auf die theaterpädagogische Arbeit, in: Vaßen/Koch/Naumann, 1998, 149 – 153.
Kebir, Sabine, 1997: Ich fragte nicht nach meinem Anteil. Elisabeth Hauptmanns Arbeit mit Bertolt Brecht, Berlin.
Kebir, Sabine, 1998: Ein akzeptabler Mann? Brecht und die Frauen, Berlin. Kleinschmidt, Sebastian, 2001: Brechts Glaube. Religionskritik – Wissenschaftsfrömmigkeit – politische Theologie (gleich Einladung des Literaturforums im Brecht-Haus vom 3. 7. 2001 zur Mitarbeit an den Brecht-Tagen 2002).
Knopf, Jan (Hrsg.), 2001: Brecht-Handbuch, Bd. 1.,Stuttgart/Weimar.
Koch, Gerd, 1979: Lernen mit Bert Brecht. Bertolt Brechts politisch-kulturelle Pädagogik, Hamburg.
Koch, Gerd, 1988: Lernen mit Bert Brecht. Bertolt Brechts politisch-kulturelle Pädagogik, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main.
Koch, Gerd, 1989: Kultursozialarbeit. Eine Blume ohne Vase? Frankfurt am Main. Koch, Gerd u. a., 1995: Theatralisierung von Lehr-Lernprozessen, Berlin/Milow.
Koch, Gerd, 1997: Brechts Böser Baal der asoziale- Hilfreiche Fragmente für Theaterpädagogen, in:Finnisches Theater-Informationszentrum (Hrsg.);1997, 89 – 98.
Koch, Gerd, 1997: Theater-Spiel als szenische Sozialforschung, in: Belgrad, 1997, 81 – 95.
Koch, Gerd/Erhard, Ulrike, 1999: Verhältnisse und Liebesgewohnheiten – brechtisch & blochisch, in: VorSchein. Blätter der Ernst-Bloch-Assoziation, 1999, H. 17, 66 – 74.
Koch, Gerd, 2001: jungle b. bei den Brecht-Tagen, in: SpielArt, 6. Jg., H. 21, 6 f.
Krüger, Reinhard, 2oo1: Bertolt Brecht – Hanns Eisler – Slatan Dudow. Die Maßnahme, gefunden, transskribiert, kommentiert und herausgegeben von Reinhard Krüger, Berlin.
Kursbuch 20, 1970: Über ästhetische Fragen, Frankfurt am Main.
Lethen, Helmut, 1994: Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen, Frankfurt am Main.
Lobeda, Wolfgang, 1974: Problemhafte und emotionale Gestaltung von Staatsbügrkunde, Berlin (DDR).
Negt, Oskar, 1968: Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen. Zur Theorie der Arbeiterbildung, Frankfurt am Main.
Negt, Oskar, 1981: Zurück zu Marx und Engels! Oder: Was können wir von Korsch lernen? In: Buckmiller, 1981, 37 – 54.
Neuner, Gerhart u. a., 1967: Einheit von Bildung und Erziehung, Berlin (DDR).
Ruping, Bernd/Vaßen, Florian/Koch, Gerd (Hrsg.); 1991: Widerwort und Widerspiel. Theater zwischen Eigensinn und Anpassung. Situationen, Proben, Erfahrungen, Lingen/Hannover.
Wizisla, Erdmut (Hrsg.), 1998: 1898 / Bertolt Brecht / 1998. „... und mein Werk ist der Abgesang des Jahrtausends“. 22 Versuche, eine Arbeit zu beschreiben, Berlin.
Vaßen, Florian/ Koch, Gerd/Naumann, Gabriela (Hrsg.), 1998: Wechselspiel: KörperTheaterErfahrung, Frankfurt am Main.
Zimmermann, Rainer E./Koch, Gerd (Hrsg.), 1996: U-Topoi. Ästhetik und politische Praxis bei Ernst Bloch, Mössingen-Talheim.




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5. Text zur Vorlesung "Soziale Kulturarbeit" im WS 2005/6
03.01.2006


Gerd Koch
Theater als Wechselspiel von Natur und Geselligkeit



Wir merkten bald im … Wechselspiel,
wie wir zu hundert bunten Dingen standen;
und eine Kinderfreude überfiel
uns heimlich, da wir uns so ähnlich fanden.
(Christian Morgenstern)

„Die Verlagerung des Ortes der Kunst vom Körper in den Kopf, bzw. in einen körperlosen Kopf, ist eine unserer fatalsten Traditionen.“
(Karlheinz Barck)



Vorbemerkung
Ich werde primär den Blick vom Theater, vom Feld des Theatralen, von Theatralität aus auf das Thema werfen. Es ist festzustellen, daß mehr oder minder systematisch, mehr oder minder naiv mit den Stichworten Natur und Geselligkeit im Felde des Theaters umgegangen wird. Daß Geselligkeit (als Ausdruck der manchmal sog. gesellschaftlichen, zweiten Natur des Menschen) ein Grund von Theater als Kommunikationsprozess ist, erscheint schnell einsichtig. Manchmal wird Theater als die geselligste aller Künste bezeichnet. Daß Natur mit dem Theater verbunden sein könnte, ist im Alltagsverständnis so verbreitet nicht. Wohl werden Naturphänomene auf dem Theater thematisiert und etwa durch Windmaschinen, Donnerblech und andere Theatertricks simuliert.

Die methodisch-praktische Theaterarbeit aber, etwa im Schauspielertraining, beim Spielfähigmachen, kann ohne Körper nicht geschehen: Die Präsenz des lebenden, leibhaftigen Menschen als SpielerIn im Bühnenraum, auf einem Spielplatz/Schauplatz oder bei performances ist unverzichtbar – und damit dem Geschehen auf dem Spielfeld im Sport oder Gerichtssaal nicht unähnlich – oder dem im Zirkus, wie Ernst Bloch es charakterisiert: „hier im Zirkus (ist) alles Leben … Ja, er ist die einzige ehrliche, bis auf den Grund ehrliche Darbietung, die die Kunst kennt; vor Zuschauern … ringsum kann nirgends eine Wand gemacht werden. Dennoch geschieht Verfremdung, die Saltos sind das Äußerste, was der menschliche Körper hergibt, aber er gibt sie her“ (Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Bd. 1. Frankfurt am Main 1970, S. 422). Thomas Mann begeistert sich so: „ … die betörende, die Menge erregende Leiblichkeit der Manege …, die weiblichen und männlichen Nacktheiten … was für Menschen, diese Artisten! Sind es denn welche ... irgendwie im Bürgerlichen und Natürlichen unterzubringende Personen?“ (Thomas Mann, in: Loredana Nemes: Behind the Curtain. Berlin 2003, S. 50) Und Walter Benjamin notiert die Umkehr einer gewohnten Perspektive: „Im Zirkus ist der Mensch ein Gast des Tierreichs … Die Zirkusleute haben von ihnen gelernt. Wie Vögel von Ast zu Ast, so fliegen von Trapez zu Trapez Akrobaten, die Hände des Zauberers schießen durch den Raum wie zwei Wiesel, als Schmetterling lässt auf den Pferderücken die Schulreiterin sich nieder, der dumme August schnuppert wie ein Tapir sich durch den Sand der Manege und: nur der Stallmeister mit der Peitsche fällt als Herr der Schöpfung aus dem anarchischen Tierparadiese heraus … alles andere (ist) von animalischem Leben erfüllt.“ (Walter Benjamin : Gesammelte Schriften. Bd. 3. Frankfurt am Main 1972, S. 72)

Zwei aktuelle Fundstücke zu Theater und Natur und zu Theater und Geselligkeit

Ich werde von der Vielzahl und den Unterschiedlichkeiten des Wechselspiels von Natur und Geselligkeit im Theater erzählen (also weniger systematisch vorgehen, sondern eher beschreibend, einen Teppich ausbreitend). Und ich werde das Verständnis von Theater recht weit fassen.

Dazu zwei aktuelle Beispiele – zuerst mit dem Akzent auf Natur/Natürlichkeit (hier eingeschränkt: Leiblichkeit):

In der Berliner Neuen Nationalgalerie hat die performance-Künstlerin Vanessa Beecroft 100 nackte, das heißt bis auf eine durchsichtige Strumpfhose nackte Frauen sich aufstellen lassen. Mehr nicht und auch nicht weniger. Dies war eine Veranstaltung, die in der Reihe „WissensKünste“ des Zentrums für Literaturforschung Berlin eingerichtet wurde unter dem Rahmenthema „Zwischen Evolution und Experiment – Schönheit in Kunst und Wissenschaft“. Ein Statuentheater purer Leiblichkeit/Körperlichkeit, oder wenn man so will: Drei Stunden Natürlichkeit, „ein lebendiges Bild (was die Theater-, Varieté- und Jahrmarktskunst als tableau vivant seit langen Zeiten kennt, zum Teil resultierend aus dem Verbot der Bewegung nackter Figuren, wegen der vernuteten Anzüglichkeit - so eine puritanische Tradition in England, gk) …, das von den Zuschauen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden kann“ (so im Einladungsbrief des Zentrums für Literaturforschung vom 23. 3. 2005). Das (bekleidete!) Publikum als integraler Teil des Schauplatzes, also eines Theaters, war – vorerst nur - betrachtend tätig – also voyeurhaft – was auch nach dem schon im Untergang sich befindlichen Modell der peep shows bescheiden bedient wurde. Nun aber berichten Beobachter, daß sich im Zuge der Zeitdauer der Personen-Aufstellung die Dynamik zwischen Publikum und weiblichen Darstellerinnen im Museums-Raum so geändert haben soll: „Besucher … hatten es sich auf dem Boden bequem gemacht und warteten einfach ab. Und dann, nach einer Weile, kippte die Situation ziemlich unvermutet um. Denn was bis dahin bei all der Aufmerksamkeit zwangsläufig unbeachtet geblieben war, war das Verstreichen von Zeit. Je länger die Performance dauerte, desto intensiver wurde die Kraft, die von der Frauengruppe ausging. Während diesseits (also beim Publikum, gk) das Unbehagen stieg, entstand jenseits der Absperrung jene Stärke, die es für jede echte Verwandlung braucht. Aus dem Nackten wurde das Kreatürliche, aus dem Voyeurismus die Selbstbeobachtung, aus einer vermeintlich schwachen die eindeutig überlegene Position (der Frauen, die vom ästhetischen Objekt zum Subjekt des Geschehens wurden, gk).“ Der Verfasser, ein Fachmann für das Tanztheater, beendet seinen Bericht: „Es war völlig unerwarteter Weise ein selten großer Moment für die Berliner Museen“, besser gesagt: für den Schauplatz Museum, für die Neue Nationalgalerie (Ulrich Clewing, in: Frankfurter Rundschau, 12. 4. 05, S. 10).

Die Beteiligten wurden zu Zeit- und Raummessern im Feld von Wechselwirkungen unterschiedlicher Grade. Gravitation, Ästhetik, Harmonie bildeten ein Ganzes, ein Neues, und Menschen verkörpern es.

In der Einladung zu dieser Performance hieß es schon als Versprechen: „Der Betrachter erlebt … einen Wechsel zwischen distanzierter Beobachtung und Voyeurismus. Dieses Wechselspiel wird noch gesteigert durch die transparente Architektur der Nationalgalerie“ (aus dem werbenden Flyer) – was in den 100 nackten Frauen vorging, wird nicht gemeldet.

Und Gabriela Naumann (Ko-Herausgeberin des Sammelbandes von Gerd Koch, Gabriela Naumann, Florian Vaßen: Ohne Körper geht nichts. Berlin Milow 1999) hat ohne Eintrittsgeld zu zahlen außerhalb des gläsernen Kastens der Nationalgalerie – als Meta-Beobachterin, als Supervisorin – das Gesamt(?)geschehen wiederum anders, fast wissenschaftlich, felddynamisch neu betrachten können.

Nun ein aktuelles Fundstück zum Geselligen im theatralen Feld:

Die Szene ist in der Stadt Bochum, im dortigen Schauspielhaus. „Kurz vor Beginn der ausverkauften Repertoire-Vorstellung von Tschechows ‚Iwanow’ in der Inszenierung des Intendanten Matthias Hartmann … wird klar, dass der sich in Berlin aufhaltende Darsteller der Titelrolle durch den Ausfall eines Flugzeugs nicht rechtzeitig in Bochum eintreffen kann. Zu ersetzen ist er nicht … Also muss der Intendant vor das Publikum und die Vorstellung absagen … Murren im Saal … Da reitet den Intendanten der Teufel und er riskiert einem Einfall, nicht einem Plan folgend, den Vorschlag einer Abstimmung: Wenn sich eine Mehrheit der Anwesenden bereit fände, einige Stunden zu warten, würde das Theater sich bemühen, den verhinderten Hauptdarsteller doch noch nach Bochum zu schaffen. Das Ergebnis ...: Fast alle wollen bleiben … Die Theaterleitung kümmert sich um einen Spätflug für den Schauspieler und darum, dass die Parkhäuser … geöffnet bleiben, Maertens (der Hauptdarsteller, Anm. gk) erreicht Bochum tatsächlich, die Vorstellung wird gespielt, erst lange, lange nach Mitternacht ist sie zuende, enthusiastischer Applaus.“ (Peter Iden, in: Frankfurter Rundschau, 13. 4. 05, S. 15) Das Schauspielhaus Bochum, eines der bestbesuchten der Republik, liefert hier eine mehrfache Szene und Geselligkeit: den Zuschauerraum, das gewünschte Stück/die Begierde es zu sehen/zu erleben (vielleicht gerade jetzt erst recht!?), die Alltagstheatralität des Flugverkehrs und des Einfliegens von Spielern in ein Stück, das hier und jetzt in Bochum realisiert wird, der Intendant als Regisseur des Stückes auf der Bühne, als Leiter des Hauses und als maître de plaisier im Saal mit dem Publikum. Alles dies wiederum in Zeit und Raum spielend: messbar, beschreibbar.

Geselligkeit stand an der Wiege von Theater und später auch bekannt als Raum, Ort, Zeit, wo Aufklärung stattfand. Geselligkeit ist eben doch mehr als „ein unverbindliches Zusammentreffen von Menschen, das augenblicklichen Interessen dienen soll“ (www.sociologicus.de/lexikon), es ist eine Gestaltungsweise menschlicher Kommunikation, die sich in Zeit und Raum entwickelt, gestaltet und sich zur Interessenvertretung zuspitzen kann, also politisch wird, und wohl eher Gesellschaft genannt werden sollte. Es geschieht eine Verwandlung von der amorphen Masse zu einer bewussten, partizipativen.

Aus zwei Orten, Räumen wurde eben berichtet: Aus einem Museum/einer Galerie und aus einem Theater. Beide Örtlichkeiten brachten die Kraft ihrer Verfasstheit mit ein: Das Museum als spezieller Schauplatz, das Theater als spezieller Schauplatz: Die Körperlichkeit der nackten Personen entstand durch das dauerhafte und ruhige, zeitausgreifende Betrachten, was der Museums-Rahmen nahe legt. Eine von bildkünstlerischen und plastischen Künsten abgeleitete performance begann zu wirken. Und das dialogische Moment des Theaters lässt Geselligkeit in Politik als nicht mehr unverbindliches Kommunizieren übergehen und zeitigt die sinnliche Präsenz des Sozialen.

In den vorgestellten Beispielen werden zusätzlich Reichweiten von Erfahrungs- und Experimentiermöglichkeiten traditioneller Kultureinrichtungen ausgelotet. Zumindest in Berlin zeigen sich fast alle großen Theaterhäuser als Stätten, die ein Wechselspiel betreiben bzw. an frühe Formen des Theaters erinnern, als es noch nicht das etablierte Kunsttheater gab; denn: Theatrale Erfahrung scheint älter zu sein als die formalisierte und spezialisierte Einrichtung von Theatern.

Theatralität – Theater weit gefaßt und als Verhältnis verstanden

Wenn ich das Verständnis von Theater recht weit fasse, dann kann ich mich auf ein Diktum Walter Benjamins beziehen, der bereits 1927 schrieb: „Die Krisis des europäischen Theaters rückt alle außertheatralischen Formen des Schauspiels in neue Bedeutung.“ (Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Bd. 3. Frankfurt am Main 1972, S. 70)

Der Berlin-Leipziger Theaterwissenschaftler Rudolf Münz hat neuerlich das fachwissenschaftlich genutzte Wort Theatralität verwendet, um ein verengtes Verständnis von Theater zu vermeiden und um ein Verhältnis verschiedener Phänomene zu bestimmen (vgl. systematisch Andreas Kotte: Theatralität konstituiert Gesellschaft, Gesellschaft Theater, in: Theaterwissenschaftliche Beiträge 2002, hrsg. von „Theater der Zeit“ als Beilage, S. 2 ff.). Münz’ „Erkenntnisziel (ist) auf das Verhältnis von vier grundsätzlich verschiedenen Typen der Theaterproduktion bzw. –rezeption innerhalb einer Gesellschaft gerichtet …, dem Verhältnis (kann man Wechselspiel sagen? gk) von Lebenstheater, Theaterspiel, Nicht-Theater und Kunsttheater. Die Aufarbeitung dieses dynamischen und dialektischen Gefüges öffnet den Blick auf die Machtansprüche, die hinter der Grenze zwischen Sein und Schein verborgen sind, auf die Auseinandersetzung zwischen in theatralen Interaktionen konstituierten Welten und Gegenwelten.“ (Stefan Hulfeld: Zur Aufklärung der Theatergeschichte. In: Theaterwissenschaftliche Beiträge 2000, hrsg. von „Theater der Zeit“ als Beilage zum Heft 10/2000) Es wird ein Theatralitätsgefüge gesehen, das aus dem besteht, was traditionellerweise unser Verständnis von Theater ausmacht – als das sog. Kunsttheater (als Stadt-, Staats, Residenztheater bei uns imponierend vorhanden) - , ferner, das Alltagstheater, ein Nicht-Theater und die Erfindung von etwas theatral Eigensinnigem wie den Harlekinfiguren usw. Man nutzt aus historiographischen und systematischem Interesse den Theatralitätsbegriff. Das ist „keinesfalls nur eine akademische Angelegenheit … Wir versuchen damit auch die Aktivitäten aus den Bereichen Theatertherapie, Theaterpädagogik, Gruppentheater etc. zu erfassen, d. h. Phänomene, die im Rahmen der Spieltheorie zum lusus [soviel wie: sein Spiel treiben, aufs Spiel setzen, spielen mit …, gk] gehören und die … wesentlich sind hinsichtlich der Entfaltung von Kreativität, der Welt des Phantastischen und Wunderbaren, des Imaginären usw., während die zum ludus [auch: Schule, Spiel, Aspekt der Muse/skolé, gk] zählenden Phänomene überwiegend repräsentativen Charakter haben … deren Verhältnis als Theatralität bzw. Theatralitätsgefüge begriffen wird.“ (Rudolf Münz: Ein Kadaver, den es noch zu töten gilt. Das Leipziger Theatralitätskonzept als methodisches Konzept der Historiographie älteren Theaters, in: Ders.: Theatralität und Theater. Berlin 1998, S. 99)

Auch der heute international gebräuchliche Begriff von Performativität (mit seinen Varianten: performance, performance theory, performance studies, performative turn) bedient sich eines umfassenden Theaterverständnisses, das die Präsentation, das Darstellen, das Handeln, das Ausstellen, den Zeigegestus, das szenische Agieren sowie den alten Begriff des Theaters als Schauplatz, als Schaubühne umfasst – aber auch eben andere Künste und Medien mit einbezieht in Beschreibung und Verständnis. Zusätzlich kann eine mögliche eurozentristische Betrachtung des Theatralen durch die erweiterte Begrifflichkeit vermieden werden. Auch das sog. Paratheater kann hier einbezogen werden. Die „paratheatralischen Erscheinungsformen …, (umfassen) sowohl die darstellenden Künste wie Tanz, Oper, Kino, Pantomime, Zirkus usw. als auch öffentliche Aktivitäten, an denen ein Publikum teilnehmen kann wie Sport, Spiele, Rituale.“ „Zu diesem Zweck scheinen Begriffe wie das französische ‚spectacle’ oder die angloamerikanische ‚performance theory’ geeigneter, die strukturellen Gemeinsamkeiten dieser so verschiedenen Phänomene herauszuarbeiten.“ (beide Zitate aus Klaus Lazarowicz/Christopher Balme (Hrsg.): Texte zur Theorie des Theaters. Stuttgart 1991, S. 649).

