Silke Birgitta Gahleitner
Lichtblicke und Dunkelfelder - Psychosoziale Antworten auf sexuelle Gewalt im Wandel der Zeit
In den Massenmedien wie in der sozialpädagogischen, psychologischen und juristischen Fachöffentlichkeit hat sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen in den letzten Jahren auf unterschiedliche Weise zunehmend Beachtung erfahren. Dennoch gibt es nach wie vor kontroverse Diskussionen und wenig gesichertes Wissen, wie Hilfen für Betroffene tatsächlich aussehen sollten. Professionelle Arbeit in diesem Bereich ist immer noch und immer wieder gekennzeichnet von einer Gratwanderung: "Nicht gleich eine Lawine lostreten, nicht denunzieren, zugleich aber so handeln, daß später nicht der Vorwurf erhoben werden kann, man habe nichts unternommen ..." (Frankfurter Rundschau vom 19.8.1996).
Den betroffenen Kindern ist mit einer Skandalisierung des Themas ebensowenig geholfen wie mit einem beharrlichen Verschweigen der Tat. Die Widersprüche im Arbeitsauftrag verunsichern zudem die Praxis: Sie muß bei sexuellem Mißbrauch tätig werden. Gleichwohl setzt sich in der Fachöffentlichkeit die Erkenntnis durch, daß eingreifende Maßnahmen nicht in jedem Fall hilfreich sind. Hier fehlen Konzepte, die es ermöglichen, daß PraktikerInnen nicht unter Außendruck agieren, sondern ihre berufliche Kompetenz nutzen können.
Stichhaltige und praktikable Konzepte entstehen idealtypisch auf dem Weg permanenter Rückkopplung zwischen Theorie und Praxis und werden unter einem möglichst konstruktiven Diskurs der zugehörigen Fachwelt formuliert - eine Aufgabenstellung, in der wir uns als Fachhochschule an einer wichtigen Schlüsselposition befinden. Im Falle sexueller Gewalt an Kindern fehlt es jedoch nicht nur bis heute an breiter und relevanter Forschung und Grundlagenforschung, sondern die Gemüter erhitzen sich an ideologieträchtigen Diskussionen.
Wieso ist es nicht möglich, bei diesem Thema differenziert und abseits von Extrempositionen zu argumentieren?
Für ein besseres Verständnis dieser Dynamik muß man zeitlich ein wenig zurückgreifen.
Sexueller Mißbrauch historisch betrachtet
"Die Geschichte der Forschung zum sexuellen Mißbrauch ist fast so spannend wie ein Kriminalroman. Schaut man auf die letzten 100 Jahre zurück, zeigt sich ein interessantes Wechselspiel: Nach den sich wiederholenden Versuchen, sexuelle Ausbeutung von Kindern zu problematisieren, wurde das Thema in Deutschland immer wieder unter den Teppich gekehrt." (Bange, 1992, S. 12)
Sexuelle Übergriffe auf Frauen und Kinder waren zu allen Zeiten Bestandteil der Normalität. Beim Lesen in der Bibel oder anderen noch früher entstandenen Gesetzessammlungen oder Quellen in Texten über das Vorgehen in der Antike, finden wir bis hinein ins 18. Jahrhundert immer wieder Schilderungen von sexuellem Mißbrauch an Kindern ohne jedes Problembewußtsein der Erwachsenen (de Mause, 1977).
Über Jahrhunderte hinweg bis heute wirkte sexueller Mißbrauch in seiner bedrängenden Alltäglichkeit auf das unmittelbare Umfeld der betroffenen Kinder und Jugendlichen offensichtlich als etwas Unglaubliches, das verdrängt und geleugnet werden mußte. Opfer werden trotz der zahlreichen Öffentlichkeitsarbeit bis heute mit Abwehr, Leugnung und Bagatellisierung oder auch Schuldzuweisung konfrontiert, Professionelle, die sich um ihr Schicksal bemühen, in ihrer Qualifikation in Zweifel gezogen. (Hentschel, 1996). Freud und seine Entdeckung des sexuellen Kindesmißbrauchs unter anschließender Verbannung des Phänomens in die Welt der Phantasie ist hier nur ein Beispiel unter vielen. Versucht man sein Verhalten nachzuvollziehen, wird deutlich, welch ungeheurem Druck Professionelle aller Zeiten ausgesetzt waren, die das Thema an die Öffentlichkeit bringen und Opfern Unterstützung zukommen lassen wollten (Masson, 1986).
Betrachtet man die Neuzeit, begann Ende der 70-er Jahre die Frauenbewegung neben der Gewalt gegen Frauen auch sexuelle Gewalt an Kindern in der Öffentlichkeit zu thematisieren. Selbsthilfeansätze wurden formuliert und umgesetzt. Die Öffentlichkeit sowie die Fachwelt reagierten geschockt, ungläubig und empört. Vor allem die Aussagen, daß jedes dritte oder vierte Mädchen und jeder achte bis zwölfte Junge betroffen sind, daß die Täter aus allen Schichten kommen, ganz "normale" Männer sind und daß die Opfer oftmals ihr ganzes Leben unter den Folgen leiden, führten zu diesen Reaktionen.
Einige Jahre später begannen sich auch, familientherapeutische Ansätze im Rahmen der Kinderschutzarbeit in Mißhandlungsfamilien mit diesem Thema zu befassen. Damit entstanden die ersten fachlichen Kontroversen über Ausmaß, Ursachenfragen und Interventionsansätze.
Es ist diesem Engagement, besonders aber dem Brechen des Schweigegebots Betroffener zu verdanken, daß es mittlerweile in das Bewußtsein von immer mehr Menschen gedrungen ist, daß sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder durchaus alltägliche Realität sein kann.
Sexueller Mißbrauch im Diskurs
„Die Diskussion um sexuellen Mißbrauch hat inzwischen eine wechselvolle Geschichte. Sie liest sich wie eine