Interessant ist, daß neuerlich nicht mehr so sehr das „Theater der Sprache“ (Florian Vaßen prägte diesen Begriff für den Themenschwerpunkt von Heft 41 (2002) der KORRESPONDENZEN. Zeitschrift für Theaterpädagogik), das Dialogische und Rhetorische Fragestellungen und Begründungen liefern, sondern das aus dem Feld der bildenden Kunst kommende Raum-Modell, die Objekt-Präsentation und Material-Beschaffenheit, die auch die menschliche Physis meinen kann. Nebenbei gesagt: in Theaterkreisen wird manchmal ganz salopp etwa vom ‚Fleischtheater’ im Gegensatz zum Figuren- und Puppentheater und Sprechtheater gesprochen - (vgl. im weiteren etwa die Arbeit von Mina Tinaburri vom „Atelier für physisches Theater Berlin“, die gerade eine Produktion mit dem Titel „Urban-Stories“ als „Theater mit Baseler Masken, Masken aus Recycling-Materialien und Materialtheater“, entwickelt hat; siehe auch Körpertheater oder Pantomime und Tanztheater– was anderes ist als Ballett – oder das biomechanische Training von Meyerhold; ferner das Bewegungsschauspiel eines Jacques Lecoq: Der poetische Körper. Eine Lehre vom Theaterschaffen. Berlin 2000; Das Mimecentrum Berlin etwa bietet 2005 workshops zur professionellen SchauspielerInnen-Ausbildung an in: „Connecting The Body“, „Decroux: mime corporel dramatique“, „Grundlagen des Körperschauspiels“, „Meyerhold: Die Biomechanik des Schauspielers“, „Anatomie der Bewegung“ – sog. innere und äußere Natur sollen gleichermaßen angesprochen, trainiert und präsent werden), wie sie in den Werkstätten von Malern, Bildhauern, plastischen Kunstschaffenden, z. T. Videokünstlern gepflegt wird, als Referenz herangezogen wird. Der Theaterwissenschaftler Peter Simhandl spricht deshalb auch von „Bildertheater“ (Berlin 1993), man kann vom Theater der Bilder sprechen – oder das Wort Theater wird schlichtweg ersetzt durch das Wort von der performance (vgl. Erika Fischer-Lichte: Ästhetik des Performativen. Frankfurt am Main 2004).

Sinnliche Sozial- und Naturforschung bzw. sinnliches Sozial- und Naturerleben, eine Recherche, wird nun auch und wieder in Theatern, mittels Theater/Performativität, als Paratheater betrieben. Beispiele:

Die Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin hat einen „Streitraum“ eingerichtet; die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ist ein Ort, der Zeiten politischer Praxis organisiert (sei es zur Stadtplanung, sei es zum Glück- und Unglück der Arbeitslosigkeit oder zur Befreiung von Lohnabhängigkeit);
das Theater-Kombinat HAU (= Hebbel-Theater am Ufer) greift die mittel-ost-europäische Kiosk-Kultur als theatrales, szenisches, performatives Geschehen, als Markt, als Gesellschaft/als Geselligkeit auf oder stellt das sog. simple life als real life zur Betrachtung auf die Bretter des Theaters, die eine andere Welt bedeuten und begleitet solches tun neben der sinnlichen Schau auf Spielflächen mit einem Kongreß (siehe Marc Mülhaupt/Edith Treder: Simple Life – Real Life, In: KORRESPONDENZEN. Zeitschrift für Theaterpädagogik, H. 46 (2005), S. 66 ff.).
Das Maxim-Gorki-Theater (meist werbewirksam wie ein Ausruf kurz GORKI genannt) seinerseits baut Studenten-Theatergruppen mit sog. Amateuren auf, die aber ihrerseits Experten in den Wissenschaften sind: Gorki goes sciences wäre der Ansatz zu benennen. Man beteiligt sich am „Jahr der Chemie“ (Bärbel Jogschies: Theaterpädagogik zum Jahr der Chemie, in: KORRESPONDENZEN. Zeitschrift für Theaterpädagogik, H 45 (2004), S. 33 ff.), man spielt im alterwürdigen Robert-Koch-Hörsaal des Instituts für Mikrobiologie und Hygiene der Humboldt-Universität zu Berlin und spielt mit dessen Aura und dem knirschenden Parkett und den Emporen, aus denen dann Veroneser Balkone werden könnten. „Wissenschaftstheater“ nennt man es: „Das gemeinsame Anliegen aller Beteiligten ist es dabei, den wissenschaftlichen und künstlerischen Diskurs über die Fächergrenzen hinweg zu beleben“, z. B. durch das Stück „Unbefleckt“ über „Sex im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“: „Der Autor und Wissenschaftler Carl Djerassi, Vater der Antibabypille, stellt mit ‚Unbefleckt’ in einer Zeit, in der nichts mehr unmöglich scheint, die Frage nach der Ethik und Transparenz wissenschaftlicher Forschung. Er unterrichtet und unterhält das Publikum in einem … zur ‚Langen Nacht der Wissenschaften’ wird er anwesend sein und sich zusammen mit Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen der Diskussion stellen.“ (GORKI Brief vom 27. 5. 04)

Ferner: Vonseiten der Hochschulen und des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte organisiert, stellten wissenschaftliche Institute die materielle Geschichte ihrer Fächer in einer Ringvorlesung unter dem Titel „Bühnen des Wissens“ vor (eingebettet in das DFG-Forschungsprogramm „Kulturen des Performativen“, siehe die beiden Bände (Katalog, Essays): Theater der Natur und Kunst, hrsg. von Horst Bredekamp u. a. Berlin 2000). Hier wird nicht (nur) die Bühnen- oder Theatermetapher strapaziert. Nein, es geht über Wunderkammern hin zum sog. Anatomischen Theater, in dem in aller theaterhaften Öffentlichkeit seziert, vorgeführt wurde, und zwar so, daß das Publikum sowohl das Geschehen auf dem Seziertisch wie sich selber beobachten konnte: Eine öffentliche Vorführung von Wissenschaft und ihrer Rezeption! Und es wird deutlich, daß häufig gerade das Wie und der wie immer auch geartete Bericht über eine wissenschaftliche Erkenntnis nicht unwesentlich an ihrer Verbreitung teilhatten. Jacques Rancière (Die Namen der Geschichte. Frankfurt am Main 1994) weist darauf hin, daß die Form – wir können wohl auch sagen: die Ästhetik, Poetik – des Wissens nicht unbeträchtlich an seiner Rezeption beteiligt ist.

Die Weite und Vielfalt des Theaterbegriffs, des Verständnisses von Theatralität und Performativität wird an den referierten Beispielen deutlich. Ein weiterer kleiner Hinweis: Eine Musik-CD (AKRON Projetos Culturais/Minésterio da Cultura 1999) aus Brasilien kann den Titel „Teatro do Descobrimento“ tragen und ist doch nach unserem Verständnis keine CD zum Theater, auch keine CD-ROM, sondern ein Tonträger für „Memória Musical Brasileira“ – Musik als Schauplatz von Berichten der sog. Entdeckung Brasiliens. Auch ein Operationssaal im Krankenhaus kann im Englischen operating theatre genannt werden, und der Kriegsschauplatz ist ebenfalls theatre, weshalb der eingedeutschte Gemeinspruch: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“ die Theater-Metaphorik nicht voll durchscheinen lässt.

Theaterarbeit, Theaterpraxis im Wechselspiel von Natur und Geselligkeit
Bisher bin ich sehr stark von der gesellschaftlich-kulturellen Institution Theater als Referenzgröße ausgegangen. Jetzt will ich eine weitere Farbe in die Darstellung bringen und eine Reihe von Verbindungslinien, Wechselwirkungen oder Wechselspielen zwischen Natur, Geselligkeit und Theater vorstellen, die das Machen von Theater, also die sog. Theaterarbeit , –praxis und/oder –pädagogik betreffen – die das Erleben, Erfahren, auch Erleiden, das Üben/Trainieren, also das Wie des Prozessierens im Feld des Theatralen in den Mittelpunkt stellt.

Ein Kaleidoskop:
Gibt man die Begriffe „Natur“ und „Theater“ in eine Suchmaschine, dann werden zu allererst bzw. fast ausschließlich Hinweise auf das sog. Freilicht-, Freilufttheater gegeben. Theater wird dabei in er sog. freien Natur gespielt, sei es in Bodenmulden als natürliches Amphitheater, sei es in die Landschaft eingebaute Bühnenkonstruktionen. - Das „Walderlebniszentrum Tennenlohe“ bei Erlangen (Ansprechpartner: Försterin Michaela Amann) bietet an, mit Schülerinnen und Schülern ab der 3. Klasse „ein eigenes Theaterstück (zu erfinden), in dem Bäume und Tiere die Hauptdarsteller sind. Danach führen wir es auf unserer Freilichtwaldbühne auf. Die Kinder entwickeln Phantasie und Kreativität im Umgang mit dem ‚Stoff’, den die Natur ihnen bietet … Weitere Angebote zu den Themen Honigschleudern, Nachtwanderung; Waldführung, Färben mit Naturmaterialien, Papierschöpfen, Korbflechten und Kräuterwanderung.“ (http.//schule.vgn.de/de/umwelt/lebensraeume/nat5/ …: Unter dem Slogan “Pauk & Ride“ angezeigt)

Sog. Volkstheater findet häufig unter freiem Himmel statt. Namentlich in der Schweiz ist diese Tradition bis heute äußerst virulent: Ganze Dorfgemeinschaften mit ihrem Tierbestand, sowie Feuerwehrvereine und Teile des Bundesheeres stehen zur Verfügung. Gespielt wird häufig in und auf Gebieten, die historisch für die Einigung der Schweizer Kantone wichtig gewesen sind – wenn nicht Schillers „Wilhelm Tell“ inszeniert wird. Solche Veranstaltungen oszillieren zwischen Volksfest und Weihespiel – freier Mensch auf freiem Boden. Sie werden durchaus in dem Kontext des Tages- oder Wochenablaufs in Szene gesetzt. Religiöse Feiern greifen topographische Eigenarten der biblisch überlieferten Leidensgeschichte Jesu ebenso auf, wie die Stadt- und Landgegebenheiten, in denen die Prozession aktuell stattfindet.

Der belgische Theatermann Marcel Cremer (AGORA Theater) hat ein Stück, das die politisch-existentielle Dramatik der Migration sowohl in einer Landschaft in der Nacht mit vielen Stationen, die vom Publikum begangen wurden, inszeniert, wie in den aufgelassenen Hallen eines Schlachthofes: Bebaute und unbebaute Räume werden hier (metaphysisch aufgeladene) Mitspieler.

Innerhalb des deutschen Faschismus wurde bis in die mitdreißiger Jahre versucht, das sog. Thingspiel als eine (pseudo-)germanische Eigenart des öffentlichen Rechtsprechens und Inszenierens von Blut-und-Boden-Lehrhaftem in der sog. Natur zum Leben zu entwickeln. Diese Form völkischen Spiels unterlag der Beton-und-Menschen-Massen-Inszenierung der Reichsparteitage, Sportpaläste und ähnlicher Räumlichkeiten (vgl. das gedankliche Konzept und die Ausstellung „Making Things Public. Atmosphären der Demokratie“ vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe 2005).

Heute wird Theaterarbeit, Theaterpraxis häufig auch als Recherche im Wechselspiel von Natur und Geselligkeit betrieben: Recherche ist also auch ein Handlungsmodell auf dem Feld des Theatralen (nicht nur in Wissenschaft und akademischer Forschung). Es verbindet hier Untersuchung und Darstellung.

Zur Darstellung heutiger nicht nur theaterpädagogisch orientierten Theaterarbeit, Theaterpraxis im Wechselspiel von Natur und Geselligkeit kann ich im folgenden wertvolle Mitteilungen (an den Verf. am 24. 3. 2005 geschickt) des Theatermannes Lambert Blum aus Berlin verwenden (ich kennzeichne jeweils seine Anregungen und Beobachtungen mit LB).

Ich gebe einige Beispiele für Theaterübungen, für Theatertrainings, für Theaterrecherche und performative Aktionen:

Im Naturgelände durchführbar wäre solche Übung: Jeder sucht sich einen Ort, in den er sich „implantiert“, so wie er gerne von den anderen gesehen werden möchte oder wie er sich selbst sieht oder wie seine Stimmung ist etc. Dann geht die Gruppe herum und sieht sich die Implantationen, die Statuen an. Man kann davon auch Fotos machen. (LB)

Zu theatralen Ansätzen im öffentlichen Raum könnte man auch performances von Walter Siegfried zählen. 2005 führte er ein kleines Publikum an bestimmte, architektonisch markante Stellen in Berlin-Gropiusstadt, ließ sie sich auf kleine Tribünen stellen und sang dann in diesem Raum Schubert-Lieder. Ähnliches, so wird berichtet, hat er auch schon bei Sonnenaufgang in der Landschafts-Natur gemacht, dann begleitet vom Vogelgesang. (L B)

Wolfgang Garms (Ansichten zur Natur in der Literatur, in: Gerd Koch u. a.: Herausforderung: Umwelt. Frankfurt am Main 1985, S. 62 ff.) schlägt lapidar folgendes vor und hat es durchgeführt: Das Spielen von natur-lyrischen bis –kitschigen Szenen und Texten auf Müllhalden.

Auf dem damals noch wenig hergerichteten Gelände der jetzigen Ausstellung zur „Topographie des Terrors“ in Berlin am Rande der Berliner Mauer auf westberliner Seite habe ich vor etwas 20 Jahren mit Amateuren politische Gedichte laut sprechen lassen: Sie hatten Bezug zur Stadtlandschaft, zur Archäologie der Gestapo-Keller und zur Teilung der Stadt als Folge des 2. Weltkriegs. Und es ergab sich bei einigen starken SprecherInnen, die zusätzlich bestimmte Sprechrichtungen einnahmen, daß ihre Worte als Echo von den ostberliner Häuserfassaden wieder zurück nach Westberlin ‚gerufen’ wurden. Anlaß zum politisch-ästhetischen Spekulieren gab es allemal.

Manche Theatergruppen, die das etablierte Theater kritisieren und back to the roots (zu welchen denn?) wollen, nennen sich bewusst nach Naturkategorien, die etwas
Ursprüngliches, Archaisches, Wurzelhaftes signalisieren, etwa Derevo = Baum (zur Baum- und Waldmetapher vgl. Gerd Koch: Die Methode der Verfremdung, in: Gerd Koch u. a. (Hrsg.): Herausforderung. Umwelt. Frankfurt am Main 1985, S. 159 f.), wie das Theater, das Anton Adasinskiy nach dem Fall der Sowjetunion gründete. Aus einem Aufführungsbericht: „In diffus-nebligem Bühnenlicht und mit grellen Geräuschfetzen bot das Körpertheater-Ensemble aus St. Petersburg Extremes. Sieben kahlköpfige, durchtrainierte Akteure machen mit Mitteln der Imagination Existentielles erlebbar. In grotesk-fantastischen Windungen und exzessiv bebilderten Ritualen kristallisierte sich ein Schöpfungsmythos heraus: Häutungen, Metamorphosen, die Suche nach Erlösung. Das ‚Wunder im Theatererlebnis’, das er mit seiner Truppe anstrebe, verteidigte DEREVO-Leiter Anton Adasinskiy … gegen Brechts epische Theorie und das geplante Funktionieren seiner Bühnenpraxis. Entfernte Gemeinsamkeiten erkennt man vorrangig in der kollektiven Arbeitsweise, über die DEREVO ihre Stücke einstudiert.“ (Dreigroschenheft 2 (2005), S. 6).

Im Bereich von performances, happenings geben sich Künstlerinnen und Künstlern in ihrer Körperlichkeit als Natur-Mitgift in die Präsentation/Ausstellung ein. Der australische performance-Künstler Stelarc verschluckte eine Videosonde und übertrug die Bilder aus seinem Magen im Internet. Oder er schloss eines seiner Gliedmaßen über Sensor ans Internet und ließ es über Impulse aus dem Internet bewegen. (LB)

Der Veteran der französischen freien Szene des politischen Theaters, der Autor und ehemalige KZ-Häftling Armand Gatti (geb. 1924) arbeitet mit sog. Langzeitarbeitslosen: Jeder Tag beginnt mit einem halbtägigen Körpertraining (weil nicht nur Arbeit sondern gerade auch Arbeitslosigkeit die Körper verrotten lässt), danach folgt eine Phase des Erzählens und Improvisierens in der Gruppe, bei der Armand Gatti zuhört und aus dem so gefundenen Material Stücke formt (also seine Fachlichkeit als Autor/Dienstleister einbringt). Die später erarbeiteten Stücke werden in solchen Öffentlichkeiten gezeigt, die zur Nähe des geselligen Verkehrs der Spielenden gehören, z. B. Gemeinde, ehemaliger Arbeitsplatz, lokale Rundfunk- und Fernsehsender.

Auch professionell arbeitende freie Theatergruppen kennen häufig die Verpflichtung des täglichen Körpertrainings – während Proben und Aufführungen nicht jeden Tag stattfinden.

Natur ist ‚natürlich’ auch ausgewiesenes Thema, Stoff in Theaterstücken, in der Literatur – etwa in frühen Singspielen, in Schäferspielen [der erste Theaterwissenschaftler an der Freien Universität Berlin, Wolfgang Baumgart (gestorben im Jahre 2000), wurde 1935 in Heidelberg mit einer Arbeit über den „Wald in der deutschen Dichtung“ promoviert]. Es spielen die Naturgewalten als Realität oder als Metaphorik für menschliche Innenwelten, Gefühle mit.

Die literarische und künstlerische Strömung des Naturalismus hat diesen Bezug explizit im Begriff mit ihren zur damaligen Zeit modernen Elementen der möglichst exakten Wirklichkeitserfassung in Räumlichkeit, Körperlichkeit, materielle Stofflichkeit und sog. Richtigkeiten in Farbe, Form und Anatomie.

Natur tritt als Landschaft im Theater auf
Die Dramatik und Reflexivität von Heiner Müller ist ein Beispiel dafür, wie in neuerer Dramatik etwa Natur als Landschaft auftritt. Der Hannoveraner Literaturwissenschaftler und auch Theaterpädagoge Florian Vaßen hat das in einem noch nicht veröffentlichten Versuch mit dem Titel "Ich bin ein Landvermesser. Heiner Müllers katastrophische Landschaftsbilder“ herausgearbeitet. Müller spricht vom „Krieg der Landschaften“ gegeneinander und im speziellen Bezug auf Menschen. In seinem Revolutionsstück „Der Auftrag“ lässt er in einem ‚Zwischenspiel’ (im sog. Fahrstuhlmonolog) einen subalternen Angestellten am Ende einer Fahrstuhlfahrt in einer lateinamerikanischen, wüsten Landschaft aussteigen.

Ich zitiere ausführlich aus Vaßens Untersuchung: „In einem an zentraler Stelle eingeschobenen kafkaesken Prosatext gelangt ein Angestellter, dessen Chef, Auftrag, Ziel und Zeitbewusstsein verloren gegangen sind, wie in einer Traumsequenz direkt aus dem Fahrstuhl ‚auf eine(r) Dorfstraße in Peru. Trockener Schlamm mit Fahrspuren. Auf beiden Seiten der Straße greift eine kahle Ebene mit seltenen Grasnarben und Flecken von grauem Gebüsch undeutlich nach dem Horizont, über dem ein Gebirge im Dunst schwimmt.’ Dieses ‚Niemandsland’ (H, 60), ‚diese(r) wüste(n) Gegend jenseits der Zivilisation’ (H, 61), ermöglicht weder ästhetischen Genus und gelassene Beobachtung noch Kartografie und Vermessung. Vielmehr steigt zunächst bei dem Angestellten ein ‚Heimweh nach dem Fahrstuhl’ auf, obwohl dieser sein ‚Gefängnis war’ (H 60); es folgt ‚Angst’, dann ‚Enttäuschung’, dass nur ‚Verachtung’, aber keine Bedrohung ihn erwartet, und erst am Schluss eine gewisse ‚Heiterkeit’ und die Haltung eines ‚Spaziergang(s)’ (H 61f) durch das Dorf. Am Ende geht der ’Europäer’ weiter in die Landschaft, die keine andre Arbeit hat als auf das Verschwinden des Menschen zu warten.’ (H 61) Diese südamerikanische Hochebene, in ihrer horizontalen Statik und Weite Gegenbild zur aufwärtsrasenden, vertikalen Bewegung und klaustrophobischen Enge des hoch technisierten Fahrstuhls, leistet in ihrem trostlosen und passiven Dasein, in ihrem unendlichen Warten, Widerstand gegen die europäische Zivilisation und ihre nutzlos sich bewegende Technik, der Europäer bleibt ausgeschlossen, ein Fremder. ‚Irgendwann wird der ANDERE’ ihm ‚entgegenkommen, der Antipode, der Doppelgänger. (H 62)“ (Florian Vaßen, S. 6)

Zu Heiner Müllers Prosa-Theater-Stück, der postdramatischen „Bildbeschreibung“, heißt es bei Vaßen: „Müllers Text geht von dem Landschaftsbild als 'Dokument' aus und beginnt mit dessen Beschreibung: ‚Eine Landschaft zwischen Steppe und Savanne, der Himmel preußisch blau, zwei riesige Wolken schwimmen darin, wie von Drahtskeletten zusammengehalten, jedenfalls von unbekannter Bauart, die linke größere könnte ein Gummitier aus einem Vergnügungspark sein, das sich von seiner Leine losgerissen hat, oder ein Stück Antarktis auf dem Heimflug, am Horizont ein flaches Gebirge, rechts in der Landschaft ein Baum, bei genauerem Hinsehen sind es drei verschieden hohe Bäume, pilzförmig, Stamm neben Stamm, vielleicht aus einer Wurzel, [...] vielleicht steht DIE SONNE dort immer und IN EWIGKEIT: daß sie sich bewegt, ist aus dem Bild nicht zu beweisen, auch die Wolken, wenn es Wolken sind, schwimmen vielleicht auf der Stelle, das Drahtskelett ihre Befestigung an einem fleckigen blauen Brett mit der willkürlichen Bezeichnung HIMMEL, auf einem Baumast sitzt ein Vogel [...].’(SF 1, 7)

Müller interessiert hier jedoch kein konkretes Landschaftsbild, vielmehr sieht er in dem Bild eine geschichtsphilosophische ‚Versuchsanordnung, die Rohheit des Entwurfs ein Ausdruck der Verachtung für die Versuchstiere Mann, Vogel, Frau, [...]’ (SF 1, 13), die er in einer konjunktivischen Textlandschaft mit vielfältigen Vermutungen (‚oder’, ‚vielleicht’) und Möglichkeiten auflöst. So beschreibt er auch die Landschaft als eine ‚zwischen (Hervorhebung - F.V.) Steppe und Savanne’, d.h. zwischen einer ‚weite(n), meist baumlose(n), mit Gras od. Sträuchern (meist) spärlich bewachsene(n) Ebene’ und einem ‚tropische(n) Grasland mit einzeln od. in lockeren Gruppen stehenden Bäumen und Sträuchern’.

Zudem verfremdet Müller seine Bildbeschreibung durch Charakterisierungen, wie z.B. die Wolke als ‚Gummitier aus einem Vergnügungspark’ oder als ‚ein Stück Antarktis auf dem Heimflug’ (SF 1, 7), durch Hinweise auf die Machart des Bildes: ‚oder das Netz, das den Gebirgszug an den Boden nagelt, oder alles ist anders, das Stahlnetz die Laune eines nachlässigen Malstifts, der dem Gebirge die Plastik verweigert mit einer schlecht ausgeführten Schraffur, [...]’ (SF 1, 12f) und durch Anspielungen auf Bühnendekorationen.
Letztlich existiert das Bild bei Müller ebenso wenig wie die Landschaft. ‚Da wird immer ein Bild angefangen, und dann kommt ein anderes, was das alte auflöst oder in Frage stellt.’ ‚Das Modell dafür [...] ist die BILDBESCHREIBUNG.’ Die Dekomposition der Landschaft und die Dekonstruktion des Bildes wären jedoch unvollständig, würde das Subjekt des Betrachters, d.h. der Blick nicht ebenfalls depotenziert, denn Landschaft und ihre Beschreibung korrespondieren mit einer bestimmten Art des Sehens. Müllers Formulierung ‚zwischen Blick und Blick wenn das Auge ALLES GESEHN sich blinzelnd über dem Bild schließt’ (SF 1, 9) bedeutet, dass jeder Blick durch den nächsten wieder aufgehoben wird, die Optik ständig wechselt.“ (FV, S. 10 f.)

Das erinnert zum einen an die in der bildenden Kunst bekannte Technik des Übermalens fremder oder eigener Bilder, zum anderen an Methoden der Ethnografie/Ethnologie mit ihren dichten Beschreibungen und Überschreibungen. “Das, womit es der Ethnologe tatsächlich zu tun hat …, ist eine Vielfalt komplexer, oft übereinandergelagerter oder ineinander verwobener Vorstellungsstrukturen, die fremdartig und zugleich ungeordnet und verborgen sind und die er zunächst einmal irgendwie fassen muß. Das gilt gerade für die elementarsten Ebenen seiner Tätigkeit im Dschungel der Feldarbeit: für die Interviews mit Informanten, die Beobachtung von Ritualen, das Zusammentragen von Verwandtschaftsbegriffen, das Aufspüren von Eigentumslinien, das Erstellen von Haushaltslisten … das Schreiben seines Tagebuchs. Ethnographie betreiben gleicht dem Versuch, ein Manuskript zu lesen (im Sinne von ‚eine Lesart entwickeln’), das fremdartig, verblaßt, unvollständig, voll von Widersprüchen, fragwürdigen Verbesserungen und tendenziösen Kommentaren ist, aber nicht in konventionellen Lautzeichen, sondern in vergänglichen Beispielen geformten Verhaltens geschrieben ist.“ (Clifford Geertz: Dichte Beschreibung, Frankfurt am Main 1987, S. 15)

Hier werden Begriffe verwandt, die die Theaterarbeit ebenso kennt, etwa „Vorstellung“, „eine Lesart finden“, „vergängliche Beispiele“, das „Verwobene“ assoziiert Text usw. Ute Pinkert nennt ihre „Überlegungen zu Theaterprojekten im öffentlichen Raum“ richtigerweise: „Überschreiben“ (in: KORRESPONDENZEN. Zeitschrift für Theaterpädagogik, H. 39, S. 43 ff.) und verbindet einen site specific-Ansatz mit Ethnographie und bildender Kunst.

Der experimentelle Theatermann Bertolt Brecht als gesellschaftlicher Naturforscher
Brecht steht auch noch in Traditionen eines Wechselspiels von Natur(wissenschaft) und Geselligkeit/Gesellschaftlichkeit/Sozialwissenschaft, nicht nur, was das Aufgreifen von Themen anbetrifft (etwa den Galilei-Stoff oder die Geschichte zu Francis Bacon mit dem Titel „Das Experiment“ oder den gesellschaftlichen Auftritt des (Natur-Phänomens) Hurrikan in „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“), sondern auch in Grundform seines Theatermachens.

Der Philosoph Günther Anders beschreibt Brecht zutreffend als jemanden, der etwas erforscht und sich dabei zusehen lässt, so daß sowohl der Forschungsinhalt Gegenstand wird wie auch die forschende Haltung.

Günther Anders referiert aus seinen Gesprächen mit Brecht: „Was Sie in ihrem Theater durchführen, sind … Experimente … Experimentaldramatik. In diesem Sinne habe ich, als Sie sich … entschlossen, Ihre Veröffentlichungen ‚Versuche’ zu nennen …, (Sie) verstanden … in anderen Worten: In der Literatur haben Sie nur deshalb experimentiert, weil Sie darauf aus waren, mit Hilfe literarischer Werke nützliche Experimente aufbauen zu können.“ Brecht antwortete darauf: „Stimmt. Kürzer: … Episches Theater ist zugleich experimentelles Theater“ – darauf wieder Günther Anders: „Ihre Theorie des Zeigens … stammt aus der Praktikums-Situation … Weil das im Praktikum durchgeführte Experiment nicht nur dasjenige zeigt, was sich nun physikalisch oder chemisch abspielt, sondern immer zugleich, was man, soll das Experiment gelingen, zu tun oder zu lassen hat. Die Rolle des in das gezeigte Experiment hineingehörenden Professors macht dieses doppelte Zeigen ja völlig klar; der tut nicht nur, sondern zeigt auf das, was er tut; und zeigt auch nicht nur auf das, was er tut, sondern auch zugleich auf sich, den Tuenden: ist also Zeiger und Gezeigtes zugleich. Oder: er macht nicht nur seine Manipulationen, sondern macht sie vor; macht sie ausschließlich, um sie vorzumachen“ (Günther Anders; Der Mensch ohne Welt. München 1993, 2. Aufl., S. 138 f.), macht also (s)eine Vorstellung - was ja neben Einbildung, Erscheinung, Einbildungskraft, geistigem Bild auch eine Verdeutschung vom griechischen phantasia ist [vgl. unter dieser Lesart auch Oskar Negts Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen – und nebenbei: Nordafrikanische Reiterspiele, wie so z. T. in Zirkussen heute nachgespielt werden, nennen sich fantasia - siehe auch die Erwähnung der „arabische(n) Fantasia“ bei Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Bd. 1, Frankfurt am Main 1970, S. 423), und: Ein Berufsbewerber/Referent stellt sich vor – die Begriffe also wandern und akzentuieren natürliche und/oder soziale Vorgänge jeweils spezifisch].

Ein beobachtendes Publikum beobachtet den handelnden, forschenden, beobachtenden, aufmerksamen Forscher, seinen Habitus (Weise am Weisen sei seine Haltung, notierte Brecht) und zugleich die Entfaltung seines Untersuchungsgegenstandes.

Der Philosoph Günther Anders, der den Experimentator Brecht vorstellt, ist Sohn des Entwicklungspsychologen William Stern, dessen Buch „Psychologie der frühen Kindheit“ 1914 erschien und viele Neuauflagen und Übersetzungen erlebte. Vielleicht darf man annehmen, daß Anders von dieser familiären Seite her einen spezifischen Blick auf den Theatermacher Brecht werfen konnte (?). In Jean Piagets „Weltbild des Kindes“ (1978) findet sich eine sehr ähnliche Tätigkeitsbeschreibung für den pädagogisch Forschenden (ich verdanke den Hinweis meiner Kollegin Brigitte Geißler-Piltz): „Schwierig ist es vor allem, selbst nicht zuviel zu reden, wenn man einem Kind Fragen stellt, insbesondere für einen Pädagogen! Und schwierig ist es, das Kind nicht zu beeinflussen! Schwierig ist es vor allem auch, den Mittelweg zwischen einer Systematisierung, die auf vorgefaßte Ideen zurückzuführen wäre, und einer Inkohärenz, die auf das Fehlen jeder Leithypothese zurückginge, zu finden! Ein guter Experimentator muß zwei oft unverträgliche Eigenschaften in sich vereinigen: er muß beobachten, das Kind sprechen lassen können, er darf den Redefluß nicht bremsen, nicht in eine falsche Richtung bringen, und er muß gleichzeitig ein Sensorium dafür haben, etwas Genaues herauszuholen, er muß jederzeit eine Arbeitshypothese, eine Theorie, ob richtig oder falsch, zur Hand haben, die er überprüfen kann. Man muß die klinische Methoden[?] anderen gelehrt haben, damit man ihre wirklichen Schwierigkeiten begreift.“ [Jean Piaget: Das Weltbild des Kindes. Mit einer Einführung von Hans Aebli. Stuttgart 1978, S. 19 (aus: Einleitung. Die Probleme und die Methoden. 1. Die Testmethode, die reine Beobachtung und die klinische Methode)]

In Brechts Lehrstück-Experimenten, die zur Selbstverständigung erkennen wollender Menschen, nicht für ein getrenntes Publikum gedacht waren, können die beobachtenden Spielenden sich selbst beobachten, einbringen: Sie sind ZuschauSpieler, SpectActors – etwa wie in einer Performance. Dirk Backes hat 1981 seine Untersuchung zu „Brecht und der Sozialistische Realismus“ zu Recht so überschrieben, einen Brecht-Satz aufnehmend: „ Die erste Kunst ist die Beobachtungskunst“ (Berlin 1981).

Durch seinen marxistischen und philosophischen Lehrer Karl Korsch wurde Brecht ein Weiteres wichtig: Die Empirie, das Beobachtbare hatte sich philosophisch-systematisch zu bewähren, und Philosophie ihrerseits bedürfe der empirischen Sättigung. Korsch, sagt Oskar Negt, „gehört zu den wenigen orthodoxen Theoretikern, die außerhalb des Marxismus sich entwickelnde Tendenzen und Gegenstandsbereiche der Wissenschaft aufnehmen, wie z. B. die auf Feldforschung gehende Gruppendynamik von Kurt Lewin.“ (Oskar Negt: Zurück zu Marx und Engels! Oder: Was können wir von Korsch lernen? In: Heinz Buckmiller (Hrsg.): Zur Aktualität von Karl Korsch. Frankfurt am Main 1981, S. 41 f.) Und Bertolt Brecht notiert ganz in diesem Zusammenhang Anfang 1943 in seinen Journalen im amerikanischen Exil: „Neue Bekanntschaft: Kurt Lewin, er in Iowa unter Scouts und Arbeitern ‚Führerbenehmen’ ausbildet und mich einlädt, interessiert an dem ‚Bösen Baal dem asozialen’ (einem Lehrstück-Versuch Brechts, gk)“ (Bertolt Brecht: Journale II, in: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 27, S. 150). Kurt Lewin, der Begründer experimenteller Sozialpsychologie schrieb 1939 seinen Aufsatz „Experimente über den sozialen Raum“. Darin heißt es: „Ich bin der Überzeugung, daß es möglich sei, in der Soziologie und Sozialpsychologie Experimente vorzunehmen, die mit dem gleichen Recht als wissenschaftliche Experimente zu bezeichnen sind wie die in der Physik und der Chemie. Ich bin überzeugt, daß es einen sozialen Raum gibt, der alle wesentlichen Eigenheiten eines wirklichen empirischen Raumes besitzt und der genausoviel Aufmerksamkeit von seiten der Forscher auf dem Gebiet der Geometrie und Mathematik verdient wie der physikalische Raum, obwohl er nicht physikalischer Art ist.“ (Kurt Lewin: Experimente über den sozialen Raum, in: T. Brocher/P. Kutter (Hrsg.): Entwicklung der Gruppendynamik. Darmstadt 1985, S. 41)

Solches Denken in Feldern und Räumen und ihrer Dynamik hat übrigens eine raum-ästhetisches Variante: Als in Dresden–Hellerau das Festspielhaus entworfen wird durch Adolphe Appia ist es ein leerer, riesiger Raum, der mit indirektem Licht ausgeleuchtet wird. Seine Raum-Qualität und seine Qualität als gestaltete Lebens- und Kunstwelt bekommt er erst dadurch, daß er mittels Musik und Körperaktionen zu einem „rhythmischen Raum“ wird. Das Publikum tritt „auf einer Mittelachse über das Hauptportal ein, konnte hindurch gehen und nach hinten durch eine kleinere Tür … in den Park; der innere Raum war Teil des äußeren Raumes oder sie standen in Beziehung“ (Lambert Blum an den Verf., 24. 3. 2005). „Der Bühnenraum erweist sich … als offener, unbegrenzter Raum. Indem Appia den Terminus ‚Rhythmus’, der ursprünglich aus der Musik kommt, mit dem architektonischen Raumbegriff verband, ordnete er ihm eine neue Qualität zu. Appia teilte mit der Formulierung ‚Rhythmische Räume’ dem Raum selbst eine Gesetzmäßigkeit von Bewegung zu, einen Prozeß auf ein bestimmtes Ende hin – der Raum wird damit verzeitlicht. Der ‚Bewegungsraum’ erhält eine ‚Raumzeit’. Mit Appias ‚Rhythmischen Räumen’ emanzipierte sich die Bühnendarstellung auch vom Mimesis-Konzept. Es ging in diesen Räumen nicht mehr um Nachahmung, Einfühlung und Repräsentation, sondern um Konstruktion von künstlerischen Räumen, die nichts außer sich bedeuten“, pointiert Marianne Streisand (Marianne Streisand: Theaterraum und Archäologe der Theaterpädagogik, in: Gerd Koch u. a.: Theaterarbeit in sozialen Feldern/Theatre Work in Social Fields. Frankfurt am Main 2004, S. 75 f.). Hier ist der Raum zuerst abstrakt, aber die „freie Raumsituation“ (Streisand, S. 73) wird durch Körperlichkeit dynamisiert. „Die Realität eines Baus besteht nicht“, so beobachtete der chinesische Philosoph Lao Tse, „aus Mauern und Dach, sondern aus dem Raum, in dem man lebt.“ (Herv. gk; ich verdanke den Hinweis Markus M. Jung).

Ein anderes Beispiel: Barocke Theaterbauten übrigens kannten auch eine Bühnentiefe, die sich ganz weit hinten in den Schlossgarten etwa öffnen konnte. Oder: Das aus dem alternativen und politisch linken Straßen- und Volks-Theater kommende teatro officina aus Sao Paulo (Brasilien) hat mittlerweile eine feste Spielstätte, die der Situation der öffentlichen Straße mit Straßenpflaster und Bürgersteig nachempfunden, die Zuschauer schauen aus Galerien, die wie Fenster und Balkone in der Häuserzeile zu verstehen sind. Und diese Theaterstraße kann zur belebten paulistischen Straße, an der das Theater liegt, durch das Öffnen des großen Eingangstors des Theaterhauses geführt werden, so daß die Natur der Stadt in das Theaterraum-Geschehen einfließen kann – mit Geräusch, Geruch, Passantenbeteiligung – und das Theater-Theater kann in das Straßen-Theater, das einer anderen Regie unterliegt, überführt werden.

Eine szenische Kultur, eine gesellschaftliche Theatralität als ein Verhältnis zu anderen Schau-Elementen etwa realisiert sich – wird Teil einer geselligen „Natur der Stadt“ (Heide Berndt). Der Soziologe (Schüler von Niklas Luhmann) Dirk Baecker schreibt im April 2003 für das Theater-Kombinat Hebbel am Ufer (HAU) einen Text mit dem hier passenden Titel und Inhalt: „Die Stadt, das Theater und die Naturwissenschaft der Gesellschaft“. (www.hau-berlin.de/theorietext_3112.html?HAU=2).
Auf einer sozialpolitischen Folie sind Formen des sog. community theatre, eines Gemeinwesen-Theaters, entstanden. Wir müssen uns im Deutschen mit dem altertümelnden Wort Gemeinwesen behelfen, weil uns das citoyenhafte community, Kommunität, Kommune so geläufig nicht ist. Community theatre als Stadtteiltheater will Partizipation, Selbstartikulation der BürgerInnen im und am öffentlichen Prozeß ermöglichen. Es ist Problemwahrnehmung und -fixierung, Recherche, ästhetische Gestaltung, Intervention und Reflexion im Gruppenzusammenhang. Die Akteure sind zugleich gesellschaftlich wie künstlerisch in Tätigkeit. Gesellschaftliche Übereinkünfte und Arbeitsteilungen werden für eine gewisse Zeit aufgehoben; gegen sozio-kulturelle Normen und als natürlich angesehene Strukturen wird verstoßen. (vgl. Anne Kehl: Auf unsichtbaren Bühnen – Forschendes Theater im Stadtteil. Bremen 2004)
Auf einer gruppendynamischen Folie, gewissermaßen im Kleinformat, hat sich seit Jahrzehnten die Form des sog. Mitspieltheaters entwickelt: Es behält die Arbeitsteilung von professionellem Schauspielertum und interessierten Zuschauern bei, lässt das Publikum aber intervenieren, auch den Stoff variieren. Das Forumtheater nach Augusto Boal hat eine szenische Diskussionsform und ein Probehandeln durch Rollentausch entwickelt, das in lateinamerikanischen aber auch europäischen Bürgerrechtsbewegungen eine Rolle spielt (vgl. Helmut Wiegand (Hrsg.): Theater im Dialog: Heiter, aufmüpfig und demokratisch. Stuttgart 2004).
Noch einmal zurück zu Bertolt Brechts Lehrstücken, die für ein urbanes Publikum gedacht sind: Darin werden Proben aufs Exempel gemacht, ein Theorie-Praxis-Mannöver findet statt, wie Ernst Bloch Bertolt Brechts Ansatz des Lehrstückspiels, das besser: Lernstückspiel, learning play (Brecht) heißt, recht genau bezeichnete. Das speziell, argumentativ und bewusst Entscheidungen-treffen-Können wird hier unter anderem im geselligen, übenden Verkehr an zeitgeschichtlichen Thematiken miteinander trainiert. Thematisch ist hier ein Unterschied zur ‚klassischen’ Tragödie zu bemerken: Dort wurde nicht „Zeitgeschichte dramatisiert“, sondern der Mythos stand zur Verhandlung … eine dramatische Sühneverhandlung“ (Ernst Bloch: Naturrecht und menschliche Würde. Frankfurt am Main 1985, S. 286) – und – so zitiert Bloch Walter Benjamin – die dramatische „’Dichtung (ist) Abbildung und Revision des Verfahrens zugleich’. Ja, die Nachwirkung des Gerichtsbilds begründet sogar die berühmte Lehre von den drei Einheiten … Entsprechend dem forensischen Ursprung der Tragödie ‚ist die Einheit des Ortes: die Gerichtsstätte; die Einheit der Zeit: die seit je – im Sonnenumlauf oder anders eingegrenzte des Gerichtstags; und die Einheit der Handlung: die der Verhandlung’ (Benjamin, Ursprung des deutschen Trauerspiels, 1928, S. 111)“. (Bloch, a. a. O., S. 286 – Zum Begriff des Forensischen: Es leitet sich vom lat. Forum als Gericht, Markt, Versammlungsort ab und meint historisch zuerst das Gerichtliche – später dann wandert der Begriff in die Gerichtsmedizin: z. B. Nachweis von Giftspuren; in die Pädagogik: z. B. als gerichtliche Erziehungslehre im Jugendstrafvollzug; in die Psychologie: z. B. als psychologische Vernehmungstechnik bzw. rechtspflegerische Anwendung von Psychologie und Medizin-Kenntnissen).
An anderer Stelle vermerkt Bloch, daß Bertolt Brechts Stücke die Eigentümlichkeit hätten, selbst noch zu lernen - sie also keine Thesenstücke seien, sondern Übungen, Einübungen, „Wirkvermittlungen“ körperlich-sozialer Art (vgl. Rainer E. Zimmermann: System des transzendentalen Materialismus. Paderborn 2004, S. 658, mit Bezug auf Gerd Koch, Gabriela Naumann, Gerd Koch (Hrsg.): Ohne Körper geht nichts. Berlin/Milow 1999), in die der absichtsvoll spielende Mensch mit „Teilen eigner Erfahrung“ einsteigen kann – so bewusst ziel-offen strukturiert sind die Lehrstückvorlagen Brechts.
Abschließend noch ein Blick in außereuropäische Theater- und Theatralitäts- bzw. Performativitätskulturen: In Lernphasen sozialrevolutionärer oder –reformerischer Befreiungsbewegungen hat es Formen des Entscheidungs- und Planungstheaters gegeben, die ein Problem bis kurz vor der der noch offenen Entscheidungsfindung aufführten und dann durch eine große Debatte Lösungsansätze ins Spiel brachten. Heute werden solche Ansätze in afrikanischen Gesellschaften – etwa durch basisdemokratisch legitimierte NGOs - als theatre for development variationsreich weitergeführt. Es stehen vermehrt ökologische, medizinische Thematiken und solche des gesellschaftlichen Wandels – besser gesagt: der Ausbeutung von Natur, Bodenschätzen, Landschaften, Menschen und ihrer Körper - auf der Agenda. Hinzukommt die Aufnahme indigener szenischer, performativer Formen des Aushandelns oder das Einbringen älterer, gewohnter sozialer Ordnungsweisen, z. B. ein althergebrachtes Konfliktmanagement durch Lachen und Komik. Die Theaterpädagogin und ethnologische Feldforscherin Angelika Wehr-Koita beschreibt auf ihrer home page ihre Erfahrungen aus Westafrika (die sie variiert nach Westeuropa transferiert) so: Innerhalb einer alten westafrikanischen Kultur von Bauern (Bambara, Mali) entwickelte sich das Koteba-Theater als beeindruckende Möglichkeit von gelungener gemeinschaftlicher Kommunikation und Erhaltung sozialen Friedens. Koteba ist eine Sprache, mit der sich die Bambara verständigen, mit der sie sich ausdrücken und ihr soziales Leben ordnen und organisieren. „Innerhalb eines begrenzten Spielraumes, in dem Ernst und Spaß sich verbinden, wird ein Ventil geschaffen, um Spannungen abzubauen und in komischer Form Defizite in der Gesellschaft zu thematisieren.“
Ich fasse zusammen
Es wurde von mir versucht, vielfältiges Material zum Wechselspiel von Theater und Geselligkeit zusammenzutragen. Sichtbar wird, daß ‚Natur’ über Körper und Leib ganz material im Theaterspiel Platz hat; ferner ist das Publikum leibhaftig und als Gesellung anwesend. Im Training des Theaterspiels kommen gesellige und natürliche Materialität zusammen (vgl. den Themenschwerpunkt zu ‚Körper – Theorie – Körper – Praxis’ der KORRESPONDENZEN. Zeitschrift für Theaterpädagogik; H. 40, 2002). Ferner werden Naturallegorien gebildet, bzw. ‚Natur’ als Natur der Gesellschaft/Geselligkeit konturiert Stücktexte. Erkenntnis- und Forschungsweisen von Naturwissenschaften werden zur Recherche, Dokumentation oder Stückkonstruktion und Wirkungsweise des Theatralen/Performativen herangezogen. Natur und Geselligkeit oszillieren und schärfen sich bzw. regen an, den Blick zu schärfen, bilden ein Wechselspiel im weiten Feld des theatralen, performativen Experimentalismus (formuliert in Anlehnung an Hauke Brunkhorst: Demokratischer Experimentalismus. Politik in der komplexen Gesellschaft. Frankfurt am Main 1998).
Das konkrete Leben in Natur und Geselligkeit „ist immer durch ein Fehlen gekennzeichnet, durch eine Lücke in der unmittelbaren Anschauung, welche die Erfahrung der Natur … zum Fragment werden läßt. Gerade die Differenz, aus der die Fülle unterschiedlichster Phänomene entsteht, das Spiel von Einheit und Vielheit läßt Weltwahrnehmung zu einer stets fragmentarischen Erfahrung werden. (-) Die Welt … von Kunst, Wissenschaft und Literatur angeregt, kann dieser Verlusterfahrung eines planetarischen Denkens entgegenwirken.“ (Ottmar Ette: Weltbewußtsein. Alexander von Humboldt und das unvollendete Projekt einer anderen Moderne. Weilerswist 2002, S. 56)




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4. Text zur Vorlesung "Soziale Kulturarbeit" im WS 2005/6
03.01.2006

Gerd Koch

Das Lesebuch Stadt und theaterpädagogische Aktivitäten als Hinzufügung von Extraseiten

Beim Besuch der Ausstellung (2002 in der Berliner Akademie der Künste/Archivgebäude) zur Ehre des romanischen Brecht-Schülers Benno Besson fand ich diesen Satz von ihm, nach dem ich mich gerne richte: Benno Besson sagte, er wolle „mit der Wirklichkeit (Theater) spielen“. Ein guter Vorschlag!

“Berlin uff de Spur“

1987 feierte Berlin sein 750jähriges Stadtjubiläum. Der Landesjugendring Westberlins veranstaltete aus diesem Grund ein dreiwöchiges Camp im idyllischen, fast dörflichen Nordwesten Berlins (in Alt Heiligensee) mit Jugendlichen aus der BRD und aus europäischen Staaten unter dem Titel „Berlin uff de Spur“ – also Spurenwahrnehmung, -sicherung, -gestaltung und -hinterlassung in Berlin (West). Eine Inszenierung der Ergebnisse in der damals noch leeren und brüchigen Fabrik Osloer Straße (jetzt Kindermuseum Labyrinth) stand am Ende.

Zum Glück waren viele Sprachen vorhanden, die wechselseitig nicht beherrscht wurden, so daß non-verbale, theatrale Übungen, Erkenntnisweisen, Sinnlichkeiten, erstaunte Blicke von Quasi-Ethnologinnen usw. unsere Verkehrssprache wurden. Auch TheaterSpiel-Vorerfahrungen fehlten. Das führte dazu, daß wir (ich beziehe mich als teamer mit ein) dünnhäutiger wurden, um die Sprache/n der Stadt an uns/in uns herankommen zu lassen. Wir machten abstrakte Theaterübungen und warming ups auf öffentlichern Plätzen: Die Stadt in Form etwa erstaunter BürgerInnen sprach uns daraufhin nicht selten an. Wir umarmten ganze Häuser, maßen sie durch unsere Körperabmessungen aus und integrierten so Dimensionen der städtischen Bausubstanz. Wir besuchten am selben Tag das bescheidene preußische Humboldt-Schlößchen in Berlin-Tegel: Seine griechischen Skulpturen sind aus Gips nachgeformt und auf Drehsockeln/Rolltischen montiert, so daß meditativer und rationaler Perspektivenwechsel in kleinen Räumen möglich wird. Die Treppe im Haus hat nur auf der ersten wie letzten Trittstufe einen Marmorbelag – alle anderen Stufen sind aus Holz, mit geschickter Marmorierung versehen, durch Maler erstellt. Das bescheidene Preußentum. Kontrastiv – am selben Tag – der Besuch eines Obdachlosenwohnheims am Friedrich-Olbricht-Damm in Berlin-Charlottenburg-Nord am Spandauer Schiffahrtskanal. Die ursprüngliche Nutzung des Heims war im Dritten Reich: Unterbringung von sog. Fremdarbeitern, um aus der Stadt Berlin nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg die europäische Zentralstadt Germania entstehen zu lassen. Neben dem Heim eine riesige, ebenerdige Betonplatte zur Lagerung von Material und Fahrzeugen: die sog. Speer-Platte. Das Wohnheim mit bunkerartigen Mauern und einer im Keller befindlichen Duschanlage, die uns Besucher an die faschistischen Vernichtungsgaskammern erinnerte. Mauern, Steine, Einrichtungen sprechen – und wir ließen uns ansprechen, sowohl im Obdachlosenheim, wie bei ‚Humboldtens’ im kleinen Schlößchen. Zum Teil nahmen wir materiale Fundsachen zusätzlich zu den in uns abgelagerten Erlebnissen mit auf das Camp in Alt Heiligensee - gewissermaßen in unser Kloster, um an einer Revue der Eindrücke (das war auch wörtlich, körperlich zu nehmen) zu arbeiten. „Stadtleben einst und jetzt“ wurde das Thema der Präsentation in der Fabrik Osloer Straße. Eine Regie entwickelten die Jugendlichen durch das Hinterlegen der Szenen mit ihren Lieblingsmusiken von der Kassette: Das schaffte ihnen personale Nähe; zusätzlich gab die Musik ein Zeitmaß für ihre Auftritte, und sie war Störungs- und Verstärkungsfaktor der Szenen zugleich.

„Brüche, Risse in der Stadt“

1993 moderiert Ulrike Hentschel, damals Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule der Künste Berlin (HdK), Ferienkurse (eine gute Tradition des Hauses). Ich bin einer der Dozenten und biete an: „Brüche, Risse in der Stadt“. Angeregt zu solch einem Thema wurde ich mindestens durch dreierlei:

(1) Meinen Theater-Gewährsmann Bertolt Brecht hatte ich immer – auch und sehr stark – als urbanen Dichter verstanden („Städtebewohner“ & „Der Soziologe ist unser Mann!“), der gerade für dieses Stadt-Leben anti-metaphysisch produzierte und urbane Literatur- und Theatergattungen entwickelte – gegen die sog. Dumpfheit des Landlebens, wie Karl Marx sich erfrechte zu sagen.

(2) Die Tradition der Flaneure Berlins, der genau blickenden Feuilletonisten wie Franz Hessel, Walter Benjamin, Siegfried Kracauer, auch Kurt Tucholsky (die systematischen Germanisten bitte ich um Entschuldigung für das Weglassen von Differenzierungen) – dieses „Spazieren in Berlin“, war eine weitere Anregung.

(3) Hinzu kam eine Anregung vonseiten der Malerei. Mein Hamburger Freund, der Maler Heiner Studt, hatte Fahrradfahrten durch Berlin (jetzt Ost und West) mit der Kamera gemacht und immer dort fotografiert, wo Widersprüchliches, Aneckendes, Rauhes u. ä. war. Da wurde er sehr fündig – auch im Trainieren sinnlicher Historizität, ganz im Sinne eines Heiner Müller, der die Blessuren der letzten Kämpfe um Berlin durch Hitlerjugend und Volkssturm immer noch ‚eingemeißelt’ sah in den Fassaden der Berliner Häuser. Oder: Sichtbar wurde, wie vielen Häusern immer noch das Dach fehlt: Folge von Phosphorbomben. Heiner Studt entwickelte aus solchen Materialien Druckgraphik und auch seine sog. Großen Hand-Drucke und einen Graphik-Bildband mit dem Titel „Rotverschiebung Juli 1990 Berlin Deutschland“. Warum sollte ich nicht so ähnlich im theatralen Feld arbeiten wie er im bildnerischen? In dem von Birgit Jank und Uwe Reyher herausgegeben Band „Ganz Aug’ und Ohr“ habe ich über diese Arbeit an der HdK berichtet.

“Straßen(namen)erzählen“

Immer wieder und sehr bescheiden und wenig systematisch begründet und ausgewertet werden Programme zur Bekämpfung des Rechtsradikalismus aufgelegt. Aber immerhin hilft die nach komplizierter Antragsstellung kurzfristig gewährte Finanzspritze kleinen Theater-Initiativen etwa, eine Sache auf die Beine zu stellen oder eine schon länger dauernde Sache zu verfestigen, z. B. durch die Einstellung einer professionellen Theatertrainerin. So auch beim Mobilen Unterhaltungs-Theater (MUTh), das ich seit Jahren mit Studentinnen und Studenten und Absolventen der Alice-Salomon-Fachhochschule (ASFH) und mit professionellen und semi-professionellen Spielerinnen und Spielern betreibe. Dieses Theater existiert immer dann, wenn es gebraucht wird (eine Institution innerhalb eines Ansatzes des Gebrauchstheaters) - z. B. wenn studentische, also seminaristisch entwickelte Theaterstücke öffentlich aufgeführt werden, dann geschieht das unter dem Titel einer „Aufführung des ‚Mobilen Unterhaltungs-Theaters’“. Dieses Theater kooperiert mit der Gesellschaft für Theaterpädagogik und gewinnt so von Fall zu Fall ein außerakademisches Profil.

Das MUTh nun hatte ein Pogramm zur Erhöhung städtischer Nachbarschaftskommunikation entwickelt – das Programm „Straßen(namen) erzählen“ – ein stadtsoziologisches und zeithistorisches Programm namentlich für die östlichen Bezirke Berlins (hier: Hellersdorf, Kaulsdorf, Marzahn, Biesdorf). Denn dort waren in der DDR geläufige Straßenbezeichnungen nach der Wende geändert worden. Irritationen traten auf. Auch wurden neue Straßen und Gassen in Neubauvierteln errichtet, die nun Namen trugen, die mit der DDR-Tradition öffentlich nicht verbunden waren – obgleich zur DDR-Tradition gehörig, wie etwa die Namen des Philosophen Ernst Bloch oder des Lyrikers und einstigen Chefredakteurs der Zeitschrift „Sinn und Form“, Peter Huchel. Diese Fremdheiten nahmen sich nun Theaterspielgruppen des MUTh und der ASFH im Fach Theorie und Praxis der Sozialen Kulturarbeit vor, um kleine, flexible, einfache, auch kabarettistische oder dokumentar-theaterhafte Szenen zu entwickeln, die in den Straßen, auf Plätzen in Einkaufspassagen, in Seniorenclubs, im „Weiten Theater“ in Hellersdorf, im EU-Projekt „Lernende Region“ oder im Bezirksmuseum gezeigt werden konnten.

Die zugrunde liegende politische und stadtsoziologische These lautete: Man sollte schon wissen und sich vertraut machen, wessen Namen trägt meine Straße, warum es eine Veränderung gab, was war vorher … Vertraute Nachbarschaftlichkeit als Minimierung von gemeinschaftlicher Entfremdung durch theatrale Gemeinwesenarbeit – community work – theatre work in social fields.

Die Szenen dauerten zwischen 10 – 25 Minuten und konnten je nach Bedarf entkoppelt und neu gekoppelt werden. Die Theaterleute ließen sich von den Straßennamen ansprechen und bildeten nun ihrerseits durch ihre Sprache(en) einen stadtsoziologischen input, eine „Weltergänzung durch Poesie“ (wie man zur Literaturfunktion der Romantik sagte). Die kurzen Szenen, ihre z. T. Kontrast-Montage (das Vorher–Nachher bei den Namensgebern), ihre Kettung von verschiedenen Namensträgerinnen ließen ein flüchtiges Wahrnehmen durch Passanten zu – bei gleichzeitiger Bindung an Wiedererkennungseffekte durch die vertrauten oder erst vertraut werdenden Straßennamen. Neue, kleine Erzählungen der Theaterleute regten Passantengespräche an – und die Spielerinnen und Spieler machten subjekt-nahe historische Lernprozesse mit sich durch, weil sie sich biographisches und literarisches Material der NamensgeberInnen erarbeiteten, was häufig zu Nachfragen im privaten Familienkontext der meist jüngeren Spielerinnen und Spieler führte, so etwa als für die Entwicklung der Szene zum Philosophen Ernst Bloch verschiedene Interpretationen von Ernst Blochs Lieblingssong, der „Seeräuberjenny“ von Weill/Brecht, in der Familie einer Spielerin aufgestöbert werden konnten. In der Szenenfolge zu Maxie Wander erfolgte ebenfalls ein Transfer von theatralem Lernen in der Theaterspielgruppe in familiare Kommunikation. Die Lesebereitschaft ist im übrigen gewachsen – und vonseiten der Studentinnen und Studenten, die sich bei Durchführung des Straßennamen-Unternehmens im 1. und 2. Semester der Sozialarbeit und Sozialpädagogik befanden, sind vermehrt Projekte im Hauptstudium gewählt worden, die Kultur- und Theaterarbeit integrierten. Die beiden mitwirkenden Theaterpädagoginnen/-trainerinnen (HdK-Absolventinnen) sind im Lehrauftrag und als Leiterin der aus dieser Arbeit begründeten Studiobühne der ASFH tätig.

Erleichtert wurde die Theater- und dramaturgische Arbeit dadurch, dass die NamensträgerInnen häufig aus künstlerischem Herkommen waren: Maxie Wander, Peter Weiss, Nelly Sachs, Fritz Lang, Ernst Bloch etwa. Und: Das MUTh hatte den ehemaligen Leiter eines Heimatmuseums als Mitarbeiter; der war auch maßgeblich an der Begründung der Neubenennungen beteiligt. Es war ferner ein Stadtteilchronist dabei, der über ein reichhaltiges Fotoarchiv und über eine Vielzahl von Anekdoten verfügte. Stadtteilerkundungen wurden durchgeführt. Zusätzlich konnte eine Theaterpädagogin finanziert werden (s. o.).

In den weiteren Kontext solcher stadtbezogenen, sozial- und regional verankerten städtischen Kulturarbeit mit Theater gehören drei andere Aktivitäten, die ich betreibe:

(1) Aus aktuellen Anlässen veranstalten wir eine Lesebühne, ein Lesetheater (ganz bewußt wird schnell produziert: Theater wie eine Zeitung – ‚Druckfehler’ werden zähneknirschend akzeptiert …, raue, schräge Töne auch … (siehe Rolf Schwendters Buch zum Lesetheater aber auch das Zeitungstheater eines Augusto Boal). Wir traten zum 70. Jahrestag der Bücherverbrennung mit einer Lesung zum Leben im südfranzösischen Exilort Sanary-sur-Mer auf. Hier lag bereits eine Textgrundlage aus Erinnerungen von SchriftstellerInnen vor. Eine Lesebühne zum Tagebuch einer Insassin des KZ Ravensbrück wurde eingerichtet: Ihr Tagebuch wird unter Anleitung einer Tutorin, die das Tagebuch transkribiert hat, einem Schauspieler und Theaterpädagogen und mir durch StudentInnen in theatrale Formen gegossen und ist mehrfach zur Aufführung in der Stadt und im luxemburgischen Geburtsort der Verfasserin gekommen.

(2) Narrative Interviews mit sehr unterschiedlichen Personen sind durch Studierende geführt worden. Dieses Material mußte von ihnen zu einem experimentellen Roman montiert werden. Da treffen sich dann Leute in ihrem Original-Ton, die nie zusammengekommen sind. Diese Romane wurden öffentlich in inszeniertem Rahmen in Auszügen vorgelesen (das Vorlesen wurde trainiert), und zwar in der Kulisse eines Salons (aufgebaut in der ASFH), in einer Kneipe im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, die nur einmal wöchentlich geöffnet hat, als Kneipen-Lesung inmitten der Gäste - wobei sich die Lesenden im Habitus von Gästen nicht unterschieden: sie waren es eben auch und auch nicht oder doch, aber anders – wie das so ist in der Alltagstheatralität nicht nur dieser Kneipe, die obendrein auch noch „Privatwirtschaft“ heißt. Die dritte szenische Lesung fand in der Reihe der Literarischen Nachmittage in der Wohnung eines Dozenten mit anschließendem Essen statt.

(3) Im Jugendkunstzentrum „Gérard Philipe“ in Berlin-Treptow machen wir im zweiten Semester regelmäßig ein „ErzählTheaterCafé“ mit biographischen Zeitzeugen-Erzählungen. Dieses Modell führen wir, das sind Stephan Wesseling als Schauspieler und Theatertrainer, und ich als ErzählModerationsTrainer durch. Das Unternehmen funktioniert wie eine kleine Firma (in Hinblick auf Werbung, langfristige Planung, Austausch von Erzählerinnen, Kooperation mit ähnlichen Ansätzen in der Stadt). Das „ErzählTheaterCafé“ geschieht konzeptionell so: Das Zeitmaß ist etwa 2 Stunden. Ein Raum ist wie ein Caféhaus gestaltet. Tee, Kaffee, Gebäck sind vorhanden. Eine Spielfläche und/oder Bühne ist eingerichtet – aber nicht vorherrschend. Der Platz der ErzählerIn ist nicht hervorgehoben, sondern seine Situierung erfolgt nach dem Satz des Schauspielers und Kulturhistorikers Egon Friedell: Im Café kann man sehr schön allein unter vielen anderen Menschen sein. Ein Moderator/eine Moderatorinnengruppe hat nach einem Anbahnungsgespräch mit der Erzählerin die Erzähl-Gesprächsleitung (das Muster des dreiphasigen narrativen Interview-Modells steht hier Pate). In Koordination mit dem TheaterSpielLeiter erfolgen Unterbrechungen des Erzählflusses. Aufgrund von Erzählimpulsen werden kleine Szenen gespielt, die ihrerseits den Erzählfluß stimulieren sollen/können (wer will, mag an Impro- und Playbacktheater denken). Wir haben mittels der zweisemestrigen Erprobungsphasen deutlich erkannt, daß das Übungsmaß für die TheaterspielerInnen weitaus größer sein muß, als das der Moderation. Die Theatergruppe muß mindestens ein Semester Vorlauf haben bzw. ein doppeltes Stundendeputat. Auch merken wir, dass Studierende eigentlich ‚richtig’ Theater spielen wollen und mit dem Erbringen einer Serviceleistung nicht zufrieden sind. Vielleicht sollte man hier Personen engagieren, die schon in anderen theatralen Verhältnissen stehen. Um darauf zu reagieren, haben wir nun zwei Varianten in Augenschein genommen: Um den Spielerinnen und Spielern mehr Übungszeit zu gewähren, findet nur jedes zweite EzählCafé mit TheaterEinlagen statt oder es soll nach etwa vier ErzählCafés aus den dort erworbenen Kenntnissen usw. durch die TheaterGruppe ein längeres Stück entwickelt werden, was am Ende alle ErzählTermine und die erfaßten Impulse integriert als „TheaterCafé“ oder „CaféTheater“ ohne aktive ErzählerInnen –gleichwohl könn(t)en sie eingeladen werden.

So wird auf verschiedene Weise einer Stadt etwas hinzugefügt, was auch in ihr entstanden ist.

Literatur

Cronin, Bernadette/Roth, Sieglinde/Wrentschur, Michael (Hrsg.) unter Mitarbeit von Gerd Koch und Florian Vaßen A Training Manual for Theatre Work in Social Fields. Frankfurt am Main 2005.
Domkowsky, Romi/Koch, Gerd/Winkler, Dieter: Straßen(namen) erzählen. In. Göhmann, Lars (Hrsg.): Theater wi(e)der Wirklichkeit. Lingen (Ems) 2001, S. 106 ff.
Erhard, Ulrike: Literarisches Exil in Sanary-sur-Mer in den dreißiger und vierziger Jahren. In: Koch, Gerd (Hrsg.): Literarisches Leben, Exil und Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1996, S. 63 ff.
Hoppe, Hans: Theater und Pädagogik. Münster 2003.
Koch, Gerd: Verfremden. Lehren aus einer ästhetischen Praxis für die Bewältigung der uns umgebenden Normalität. In: Jank, Birgit/Reyher, Uwe (Hrsg): Ganz Aug’ und Ohr. Obertshausen 1994, S. 70 ff.
Koch, Gerd/Roth, Sieglinde/Vaßen, Florian/Wrentschur, Michael (Hrsg.): Theaterarbeit in sozialen Feldern/Theatre Work in Social Fields. Frankfurt am Main 2004.
Koch, Gerd: Exemplarische Ansätze von kleinen literarischen Öffentlichkeiren – theaterpädagogisch begründet. In: Blickwechsel. XI. ALEG-Kongreß 2003. Akten. Band 2. Sao Paulo 2005, S. 41 ff.
Schwendter, Rolf: Lesetheater. Wien 2002.
Steinweg, Reiner (Hrsg.) unter Mitarbeit von Gerd Koch: Erzählen, was ich nicht weiß. Berlin, Milow, Strasburg 2006.
Studt, Heiner: Die großen Hand-Drucke 1990 – 2001. Frankfurt am Main 2002.
Studt, Heiner: Rotverschiebung. Juli 1990. Berlin. Deutschland. Eigenverlag (30 Ex.) Heiner Studt, Karolinenstr. 2 a, Haus 4, 20357 Hamburg.

(Eine frühere und von dem hier veröffentlichten Text etwas abweichende Fassung erschien in KORRESPONDENZEN. Zeitschrift für Theaterpädagogik, H. 44)




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3. Text zur Vorlesung "Soziale Kulturarbeit" im WS 2005/6
03.01.2006





Brief an eine anonyme Studentin, einen anonymen Studenten


Hallo, hallo! Herzlich willkommen im THEATER BERLIN!

Das Land Berlin ist so klein, daß es nicht genügend junge Menschen mit Abitur hat, um seine Universitäten und Hochschulen zu füllen. Deshalb brauchen wir hier viele studentische Zuwanderer, so daß die akademischen Bürgerinnen und Bürger Berlins zum allergrößten Teil Neu-BerlinerInnen sind. Und da Berlin nun bekanntermaßen eine Metropole ist, ein urbanes Monstrum, was es in der Republik sonst nicht gibt, sind die Neu-BürgerInnen mit manchem konfrontiert, was sie so intensiv und dauerhaft bisher nicht kannten.

Am Beispiel des Theaters gesagt: Es kann einem Neuling in Berlin passieren, daß er ein Theater, das er besuchen will, nicht findet oder nur schwer findet oder am Theater vorbeiläuft. Denn er stammt aus der Nähe einer schmucken süddeutschen Fachwerk-Kleinstadt, die selbst kein Theater hat, so daß man dort, wenn man ins Theater wollte, in die nahe gelegene ehemalige Residenz- und Kurstadt ging, und da fand man das Theater ohne Probleme, so wie man die Kirche oder das Stadtschloß oder das alte Gericht findet. Dort zeigen Theatergebäude tempelhafte Klassizität mit Säulen griechisch-römischer Art, mit Freitreppenaufgängen, mit einem Platz davor. Unübersehbar: Kultur! (Nebenbei: Solche Gebäude haben wir natürlich auch in Berlin).

Und obendrein hat man meist kein Problem, wenn man dort Lebende nach dem Theater fragen sollte. Man wird nicht zurückgefragt: Welches meinen Sie denn? Das könnte einem in Berlin passieren – wenn die Befragten sich denn überhaupt fürs Theater interessieren – es gibt halt viele.

Oder Sie finden einen Theaterfan in Berlin, der sich längst für sein Theater aus dem Riesenangebot entschieden hat und Ihnen nur das empfiehlt.

Oder Sie finden in Berlin einen Experten der Theaterszene, der ihnen einen Theater-workshop-Geheimtip nennt oder ihnen sagt: Gerade ist der oder die aus Kanada (früher Brasilien) als Theater-Guru endlich mal wieder zum workshop in Berlin: Da musst Du hin; es gibt aber keine Plätze mehr; aber am Freitag ist um 0.30 Uhr (so etwa um diese Zeit, komm rechtzeitig, es kann aber auch später werden …) im 5. Stock, Fabrik-Hinterhof, der XY-Straße (Hausnummer weiß ich nicht so genau; aber Du siehst da auf den Bürgersteig-Platten einen in weißer Farbe gemalten Pfeil – dem einfach folgen …).

Lehren für den Theaterbesuch in Berlin: Vergiss die gewohnten Vorstellungen vom Theater – in Bezug auf Gebäude, denke lieber an locations. Und in Bezug auf die inhaltliche Seite: viele workshops zum Mitmachen gibt es (von Therapie bis zur avancierten Ästhetik mit hoher internationaler Reputation auf Festivals). Auch die Uhrzeiten, wann was stattfindet, sind immer verschieden. Und verlaß Dich nicht auf das einmal Gemerkte: manche Theater sind Eintagsfliegen oder ihnen werden preiswerte Räumlichkeiten (Fabriketagen, Keller, Lagerräume, aufgelassene Schwimmbäder, das ehemalige Reichsbahn-Ausbesserungswerk, als RAW-Tempel bekannt), Brauereigelände, ehemalige Heizkraftwerke) gekündigt bzw. die sog. staatliche (also steuernbasierte) Förderung entfällt, so daß eine schöne Theaterzeit gezwungen wird, zu Ende zu gehen.

Sie werden etwas Schönes bemerken: Es ist bei den so richtig etablierten Staats- oder kommunalen Theatern in Berlin so ähnlich wie bei der Kaffeemarke Tchibo: Neben Kaffee wird ja dort allerhand alltäglich Nützliches und Unnützes angeboten, auch sog. Schnäppchen. Das Modell finden Sie modifiziert auch bei diesen etablierten Theatern. Sie erinnern sich an ihre kommunikative Herkunft (teatron als Schauplatz - Agora, Forum, Arena) und bieten deshalb viel um die Aufführungen auf der Bühne an – demonstrieren ein sehr umfängliches Verständnis von Theater.

Beispiele: Die Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin hat einen „Streitraum“ eingerichtet; die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ist ein Ort, der Zeiten zur Organisation politischer Praxis organisiert (sei es zur Stadtplanung, sei es zum Glück- und Unglück der Arbeitslosigkeit oder zur Befreiung von Lohnabhängigkeit) und es betreibt im Sommer nach dem Konzept seines erweiterten Theaterbegriffs die „Rollende Road-Schau“: Es ist „Programm der Volksbühne, ganz unterschiedliche Formen des Theaters und der Unterhaltung spezifisch zum Ort der Aufführung auszurichten und unters Volk zu bringen. Mit einen Arbeiter- und Bauernfrühstück fängt’s heute an, gefolgt von meditativem Yoga am Brunnen der Völkerfreundschaft. Die Tage sind gespickt mit unzähligen Aktionen und Events, vom ‚Ahnenamt’ bis zur Hundeschau. Und wer seine alten Sommerklamotten aufpeppen will, der kann vom kostenfreien Aufbügelservice der Volksbühne Gebrauch machen: einfach Rock und Hose mitbringen!“ (DSES: Keine Macht der Agoraphobie, in: die tageszeitung/TAZBERLIN: tazplan, 22. 6. 2005, S. 26); das Theater-Kombinat HAU (= Hebbel-Theater am Ufer) greift die mittel-ost-europäische Kiosk-Kultur als theatrales, szenisches, performatives Geschehen, als Markt, als Gesellschaft/als Geselligkeit auf oder stellt das sog. simple life als real life zur Betrachtung auf die Bretter des Theaters, die eine andere Welt bedeuten und begleitet solches Tun neben der sinnlichen Schau auf Spielflächen mit einem Kongreß (siehe den Bericht von Marc Mülhaupt/Edith Treder: Simple Life – Real Life, In: KORRESPONDENZEN. Zeitschrift für Theaterpädagogik, H. 46 (2005), S. 66 ff.). Das Maxim-Gorki-Theater (meist kurz GORKI genannt) seinerseits baut Studenten-Theatergruppen mit sog. Amateuren auf, die aber ihrerseits Experten in den Wissenschaften sind: Gorki goes sciences wäre der Ansatz zu benennen. Man beteiligt sich am „Jahr der Chemie“ (Bärbel Jogschies: Theaterpädagogik zum Jahr der Chemie, in: KORRESPONDENZEN. Zeitschrift für Theaterpädagogik, H. 45 (2004), S. 33 ff.), man spielt im alterwürdigen Robert-Koch-Hörsaal des Instituts für Mikrobiologie und Hygiene der Humboldt-Universität zu Berlin und spielt mit seiner Aura und dem knirschenden Parkett und den Emporen, aus denen dann Veroneser Balkone für die Romeo-und-Julia-Liebesgeschichte werden könnten. „Wissenschaftstheater“ nennt man es: „Das gemeinsame Anliegen aller Beteiligten ist es dabei, den wissenschaftlichen und künstlerischen Diskurs über die Fächergrenzen hinweg zu beleben“, z. B. durch das Stück „Unbefleckt“ über „Sex im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“: „Der Autor und Wissenschaftler Carl Djerassi, Vater der Antibabypille, stellt mit ‚Unbefleckt’ in einer Zeit, in der nichts mehr unmöglich scheint, die Frage nach der Ethik und Transparenz wissenschaftlicher Forschung. Er unterrichtet und unterhält das Publikum in einem … zur ‚Langen Nacht der Wissenschaften’ wird er anwesend sein und sich zusammen mit Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen der Diskussion stellen.“ (GORKI Brief vom 27. 5. 04)

Wissenschaftliche Institute ihrerseits stellen die materielle Geschichte ihrer Fächer in einer Ringvorlesung unter dem Titel „Bühnen des Wissens“ vor (eingebettet ist das Unternehmen in das DFG-Forschungsprogramm „Kulturen des Performativem“, siehe die beiden Bände (Katalog, Essays): Theater der Natur und Kunst, hrsg. von Horst Bredekamp u. a. Berlin 2000). Hier wird nicht (nur) die Bühnen- oder Theatermetapher strapaziert. Nein, es geht über Wunderkammern hin zum sog. Anatomischen Theater, in dem in aller theaterhaften Öffentlichkeit seziert, vorgeführt wurde, und zwar so, daß das Publikum sowohl das Geschehen am Seziertisch wie sich selber beobachten konnte: Eine öffentliche Vorführung von Wissenschaft und ihrer Rezeption.

Man nehme die Stadt selbst als Riesen-Theater, als Spektakel! Wenn Sie über ein Semesterticket verfügen, dann laufen Sie einfach mal los, tags oder nachts (Polizeistunde gibt es nicht), verirren sich (nutzen erst dann Ihr Ticket für Bus U-Bahn, S-Bahn, um sich wieder zurechtzufinden), bleiben an irgendeiner Ecke mal stehen, gehen in Hinterhöfe, schauen zu Hinterhäusern des Berliner Mietshauses aus dem 19. Jahrhundert (in feineren Stadtbezirken wird das Hinterhaus Gartenhaus genannt), nehmen auch das, was wild plakatiert wird, wahr. Blicken in Schaufenster, auch solche von Kneipen und Restaurants (da findet man übrigens leicht Hinweise auf Theateraufführungen). Platzieren Sie sich auf Parkbänken – hören zu: was die Alltagsschauspieler, -Sprecher, -performer so von sich geben und wie Sprachen sich mischen. „Wir alle spielen Theater“ bzw. „The presentation of self in everyday life“ (wie das Buch von Erving Goffman im Original heißt) – hier im öffentlichen Leben wird so etwas ganz plastisch. Nehmen Sie weiter sinnlich wahr: Riechen Sie die Stadt: Auto-Abgase werden immer mitgeliefert, aber das Landschaftsschauspiel der Parks und Straßenbäume mischt sich ein – vornehmlich während der Lindenblüte im Frühsommer oder morgens bei Sonnenaufgang, der übrigens etwa eine halbe früher als in Köln oder Saarbrücken stattfindet. Und, wenn Sie nachts unterwegs sind: Viele Clubs und Plätze und nur zufällig und zeitweise da und sind echte performances, bei denen es die alte Trennung von Publikum und Spielern gar nicht mehr gibt.

Ein Berliner Bezirk hat häufig kein gute image, ist aber gleichwohl theater-kulturell hervorragend und differenziert ausgestattet: Eigene Oper, preisgekröntes Bezirksmuseum, Galerien, Puppentheatermuseum, Figuren-Theater Kobalt, Saalbau für Theater, Café Rix usw. usw. Es ist der Bezirk Neukölln, der all das und mehr bietet. Oder dies in Berlin-Kreuzberg, wo man’s auch nicht unbedingt gerade dort erwartet: Ein sozialpädagogisches Institut (Stiftung Sozialpädagogisches Institut Berlin/SPI) leistet sich eine künstlerisch qualifizierte Ausbildung zum Theaterpädagogen/zur Theaterpädagogin (gute Vorbereitung dafür und darüber hinaus fürs Kulturgut Theater generell kann durch das „Wörterbuch der Theaterpädagogik“ geschehen, hrsg. von Gerd Koch und Marianne Streisand im SCHIBRI Verlag).

Die Straße überhaupt, wie auch Marktplätze oder Brachen und Parks, sind szenische Angebote, derer sich die Theater interessierten Menschen zuwenden sollte. Und auch die politische Geselligkeit findet hier ihre örtlichen Realisierungen – Stichwort: Wiedereroberung der Straße etwa mittels Demonstrationen im Zentrum oder bei Straßenfesten in den Regionalzentren der Stadt (beachte die Verkehrshinweise der lokalen Radiosender) – als Herstellung, als Manifestation von (Teil-)Öffentlichkeit(en). Eine szenische Kultur, eine gesellschaftliche Theatralität als Verhältnis von anderen Schau-Elementen etwa realisiert sich – wird Teil einer geselligen „Natur der Stadt“ (Heide Berndt): Die Stadt als urbanes Naturschauspiel! [Falls Sie ein Philosophie-Seminar besuchen, verwickeln Sie doch mal die Lehrperson in ein Gespräch über den Philosophen Ernst Bloch – Hauptwerk „Das Prinzip Hoffung“ – und dessen Aufsatz: „Übergang: Berlin, Funktionen im Hohlraum“ (zu finden in seinem schönen, wichtigen Buch: Erbschaft dieser Zeit. Frankfurt am Main 1973, S. 212 ff. – eine ausdrucksstarke Stadt-Philosophie über Berlin, die Stadt, die irgendwie nie fertig wird].

Wer sich für Theater interessiert, sollte versuchen, auch über Hinweise zu Ausstellungen, Konferenzen ans Theater zu kommen, denn Theatrales verbindet sich häufig mit Themen, die dort verhandelt werden oder man verhandelt über Theateraktionen verschiedene Themen. Außerdem ist der Konnex von Therapie und Theater wahrzunehmen – oder man wird bei den Stichworten Zirkus und Artistik als theater-interessierter Mensch fündig.

Machen Sie es so, wie der Aktionskünstler Wolf Vostell es an Beispiel von Paris erkannt hatte: Er nennt in den 50er/60er Jahren die Straße seine Bühne, die Bühne für seine Kunst, seine sog. happenings – also Geschehnisse. Die Straßen von Paris mit ihren Plakatwänden und den zerrissenen, fragmentarisierten Informationen dort und an anderen Stellen sind ihm schon Bühne und Bühnenbild und Bühnenraum und Text, was ihn auffordert, darin ebenso widersprüchlich, provokativ, impulsiv zu handeln. Nehmen Sie die Stadt als Theater, als theatrales Geschehen, als performance wahr – und Sie werden wandernder Mitspieler und Zuschauer. Da haben Sie einen Bühnenraum, ein Bühnenbild, eine riesige Mitspielerschar – alles größer als im Cinema-Scope-Breitwand-Kino. Wolf Vostell war (gestorben 1998) übrigens der, der einen Cadillac-Straßenkreuzer halb in Beton gegossen hat – zu sehen ist seine Riesenskulptur am westlichen Ende des Kurfürstendamms, nach einem Besuch der Schaubühne am Lehniner Platz in Richtung Halensee gut zu erreichen (und im Spanienurlaub gibt es mehr von Vostell mitten in der Estremadura bei Malpartida de Cáceres zu sehen).


Allgemeine Tipps
Berlin hat mehrere Hochschulen, die fürs Theater ausbilden und selber manchmal preiswerte Präsentationen von Arbeitsergebnissen oder offene Seminare anbieten: Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst, Universität der Künste, aber auch die Musikhochschule Hanns Eisler. Ferner bieten Schulen Theateraufführungen aus ihren Leistungskursen zum sog. Darstellenden Spiel/Theater: da gibt es höchst Innovatives zu sehen, z. T. auch Produktionen, die in ständiger Kooperation mit hiesigen Theatern entstehen (Projekt TuSch = Theater und Schule – ein Festival der Inszenierungen findet jährlich im JugendKulturZentrum PUMPE in der Lützowstraße in Berlin-Tiergarten statt – aber in diesem ehemaligen Wasserpumpwerk ist noch mehr los, arbeitet dort doch auch das „theater daktylus“). Die Kinder- und Jugendtheater sind nicht längst nicht mehr kindertümelnd, sondern Theater für Menschen, die sich unverstellte, neugierige Blicke auf die Welt wünschen: sie bieten Jugend- und/oder Studenten-Theaterclubs an, die von Theaterpädagoginnen geleitet werden.

Was früher mal „Jugendfreizeitheim“ hieß, sind mittlerweile Kulturzentren geworden, mal mehr stadtteilbezogen, mal weniger, z. T. mit Theaterschwerpunkt [etwa „Weiße Rose“ in Berlin-Schöneberg in Kooperation mit der „Theaterproduktion Strahl“ oder das Kulturzentrum „Schlesische(Straße) 27“ in Kreuzberg oder das KREATIVHAUS in Berlin-Mitte auf der Fischerinsel).

Das „Theater der Erfahrungen“ ist der Schirm, unter dem sich verschiedene Theatergruppen der Stadt treffen, die mal vom Seniorentheater ausgingen, aber mittlerweile zum
Mehr-Generationen-Ansatz gekommen sind und zum Glück auch wissen, daß in Berlin Menschen aus zig verschiedenen Kulturen und Nationen beheimatet sind, die theatral auch was zu sagen haben. Tiyatron ist ein vielseitiges, jenseits von Folklore agierendes Theater (in türkischen Supermärkten liegen Infos aus); aber auch andere Bevölkerungsgruppen (etwa nahe liegend in russischer, polnischer Sprache) artikulieren sich szenisch, theatral, performativ, musikalisch durch Ausstellungen und multimediale performances in Galerien. Festivals ergänzen das weite Angebot. Der im Frühjahr stattfindende Karneval der Kulturen wird über die „Werkstatt der Kulturen“ organisiert (und sie macht beständig noch vielmehr).

Berlin hat eine Zeitschrift, die kompetent über die Jugend-, Amateur- und Kindertheaterszene informiert: SpielArt. Und: Täglich liefert der Berlin-Teil der taz (die tageszeitung) den „tazplan“: die beste tägliche Mischung, die das Planen erleichtern soll und kann (weil prononcierte Akzente gesetzt werden), aber manchmal ist es zu viel, was die Stadt bietet, so daß man gar nichts macht. Immerhin sollen pro Tag etwa 3000 verschiedene Veranstaltungen auf die Bewohner niederregnen, also pro 1000 Bewohner eine Veranstaltung (was ja so gesehen gar nicht so viel ist).

Theater, Museen, Filmhäuser, Literaturhäuser, Kulturzentren (wie das „Haus der Kulturen der Welt“) geben Infoblätter heraus, die man abonnieren kann oder man lässt sich per mail regelmäßig informieren. Radiosender liefern ebenfalls Theater- und Performance-Infos. Das Fernsehen kann man hierfür echt vergessen.

Die sog. Stadtzeitungen wie Zitty oder Tip liefern 1001 Hinweis – ebenso Zielgruppenmagazine wie die „Siegessäule“ für die lesbisch-schwule community. Und die sog. Obdachlosenzeitungen, die etwa in der U-Bahn verkauft werden, geben Hinweise (mit „Ratten 07“ hat Berlin ein renommiertes Obdachlosen-Theater-Ensemble ohne festen (!) Spielort). Die großen staatlichen, städtischen Theater (gelbe Plakate) und die Operhäuser (bunte Plakate mit bordeaux-roter Farbdominanz) sind wohl auf fast allen U- und S-Bahnhöfen mit ihren Programm-Vorschauen zu sehen (guter Service, nutzen, wenn man auf die Bahn wartet).

Mein persönlicher Tipp
Besser in solche Theater gehen, die was anbieten, was man noch nicht kennt – sei es in Bezug auf Thema, Form/Stil, Raum, Zeit: Das Ungewöhnliche wahrnehmen, Risiken nicht scheuen. Und noch dazu: nicht immer nur zu den hochgelobten, gelackten Veranstaltungen gehen, worüber alle sprechen (das kluge Gespräch mit einem, der dabei war, kann schon ausreichen und ist billiger). Nein, dorthin gehen, wo vielleicht auch so genanntes Unvollkommenes läuft: Das fordert mehr heraus und man wird zum Selber-Denken und
-Empfinden angeregt, als es eine schöne, glatte Aufführung, mit Stars besetzt, vom Regie-Star geleitet, bieten kann. Das “b.a.t.-Theater“ liefert regelmäßig Abschlussarbeiten der Schspiel- und Regie-Absolventen von Hochschulen – nichts wie hin zu den Kommilitoninnen und Kommilitonen von dort. Und: Manche Hochschulen haben eine eigene Studiobühne (etwa die Alice-Salomon-Fachhochschule oder das Studententheater an der Charité der Humboldt-Universität in Zusammenarbeit mit dem Gorki-Theater).

Und auch das Folgende ist etwas, was einige Studentinnen und Studenten schon machen: Sie bilden, weil sie eh an der Hochschule in Seminaren an Referaten usw. zusammenarbeiten, kleine Kultur-Freundeskreise, die so funktionieren: Einmal pro Monat findet ein Theaterbesuch (StudentInnenpreise immer erfragen!) oder Besuch einer Lesung oder Ausstellung statt, jeweils organisiert von einem Zirkelmitglied, und diese Person muß sich nicht legitimieren für das, was sie ausgewählt hat. Da kommen manchmal schöne Mischungen zusammen. Die Kneipenszene Berlin liefert Räume zum Palaver danach. Zusätzlich geht man nur einmal monatlich ein kulturelles Risiko ein – das müsste verkraftbar sein.

PS
Die genannten Namen von Theatern, Zeitschriften usw. stehen als Anregung und Muster. Da das Leben in der Theater-Szene nicht stillsteht, sollten immer wieder neue Infos aufgetan und genutzt werden. Adressen wurden aus eben diesen Gründen nicht genannt: Wozu gibt es denn das Internet? Und die Stadtmagazine und den täglichen tazplan und die Plakate und die flyer?!!!

Laßt es Euch gut gehen im THEATER BERLIN!




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2. Text zur Vorlesung "Soziale Kulturarbeit" im WS 2005/6
03.01.2006


Gerd Koch

Sozial-ästhetisches Lernen – theaterpädagogisch begründet und an Beispielen gezeigt

Vorbemerkungen zu didaktischen Grundlegungen

In ihrer unveröffentlichten Diplom-Arbeit stellt Andrea Naka Marinkovic (2003) „Sozialpädagogische Handlungsstrategien. Schulergänzende Projekte für Kinder und Jugendliche am Beispiel Brasilien“ zusätzlich zum Bildungskonzept von Paulo Freire (Brasilien) und Maria Montessori (Italien) Ruth Cohns Ansatz (USA) als wichtig für eine öffentliche, milieu-orientierte Bildung vor, die sog. Themenzentrierte Interaktion (abgekürzt: TZI). Dieser Ansatz versucht in Bildungsprozessen, vier Dimensionen gleichermaßen zu berücksichtigen: 1. das Ich als lernendes Subjekt, 2. das Wir der miteinander lernenden Gruppe, 3. das Thema und 4. den sog. ‚globe’. Die Verschränkung aller Dimension soll innerhalb eines Lehr-Lernprozesses aufrechterhalten bzw. allererst gestiftet werden. In der Schweiz gibt es einen theaterpädagogischen Ansatz, der sich „Themenzentriertes Theater“ – TZT – nennt. - Brechts Lehrstück-Spiel, wie es namentlich Reiner Steinweg (1995, 2005) auch durch brasilianische Lehr-Lernerfahrungen in Zusammenarbeit mit Ingrid D. Koudela an der USP (Sao Paulo) entfaltet hat, kann hier genannt werden. Das Bildungskonzept eines Augusto Boal mit seinem Modell des „Theaters der Unterdrückten“ (Korrespondenzen 1999) aus - wobei die beiden letztgenannten brasilianischen Ursprungs sind. Ihre (postkolonialen) Bildungsmodelle waren aber etwa bei der sog. Nelken-Revolution in Europa, in Portugal 1974 nicht unwichtig. Ich erinnere mich an ein Schaubild in einem Stadtteilkulturzentrum von Porto, das mit dem portugiesischen Wort formacao für Bildung spielte: Eine typische Schulklassen-Situation war aufgezeichnet worden mit dem Lehrer allein vor der in Reih und Glied angeordneten, also formierten Schulklasse. Überschrift: formacao! Daneben eine etwas unregelmäßige Kreisform, bei der die Position des Lehrenden kaum ersichtlich war: eine etwas stärkere Strichführung nur. Die Überschrift spielte wiederum mit einem Wort, nämlich: informacao – was ja nun die Auflösung von Formierung meinen kann und ebenso den Informationsvorgang untereinander. Nicht zufällig war alles mit dem Begriff dynamisacao cultural überschrieben.

Beim Arrangieren von Lehr-Lernprozessen ist von diesem vorfindlichen Wissen auszugehen (vom positiven Sinn der „Fehlerwelten“ spricht Althof 1999). Vielleicht sollte man es noch nicht Wissen in einem emphatischen Sinne nennen, weil es ein ‚schlummerndes’ sein kann. Im Englischen wird dieser Befund als tacit knowledge bezeichnet. Der Lehrende wird hier zum Moderator (aber nicht zum Entschleuniger, Verlangsamer, Mäßiger – wie die Übersetzung von Moderator eigentlich lautet); nein, er soll durch sein Tun zur Öffnung von Lernbereitschaft führen (wird also Ent-Binder, Mäeutiker). Er ist Echo, Resonanzboden, Entdecker von dem, was die Teilnehmer an Lern- und Lehrprozessen schon bei sich haben, aber oft nicht wissen. Er ist in diesem Kontext ein ‚Öffentlichkeitsarbeiter’. In der deutschen Erwachsenenbildung wird häufig das Wort Teamer verwendet. Es weist zugleich auf die soziale Gruppen-Orientierung im Lehren (und vermittelt im Lehren) hin.

Ein Lehrender zusätzlich als Dialogpartner: Dialogisches Lernen und Lehren bzw. Dialog als pädagogische Struktur ist dadurch gekennzeichnet, dass die eindeutige Rollenzuweisung – hier Lehrende, dort Lernende – tendenziell aufgehoben ist (vgl. Bräuer 1991). Unter Gesichtspunkten der Unterrichtskommunikation verstanden, ist jede Unterrichtssituation, jede Seminarsituation ein Dialogfeld bzw. eine Herstellung von (situativer) Öffentlichkeit: Es wird gemeinschaftlich etwas vor Augen geführt, also offen und öffentlich gemacht. Man kann dieses Konzept auch als ein republikanisches bezeichnen: Es gilt, eine Sache öffentlich zu verhandeln bzw. eine Sache öffentlich zu machen.

All den eben angeführten Bildungsmodellen ist in Bezug auf theatrales Lernen und Lehren gemein, dass der Gegenstand häufig erst durch den Bildungsprozess im Detail und in seiner Bedeutung für die Subjekte gestiftet wird (vgl. Wiese 2003, 2005), dass er zumindest am Schluss ein anderer ist als am Beginn des Bildungsprozesses und dass der Vorgang und seine Form selbst etwas Wichtiges sind. Wenn man so will: Es steht das Wie-gelernt-werden-soll vor dem Was-gelernt-werden-soll.

Öffentlicher Ausdruck – Individuation und Sozialisation – Theatralisierung von Lehr-Lernprozessen

Richard Sennett (1983) macht auf einen Unterschied im Verständnis von Spielen bei Kindern- und Erwachsenen aufmerksam: Erwachsene würden das Spielen eher nutzen, um ihr Inneres zu kultivieren, während Kinder im Spiel ihren öffentlichen Ausdruck, ihre Expression üben und gestalten. (vgl. Koch 2000) Ich denke nicht, dass diese Trennung von sog. Innen und sog. Außen in den Altersgruppen so strikt ist. Es sind in der Regel Mischungsverhältnisse mit unterschiedlichen Anteilen und ein wechselseitiges Bedingen.

Bildungsprozesse sind nicht nur nach Pierre Bourdieu Individuations- und Sozialisationsprozesse (vgl. Liebau 1993). Sie sind beides zugleich – und damit auch Mischungsverhältnisse, bei denen die jeweiligen Anteile, die Maßverhältnisse von Fall zu Fall und in ihrer Gewichtung differieren.

Im Folgenden geht es über „Theatralisierung von Lehr-Lernprozessen“ (Koch 1995), über sozial-ästhetische Sozialisation, sozial-ästhetisches Lernen. Solche Prozesse verbinden m. E. den öffentlichen Ausdruck, den Subjekte sich wünschen, mit der Bearbeitung der inneren Seite ihrer Existenz. Sie leisten ihren Beitrag zur Individuation wie zur Sozialisation als Teilnahmebefähigung am öffentlichen Diskurs.

Dabei muss die Möglichkeit einer Überschreitung von institutionellen Grenzen immer mitbedacht sein: Theatralisiert man etwa den Unterricht in der Schulklasse, in der sozialen Gruppenarbeit oder im Hochschul- Seminar, dann wird seminaristische und Schulklassen- und Gruppen-Öffentlichkeit hergestellt, und wegen des Realisierens von Ausdrucks- und Kommunikationspotentialen treibt dieser methodisch-didaktische Ansatz über seinen unmittelbaren Ansatz und Ort hinaus. So prägte die Schulreform der 60er/70er Jahre namentlich in den USA das Wort von den neuen schools without walls – was im Übrigen metaphorisch und ganz materiell zu verstehen ist. In den 70er/80er Jahren entwickelte man namentlich von New York City ausgehend das Konzept von city as school(im Deutschen „Stadt als Schule“). Durchgängig ist, dass ein Mehr an Selbststeuerung und öffentlicher Handlungskompetenz (als Performanz) gewünscht und auch geübt (inszeniert) wird.

Sprachbilder und methodische Muster, die der Sprache des Theaters (vgl. zu Theatralität Vaßen 2003, zu Theatralität und Didaktik Koch 2001a, zum postdramatischen Theater Lehmann 1999) entliehen wurden, sind in den pädagogischen Diskurs gekommen, z. B.:

* szenisches Lernen und Interpretieren (vgl. Scheller 2003) (eine nach dem Philosophen Theodor W. Adorno benannte Hauptschule „inszeniert Lernprojekte“ neben dem traditionellen Lehrgangsunterricht, vgl. Hilbig 2003),
* der Ansatz beim Szenischen (Rumpf 1979) kann sich mit imaginativem Lehren und Lernen verbinden (entwickelt von Peter Fauser an der Universität Jena), und in Grundschulen werden fächer-integrierende Lernbereiche geschaffen, die mit den Mitteln von Spiel und Theater Wissen vermitteln und durch spielerische Weltaneignung zugleich Techniken dafür erwerben, die helfen sollen, Bildungsinteressen selbständig zu generieren und einen gedanklichen wie praktischen Transfer zu ermöglichen.
* „Die übergangene Sinnlichkeit“ (Rumpf 1981) in schulischen Prozessen (die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden hat zur Verbesserung der internen Kommunikation in der Schule einen Theaterpädagogen eingestellt – als Moderator, Gestalter Konfliktmanager, Mediator – nicht als Theaterlehrer für ein Schulfach),
* „Ohne Körper geht nichts. Neue pädagogische Perspektiven“ (Koch/Vaßen/Naumann 2000) werden im Unterricht zum Darstellenden Spiel in der Oberstufe des Gymnasiums realisiert,
* eine „Dramaturgie des Unterrichts“ hat nicht erst in den 50er Jahren der Erziehungswissenschaftler Gottfried Hausmann beobachtet, der später in Hamburg das UNESCO-Institut für Erziehung leitete,
* Lernorte als Schauplätze (das Theater als Schaubühne klingt an): zur Gewährleistung von innerinstitutioneller Öffentlichkeit und Schuldemokratie (etwa als just community nach Lawrence Kohlberg) richten Schulen zur Organisationsentwicklung und Selbststeuerung Arenen und Foren ein,
* die Aussage, „Wir alle spielen Theater“ (so 1969 die deutsche Übersetzung von Goffmans Buch mit dem englischen Titel „The Presentation of Self in Everyday Life“ (1959), ist eine gängige Gesellschaft beschreibende Formel geworden,
* „Bühnen des Wissens“ (Bredekamp u. a. 2000) ist eine weitere Metapher (vgl. Holkenbrink 2003 zum Bremer „Theater der Versammlung“ als kritische hochschuldidaktische Initiative),
* Theaterarbeit in sozialen Feldern“ geschieht (das ist auch der Name für ein EU-Projekt zum lebenslangen Lernen in der Erwachsenenbildung, vgl. Koch/Roth/Vaßen/Wrentschur 2004 und Cronin/Roth/Wrentschur 2005).

EXKURS
Bildung. Erziehung, Lehren und Lernen sind geschichtlich wie aktuell namentlich in der Grund- und Allgemeinbildung sehr stark an nationale Traditionen gebunden und dienen häufig dem nation building (so bekommt der deutsche Begriff der Volksschule einen mehrdeutigen Sinn), wenn nicht gar der Nationen-Erfindung (the invention of nation, vgl. Anderson 2000), ist mit nationaler Emanzipation – und mit Unterdrückungsprozessen verbunden. - Schul- und Bildungsformen der einen Gesellschaft waren für Mitglieder einer anderen Gesellschaft und Tradition nicht immer leicht zu verstehen (ein Problem der international vergleichenden erziehungswissenschaftlichen Forschung). Jedoch zwingt die internationale Ökonomisierung und kapitalistische Globalisierung, die etwas anderes ist als Globalität (gewissermaßen der Unterschied zwischen Wall Street und Weltsozialforum, vgl. Sousa Santos 2004), zur Erkenntnis, dass hier der Wettkampf der nationalen Bildungssysteme zu dominieren beginnt. Sogar die basalen Erziehungsformen werden global observiert, gemessen und verglichen. Unschuld gibt es auch hier nicht mehr. - Und nicht nur Richard Sennett zeigt, wie der Sozialisationsdiskurs zum Ökonomisierungsdiskurs wird (vgl. Sennett 2000).

Sozial-ästhetisches Lernen – gezeigt durch Berichte, die von hochschuldidaktischen Versuchen sprechen

Bericht A: ErzählTheaterCafé
Seit einigen Semestern führe ich lebensgeschichtlich orientierte ErzählCafés mit Bewohnern Berlins außerhalb der Hochschule durch. Orte sind: Kultur- und Freizeiteinrichtungen, Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen, Seniorenclubs oder Ausstellungsräume oder Foyers in Museen und Literaturhäusern. Vorbereitung und Reflexion finden im Seminar statt.

Ich verwende für das Konzept des Lernmodells ErzählCafé die Idee des Narrativen Interviews, das primär aus drei Phasen besteht: Erzählung, Nachfrage, Bilanz.Ein eigentlich intimes Modell der qualitativen Sozialforschung wird vorsichtig öffentlich gemacht.

Die Moderation bzw. Erzählungen entwickelnde Leitung von ErzählCafés haben jeweils zwei StudentInnen, die im Vorfeld des öffentlichen Auftritts ein kleines, Vertrauen stiftendes Anbahnungsgespräch mit der Erzählerin/dem Erzähler führen.

Die de-konzentrierte Kommunikationsmöglichkeit des situativen Lernens und Lehrens in einem Kaffeehaus (der Schauspieler und Kulturtheoretiker Egon Friedell akzentuierte dessen Kommunikationsweise einmal so: Im Café sitze ich allein mit vielen anderen – frei zitieret nach einer Speisekarte im Café Einstein zu Berlin) wird angestrebt. Informelles Lernen findet statt. An alltägliche, kommunikative Erfahrungen wird angeknüpft. Und dies wird ausgestellt.

Seit kurzem ergänze ich das ErzählCafé durch Unterbrechen des Erzählflusses mittels Theater-Szenen, die von einer TheaterSpielGruppe in der Regel ad hoc aus dem Erzählmaterial generiert/entwickelt oder aufgrund von Vorkenntnissen über die erzählende Person vorbereitet werden (daß das so einfach nicht ist, dokumentiert der Schauspieler und Theaterpädagoge Stephan Wesseling, vgl. Koch/Schmidt/Wesseling 2005). Dabei können literarische Materialien wie Zeitungsartikel, Internetseiten, Gedichte, songs, biographische Notizen oder Szenen, die einen gesellschaftlichen, zeithistorischen oder politischen Bezug herstellen, verwendet werden. Auch theaterpädagogische Übungen können öffentlich gemacht werden und so als Beispiel einer anderen Sprache wirken. Solche ‚Einspielungen’ verändern das Erzählen und Zuhören.

Bericht B: Kleine wissenschaftliche Öffentlichkeiten für Wissenstransfer
Denken und Handeln mit Theatralisierungs-Kategorien kann auch von einer anderen Seite her hilfreich sein. Ein Beispiel aus einer Sozialforschung: Ein Kollege macht ethnologische Feldforschung zum Selbst- und Fremdbild von verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Stadtteil Chair/Skopje (Mazedonien). Es wird viel aufgeschrieben und auf Tonträger aufgenommen. Die leisen Töne, die Zwischentöne, der Erzählfluss und die Gesten sollen sensibel wahrgenommen werden: Recherche, Spurenwahrnehmung und -dechiffrierung. Elemente der qualitativen Sozialforschung werden genutzt. Als eine Idee für die öffentliche Präsentation von Aspekten der Forschung bietet sich an: Statt der herkömmlichen wissenschaftlichen, nur schriftlichen Bilanzierung von Forschungsergebnissen könnten die forschenden StudentInnen aus ihrem Material ein experimentelles Theaterstück montieren (vgl. Koch 1997), so dass sich etwa Menschen mittels ihrer Äußerungen‚treffen’, die so niemals zusammenkamen. Und dieses Theaterstück wird durch die forschenden Studentinnen und Studenten öffentlich gespielt. Das ist recht gut als Lesetheater (vgl. Schwendter 2002), als szenische Lesung (vgl. Wilhelm 2003) vorstellbar. Solch ein ‚armes’ Theater geschieht ohne großen ästhetischen Aufwand – aber vielleicht mit Dia-Projektionen, mit Musik, mit kommunikationsfreundlicher Gestaltung der Räumlichkeit. Wenn die Forscherinnen und Forscher selbst vortragen, ‚vorspielen’ (schön doppeldeutig), hätten sie ein gutes Feed-back, das in die Forschung mit eingebaut werden kann. Zugleich ist dieses Verfahren eine Praxis innergesellschaftlicher Friedensarbeit (vgl. Steinweg 2005) mittels Handlungsforschung/action research. Durch eine geschickte Einladungspolitik für die Auftritte könnten auch Orte, die für solche Themen gar nicht üblich sind, bespielt werden - ein Stück alternativer, (Teil-)Öffentlichkeit ist dann erstellt und genutzt worden.

Bericht C: Theatralisierung, Szenische Interpretation
Bildung und Erziehung müssen in ein weites Verständnis von Theater einbezogen werden. Ich liste einige Ansätze auf:

In das Studium der Literaturwissenschaft kann mittels Theater eingeführt werden (vgl. Vaßen1995). Ferner kann die „Szenische Interpretation“ im Deutsch- oder Sprachen-Unterricht generell eine wichtige Rolle spielen (vgl. Tichy 2003) ebenso wie „Theatre in Education“ (vgl. Schewe 2003), „Drama in Education“ (vgl. Göhmann 2003).

Experimentierfreude und Risikobereitschaft sollten herrschen, z. B. indem eine Aussage von Jan Lauwers, der mit professionellen Schauspielern aus verschiedenen Herkunftssprachen arbeitet, als Irritation produktiv aufgenommen wird: „Aber wir nutzen auch die unterschiedlichen Sprachqualitäten der Spieler … (es) gibt vier britische Schauspieler, die die Sprache also perfekt beherrschen. Witzig ist, dass am Ende alle schlechtes Englisch sprechen – selbst die aus England. Sie fangen an, ihre Sprache zu vereinfachen. Das weist doch auf unser aller Zukunft: Die Weltsprache wird ein schlechtes Englisch sein.“ (In: Frankfurter Rundschau, 29. 8. 2003). Ein Lehr-Lernfach Theater ist zu wünschen. Dazu müssen Theaterlehrerinnen/Theaterpädagoginnen häufig erst noch ausgebildet werden. In solchem Fach-Unterricht ist schon die Überleitung zum „Kunsttheater“ (vgl. Hentschel 2003) zu sehen.
Weiter ist zu nutzen das Kreative Schreiben in Verbindung mit Theaterspiel (vgl. Bräuer 1998, 2002, vgl. auch Mischon 2005)

Die Reise-Metapher fürs Lernen sollte im Zusammenhang von Öffentlichkeit und Theatralisierung realistisch so aufgenommen werden, dass an anderen Orten gespielt werden kann, dass Wege begangen und ermittelt werden können, dass Räume besetzt, neu definiert, bereichert werden können. Solche Expeditionen bringen zugleich neues Material an den Ausgangsort mit zurück (vgl. zu „Theaterexpedition“ Hardt u. a. 2003).

Bericht D: Romane erstellen und öffentlich machen
Ich begann meine Ausführungen mit Überlegungen zur ‚pädagogischen Landschaft’, indem ich auf Individuation und Sozialisation, auf Innen- und Außenverhältnisse in Bildungsprozessen hinwies und die Nutzung verschiedener Lernorte (Koch 1987) für ein lebensbegleitendes Lehren und Lernen empfahl – verbunden mit einer kognitiven und materiellen Vernetzung von Lern- und Erfahrungsorten (siehe das englische Modell: Lernen im Museum ist möglich, weil das Schul-Currriculum dies schon vorsieht – und das Museum auch vom staatlichen Schulsystem als Ort des Lernens respektiert wird – für die Institution des Theaters steht so etwas in der Regel noch aus).

Ein weiteres kleines Beispiel aus meiner hochschuldidaktischen Lehr-Praxis, das vieles von dem eben Erinnerten in sozial-ästhetischer Weise aufnimmt, soll als letztes folgen. Es handelt sich um ein selbst-experimentelles Werkstatt-Seminar. Ich gebe den Studierenden die Aufgabe: Erstellung und öffentliches Präsentieren eines Romans.

Die studentischen Arbeitsschritte im Einzelnen:

Schritt 1: Jede StudentIn muss eine Person gewinnen, die bereit ist, ihr bis höchstens 45 Minuten zu erzählen (45 Minuten ist das Regelmaß einer Ton-Kassette). Drei schlichte Erzählimpulse stehen zur Auswahl: „Bitte, erzählen Sie irgendetwas aus Ihrem Leben“, „Bitte, erzählen Sie etwas Schönes aus Ihrem Leben“, „Bitte, erzählen Sie etwas Schreckliches aus Ihrem Leben“. Es entsteht in der Regel eine Erzähldynamik, die zu eigener Erzählgestalt führt. Und die kann für die erzählende Person durchaus neu und für die Studierenden sehr fremd sein. Der auf der Kassette gespeicherte Original-Ton-Text wird transkribiert, und danach soll die Möglichkeit einer Nachfrage beim Erzähler aus dem Innern des Text-/Erzählmaterials genutzt werden. Auch dieses Material wird transkribiert.

Schritt 2: In kleinen Studiengruppen werden nun die biographischen Selbstaussagen verschiedener ErzählerInnen zusammengetragen zur Montage eines experimentellen Romans. In der Regel (er-)finden die Studierenden eine Rahmenhandlung, einen kommunikativen Ort (etwa Lokal, Auto beim Trampen, Wohngemeinschaft, Klassentreffen) hinzu. Drei Spielregeln müssen eingehalten werden: Immer eng am Original-Text-Material bleiben, Widersprüchliches nicht glätten, Unverstandenes und Befremdendes nicht ausblenden.

Schritt 3: Nach Fertigstellung des Romans wird das öffentliche, szenische Lesen von Texten professionell geübt: Zunächst bleiben diejenigen, die das Text-Material erhoben haben, auch die VorleserInnen, später wechseln sie zu VorspielerInnen (auch doppelsinnig) anderer Texte. Ferner wird darüber nachgedacht, wie eine öffentliche Inszenierung, Präsentation aussehen kann. Zusätzlich wird ein Werbekonzept entwickelt.

Schritt 4: Drei verschiedene Auftrittsmöglichkeiten wurden wahrgenommen: Lesung in der Hochschule in einer großzügigen Rauminstallation mit gut ausgeleuchteten, etwas kitschig möblierten Leseecken und Zuschauern und –hörern, die im Raum verteilt an kleinen Beistelltischen saßen. Die nächste Aufführung fand in einem kleinen, nur aus einem Raum bestehenden, sehr dicht besetzten Lokal statt. Die Leser-Darsteller befanden sich an verschiedenen Plätzen im Lokal – wie ‚normales’ Publikum. Sie verabredeten unter sich Orte für Lesung und Zeichen für szenischen Einsatz – und hatten gegenüber der ersten Aufführung neue Textkombinationen verabredet. Nach der Lesung waren sie - fast – wieder normale Gäste. Eine dritte Aufführung fand im Rahmen eines Literarischen Nachmittags (nach dem Modell Literarischer Salons des 19. Jahrhunderts) in einer Privatwohnung mit anschließendem Essen statt. Das war der gewissermaßen intimste Ort, in dessen Bedingungen sich die Leser-Darstellerinnen einfügen mussten. Es gibt bei diesen Literarischen Nachmittagen immer auch ein ‚Autoren’-Gespräch. Es wurde gefragt nach der Erstellung des Romans, zur aktuellen Auswahl von Lese-Passagen, zum Beibehalten des Original-Tons – statt einer (vorsichtigen) Glättung zum sog. besseren Verständnis bei den Rezipienten, die ja die Erhebungs- und Produktionssituation nicht kennen (dahinter steckten auch macht- und gewaltgestützte Norm(alis)ierungswünsche).

Schritt: 5 Im Hochschulseminar findet ein feedback des Projekts statt.

Ich fasse zusammen: Die subjektive Seite der Individuation wird bei Erzählern und durch die Freiheit der Lese-Text-Auswahl bei den Leserinnen gestützt. Der Sozialisationsaspekt wird deutlich in der Zusammenarbeit von Kompositions-Teams, in der Planung und Durchführung gemeinsamer Auftritte, in der Meisterung der kommunikativen Situation, während der theatralen Präsentationen und in Gesprächen danach. Es geschieht hier vieles auf der Folie eines informellen Lernens und Lehrens (vgl. Overwien 2003). Verschiedene Lernorte werden gesucht, wahrgenommen, ‚bespielt’, verändert, angereichert und zugleich werden deren Bedingungen als intervenierende Variablen mit einbezogen. Unterschiedliche Grade von Formalisierungen der kommunikativen Prozesse sind zu beobachten: Stärkere Grade der Formalisierung bei inszenierten Auftritten und ein starker informeller Grad dort, wo man sich ins Geschehen einmischen kann.

Ausblick mit Alexander von Humboldts „Weltbewußtsein“

Ottmar Ette (Universität Potsdam) hat 2002 (s)eine begründete Lesart von Alexander von Humboldts aktivem „Weltbewußtsein“ und dessen Wissens- und Forschungsverständnis vorgelegt, das ich gerne als Grundlegung und Entwicklungs-Perspektive für meine hier vorgestellte theaterpädagogische Arbeit annehme: Der Forschungs- und Bildungsreisende Alexander von Humboldt soll hier seinem Bruder Wilhelm ‚vorgezogen’ werden; denn dessen Gedanken zur Neufassung namentlich des deutschen Bildungswesens am Beginn des 19. Jahrhunderts haben manchmal zu einer Verkümmerung in Richtung eines „Gymnasial- und Studienrats-Humanismus“ geführt. Von Alexander von Humboldt wäre hingegen Neues zu lernen, nämlich sein Netzwerkdenken, seine Trans- und Multidisziplinarität, das Anregen von beweglichen Forschungs-Strukturierungen sowie das Nutzen und Kombinieren von Medien und Darstellungsweisen, also sozial- und natur-ästhetische Wahrnehmung und Dokumentation (vgl. Koch 2005, 2006), sowie die generelle Neugier auf das Fremde in mir und außerhalb von mir (vgl. Kleve/Koch/Müller 2003). Die von Ernst Bloch poetisch und deutlich expressierte Formel für Sozialisationsprozesse gilt hier: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir (Hv. gk) erst“ (vgl. Koch 2001b).


Literatur
[WB = Koch, Gerd/ Streisand, Marianne (Hg.) (2003, 2005): Wörterbuch der Theaterpädagogik. Berlin/Milow].
Althof, Wolfgang (1999): Fehlerwelten. Leverkusen.
Bräuer, Gerd (1991): Lernen im Dialog. Pfaffenweiler.
Bräuer, Gerd (1998): Schreibend Lernen. Innsbruck/Wien.
Bräuer, Gerd (2002): Body and Language. Westport (Conn.)/London.
Bredekamp, Horst, u. a. (Hg.) (2000): Theater der Natur und Kunst. Berlin.
Cronin, Bernadette/Roth, Sieglinde/Wrentschur, Michael (Hg.) unter Mitwirkung von Gerd Koch und Florian Vaßen (2005): A Training Manual for Theatre Work in Sozial Fields. Frankfurt (Main).
Ette, Ottmar (2002): Weltbewußtsein. Weilerswist.
Goffman, Erving (1969): Wir alle spielen Theater. München.
Göhmann, Lars (2003): Drama in Education. In: WB TheaPäd.
Hardt, Ulrich u. a. (2003): Theaterexpedition. In: WB TheaPäd.
Hentschel, Ingrid (2003): Kunsttheater. In: WB TheaPäd.
Hilbig, Norbert (2003): Eine Schule, die Versagungen vermeidet. In: die tageszeitung, 10. 9. 2003.
Holkenbrink, Jörg (2003): Theater der Versammlung. In: WB TheaPäd.
Kleve, Heiko/Koch, Gerd/Müller, Matthias (Hg.) (2003): Differenz und Soziale Arbeit. Berlin/Milow.
Koch, Gerd (1987): Einige Ideen zum Bildungsbegriff innerhalb einer Pädagogik der Lernorte. In: Neumann, Dieter/Oelkers, Jürgen (Hg.): Soziales und politisches Lernen. Frankfurt (Main).
Koch, Gerd (1996): Ungleichzeitigkeiten entdecken und Bearbeiten. In: Bülow-Schramm, Margret (Hg.): Theater mit der Lehre? Theater in die Lehre! Hamburg.
Koch, Gerd (1997): Theater-Spiel als szenische Sozialforschung. In: Belgrad, Jürgen (Hg.): TheaterSpiel. Hohengehren.
Koch, Gerd (2000): Kinderzirkus als sozialpädagogische Arbeit. In: Dokumentation des Internationalen Kongresses der Kinder- und Jugendzirkusse. Berlin.
Koch, Gerd (2001a): 10 fachdidaktische Lehren für ein (Unterrichts-)Fach Theater. In: Korrespondenzen. Zeitschrift für Theaterpädagogik, Heft 38.
Koch, Gerd (2001b): „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst“ (Ernst Bloch). In: Haubner, Angela/Tichy, Ellen/Zillmer, Heiner (Hg.): Warum spielt der Mensch … Theater? Hannover.
Koch, Gerd (2005a): Theaterarbeit im Wechselspiel von Natur und Geselligkeit. In: SpielArt, Heft 36.
Koch, Gerd (2005b): Lernen lernen – Lehren lernen – Lehren lehren. In: Welbers, Ulrich/Claus, Olaf (Hg.): The Shift from Teaching to Learning. Bielefeld.
Koch, Gerd (2006): Theater als Wechselspiel von Natur und Geselligkeit. In: Zimmermann, Rainer E. (Hg.): Von der Physik zur Politik – Ernst Blochs Naturphilosophie. Hamburg.
Koch, Gerd, u. a. (1995): Theatralisierung von Lehr-Lernprozessen. Berlin/Milow.
Koch, Gerd/Vaßen, Florian/Naumann, Gabriela (Hg.) (2000): Ohne Körper geht nichts. Berlin/Milow.
Koch, Gerd/Roth, Sieglinde/Vaßen, Florian/Wrentschur, Michael (Hg.) (2004): Theaterarbeit in sozialen Feldern/Theatre Work in sozial Fields. Frankfurt (Main).
Koch, Gerd/Schmidt, Birger/Weßeling, Stephan (2005): ErzählCafés. Einrichtung narrativer & szenischer Situationen im Felde einer Hochschule. In: Steinweg, Reiner (2005): Erzählen, was ich nicht weiß. Frankfurt (Main).
Korrespondenzen (1999). Zeitschrift für Theaterpädagogik, Heft 34: „Reflexionen Perspektiven. 20 Jahre Theater der Unterdrückten in Deutschland“ (Schwerpunktthema).
Lehmann, Hans-Thies (1999): Postdramatisches Theater. Frankfurt (Main).
Liebau, Eckart (1993): Vermittlung und Vermitteltheit. In: Gebauer, Gunter/Wulf, Christoph (Hg.): Praxis und Ästhetik. Frankfurt (Main).
Naka Marinkovic, Andrea (2003): Sozialpädagogische Handlungsstrategien. Unveröff. Diplom-Arbeit an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin.
Overwien, Bernd (2003): Informelles Lernen, eine Herausforderung an die internationale Bildungsforschung. In: http://www.tu-berlin.de/fb2/as3w/il3w.html, 30. 4. 03.
Rumpf, Horst (1979): Worauf zu achten wäre. In: Steinweg, Reiner (Hg.): Friedensanalysen. Für Theorie und Praxis 10. Frankfurt (Main).
Rumpf, Horst (1981): Die übergangene Sinnlichkeit. München.
Scheller, Ingo (2003): Szenische Interpretation. In: WB TheaPäd.
Schewe, Manfred Lukas (2003): Theatre in Education. In: WB TheaPäd.
Schwendter, Rolf (2002): Lesetheater. Wien.
Sennett, Richard (1985): Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Frankfurt (Main).
Sennett, Richard (2000): Der flexible Mensch. Berlin.
Steinweg, Reiner (1995, 2005): Lehrstück und episches Theater. Frankfurt (Main).
Steinweg, Reiner (Hg.) unter Mitarbeit von Gerd Koch (2005): Erzählen, was ich nicht weiß. Die Lust zu Fabulieren und wie sie die politische, soziale und therapeutische Arbeit bereichert. Berlin/Milow/Strasburg.
Sousa Santos, Boaventura de (2004): Das Weltsozialforum: Für eine gegenhegemoniale Globalisierung. In: UTOPIE kreativ, H. 169.
Tichy, Ellen (2003): Szenische Interpretation (DaF). In: WB TheaPäd.
Vaßen, Florian (1995): Theaterpädagogik im Germanistikstudium. In: Koch u. a. (1995). Berlin/Milow.
Vaßen, Florian (2003): Theatralität. In: WB TheaPäd.
Wiese, Hans-Joachim (2003): Methodik. In: WB TheaPäd.
Wiese, Hans-Joachim (2005): Bausteine zu einer Theorie der theatralen Erfahrung. Berlin/Milow/Strasburg.
Wilhelm, Edgar (2003): Szenische Lesung. In: WB TheaPäd.


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Texte zur Vorlesung WiSe 2005/6
15.12.2005


GERD KOCH (BERLIN)

ZUM THEATER CHAWWERUSCH IN DER PFALZ

Es kann schon mal passieren, dass ich misstrauisch gefragt werde. Warum fährst Du wegen eines Theaters in die Pfalz? Da, wo du wohnst und arbeitest, in Berlin, gibt es doch wirklich genug Theater! Im neuesten Spirallo Reiseführer für Berlin von Gisela Buddée (2004) etwa heißt es, dass täglich etwa 3000 Veranstaltungen auf die Berliner niederregnen – natürlich nicht nur Theateraufführungen. Doch „der wirkliche Reichtum der Stadt liegt darin, dass die Stadt selbst eine Bühne ist.“ Warum also wegfahren? Man unterstellt mir auch, dass es wohl gar nicht das Theaterinteresse sei, sondern der Pfälzer Wein, der mich in den Südwesten der Republik ziehe, was ja auch nicht das Schlechteste wäre. (Der kommt übrigens tatsächlich aus der Pfalz: Früher aus Hambach und jetzt aus St. Martin.) Dauerhaft und fachlich aber ist es das Theater, das mich regelmäßig in die Pfalz zieht. Und ich muß jetzt genau sein: Es ist DAS Theater, das heute sein 20jähriges Bestehen feiern kann. Es ist das CHAWWERUSCH Theater aus Herxheim, das mich immer wieder in die Pfalz führt.

Ich liefere Ihnen einige Gründe, warum ein Metropolen-Bewohner, der auch noch beruflich mit Kulturarbeit und Theaterpädagogik/-arbeit zu tun hat, und als jemand, der eben aus der Theaterstadt Berlin kommt, dennoch immer wieder hier im Lande Rheinland-Pfalz zu finden ist. Warum zieht gerade das CHAWWERUSCH Theater mich so an?

1
Ein Berliner in der Provinz: das kann (mir) nicht schaden. Es ist zumindest ein Perspektivenwechsel – nach dem Motto: Reisen bildet. Vielleicht ist auch etwas Therapeutisches ein Grund: Eine Millionenstadt als permanentes Theater, als dauernde Bühne – das hält man nicht aus.

2
Aber es ist eine spezielle Provinz; die ich besuche, und wiederum gilt mein Interesse hier dem Theater, dem CHAWWERUSCH Theater als Überlandestheater, wie es mal so schön hieß. Heute annonciert es mit den drei Begriffen: Komisch, tragisch, herzlich.

3
Kunst muß zu den Leuten kommen. CHAWWERUSCH ist ein Wandertheater vom Prinzip und von der Arbeitshaltung her und nicht vom Verständnis einer romantisierenden idyllischen Vorstellung. Es weitet Horizonte gedanklich, lebensweltlich, mental, ästhetisch. Weltergänzung durch Theater also!

4
Theater ohne Bürger als mitgestaltende Zuschauer funktioniert nicht. Lassen sie mich einen kleinen argumentativen Sprung machen in ein gar nicht so anderes Kommunikationsfeld machen: Demokratie ist Dialog, gemeinsames Verständigen – also government by discussion. So soll es sein in liberalen Gesellschaften. Und was ist Theater? Gar nicht etwas so sehr Anderes – aber Verständigung im Medium der (Theater-)Kunst. Also eine poetische Verständigung (Poesie/poiesis war übrigens bei den alten Griechen und Römern ein Machen, ein Tun – nicht bloß eine Kontemplation, ein Besinnen …). Und beim CHAWWERUSCH Theater ist nicht zu vergessen: das Medium Musik. Das Lied, der Gesang spielt bei den CHAWWERUSCHERN regelmäßig mit – Musikalität spricht uns als eine ganz spezielle Sprache an, spricht anderes in uns an, Geheimes, Intimes, Emotionales.

5
CHAWWERUSCH Theater als Dialog erweitert die Mobilität dem Fremden gegenüber als Medium und durch Wahl der Themen, die aufs Theater gestellt werden. Es mutet etwas zu. Theateraufführungen moderieren Erfahrungen. Es gruppiert allgemeines Wissen um in subjektnahes, bedeutsames, genießendes Wissen. Kultur- und Bildungsarbeit wird heute immer mehr zur Moderationsarbeit, weil die Menschen schon sehr viel durch verschiedene Kanäle wissen. Und das trifft auf lokale, regionale, nationale wie übernationale Themen zu.

6
Das CHAWWERUSCH Theater ist lokal, regional und überregional verankert. Lokal in Herxheim, regional in der Pfalz (und angrenzenden Gebieten), überregional bis international durch Theatertexte, Autoren, Regisseure, Spielerinnen und auch durch die Würdigung ihres Theater-Ansatzes in der Fachpublizistik.

7
Die Theaterarbeit der CHAWWERUSCHER funktioniert als Wunschmaschine: In der Heimat und auf der Suche nach einer Heimat, die mehr ist als Herkunft, und beteiligt sich an der Gestaltung einer Heimat, die man bejahen mag. CHAWWERUSCH verfolgt und legt Heimat-Spuren, knüpft mit an einem Heimat-Netzwerk als gelingende Zukunft Orte, Räume und Zeiten werden bereitgestellt: Orte, Räume und Zeiten für die unterhaltsame, ästhetische Bearbeitung von Bedürfnissen, Erfahrungen, Problemen, Träumen, Diskussionen, Reflexionen/Spiegelungen, Bedeutungen, Gestaltungen (vgl. Bader, S. 110 ff.). Hier finden Subjekte ihre Sprache als Akteure.

8
Theater kann dieses alles ausstrahlen, kommunikativ weich organisieren und mit dem Publikum gemeinsam bewältigen – vor allem, wenn es wie beim CHAWWERUSCH Theater eine lang dauernde Beziehungsgestaltung, einen Austausch gibt, wenn Besucher-Treue vorhanden ist (heute würde es schrecklich modern heißen: Kunden-Treue …), wenn das Publikum durch seine Ausdauer auch die Theaterleute mit erzieht und beeinflusst, so dass eigentlich Zuschauer und Spieler erst DAS HERXHEIMER POETISCHE ENSEMBLE bilden.

9
Und dieses Theater kommt - zum Glück - als Fest daher. Alle 2 Jahre übrigens gastiert das CHAWWERUSCH Theater auf dem Hambacher Schloß, und seit 1997 wird seine Sommertournee regelmäßig hier eröffnet. Das ist kein Anbiedern, sondern es zeigt die Strukturähnlichkeit von Demokratie und Theater-Kunst, sprach doch Philipp Jacob Siebenpfeiffer in seiner Neustadter Einladung zum Hambacher Fest vor gut 170 Jahren vom „’Wunsch’ nach einer ‚freimenschlichen Heimath’“, vom „Fest der Hoffnung“ auf noch zu Erringendes, Neues (Faber, S. 22).

10
CHAWWERUSCH schärft das Gedächtnis für Heimat als Utopie und erinnert auch an Verluste. Das Theater kann so etwas sehr sinnlich tun: Es agiert ganz leibhaftig und doch als ein Als-Ob; kann Zeitverschiebungen gleichzeitig sichtbar machen. Auch das Zeitversetzte geschieht ja jetzt, auf dieser Bühne. Gezeigt und gesehen werden kann das Damals im Heute, das Heute im Damals. Und wir ZuschauerInnen sind dabei, sind beteiligt, dürfen Differenzen erfahren als Gewinn, als Freude. Kein Historismus, sondern ein Produktionsprozeß, ein Spiel mit Zeit und Räumen ist eröffnet. Distanz und Nähe. Neugierig auf etwas schauen.

11
Theater kann dies alles übrigens auch intern sein: als interne befriedigende Kommunikations- und Produktionsstruktur - die interne Demokratie von CHAWWERUSCH als Ensemble: Ein Kollektiv, ein Team, eine egalitäre soziale Verfasstheit mit funktionaler, pragmatischer Ausdifferenzierung im Organisationshandeln. Das ist eine moderne Unternehmensverfassung mit flacher Hierarchie mit weitgehender Partizipation der Beteiligten. UND: Auch bei künstlerischer Ausdifferenzierung gibt es so etwas wie eine produktiv gestaltete Gleichheit; Der/die Einzelne bei CHAWWERUSCH hat auch und gerade hier FREIHEIT. Von der Projektidee eines Einzelnen zur gemeinsamen Arbeit in kleinen Unterteams, zur Rückkopplung in Spielplansitzungen. CHAWWERUSCH, das ist ein selbstverständliches lernendes System - gepaart mit Neugier, Begehren, Wunsch, Gaben, Geschenken und Freiheit und Bindung.

12
Die von CHAWWERUSCH produzierten Stücke sind Unikate. Der Schreibprozeß kann in der Gruppe geschehen, aber häufig wird er durch Funktionsteilung von einer Person geleistet. Eine Theatergruppe, die sich lange kennt, kennt auch die Verteilung von Kompetenzen und weiß sie zu nutzen. Die Stückentwicklung geht voran über ein weites personales Interesse, durch kreatives, experimentelles Erspielen untereinander mit Versuch und Irrtum plus Schreibtätigkeit als Fixierung mit dramaturgischem Blick für die Bühnengestaltung. Vielleicht kann man die interne Struktur auf die Zuschauer bezogene Produktionskultur des CHAWWERUSCH Theaters als gemeinsames storytelling beschreiben: Dieses Verfahren lässt viele Varianten im Erzählen und Darstellen zu, es kann Bericht und wörtliche Rede integrieren, ebenfalls poetischen Text, Bericht, Dialog, Zitat, auch gezeichnete Bilder und unterschiedliche Stilmittel aus verschiedenen Epochen. Weite und Vielfalt werden hier, durchaus widersprüchlich verwoben. Der Dichter Bernhard von Brentano gibt uns diese doppeldeutige Erkenntnis mit auf den Weg: „Sagen lassen sich die Menschen nichts, aber erzählen lassen sie sich alles.“ (nach Richard Faber 2002) Aber storytelling hat auch eine organisatorische, betriebssoziologische, eine gruppendynamische Qualität: Es verbindet, stellt Geschichte her, bindet Lebensgeschichte, Betriebsgeschichte, ist geschichtete Erfahrung, schafft Kohärenz und akzeptierte Selbstdarstellung und persönlichen Anteil. Nicht umsonst wird storytelling als Teil moderner Öffentlichkeitsarbeit zur Verbesserung innerbetrieblicher Partizipation genutzt: Es verbindet, schafft Unternehmenskultur. CHAWWERUSCH behält diese selbst geschaffene Kultur und kommunikative Arbeitsweise nicht für sich, sondern geht so in die Region, an die Zuschauer, an potentielle Zuschauer, an Theateramateure in der Theaterpädagogik heran.

13
Indem das CHAWWERUSCH Theater sowohl moderne Verfahren und Themen wie auch einen geschichtlich vergewissernden Ansatz pflegt, schafft es etwas Unverwechselbares im Medium der Theaterkunst, mit eigensinnigem Profil – nicht etwas Angepasstes, Stromlinienförmiges; und das ist gut so.

14
Was bringe ich nach Berlin zurück? Manchmal die Idee, diesen Wunsch: Das CHAWWERUSCH Theater. möge doch mal in Berlin gastieren. Aber warum eigentlich? Das ginge gar nicht ad hoc; denn es müsste seinen Entstehungskontext entweder mitbringen. Wie würde das gehen?! Es müßte in Berlin allemal erst einen neuen, unter den Bedingungen einer Großstadt gestalteten Kontext, entwickeln. Was schon eher möglich wäre: Man übernehme in Großstädten die Arbeitsstruktur der CHAWWERUSCHER. Aber besser noch, denke ich, empfehle ich: Wir sollten als Theater- und überhaupt Kultur-Kunst-Interessierte unseren Wohnort und/oder Herkunft verlassen können – wie die Fahrenden, die Komödianten, und zwar in Freiheit und nicht – wie heute so oft – aus Not. Und dann besuchen wir eben in der Pfalz nicht nur deren Wälder und Berge und genießen den Wein, sondern ein weiteres, integrales Produkt dieser kultur-geographischen Region, nämlich: Das CHAWWERUSCH Theater in Herxheim im TheaterSaal und anderswo!




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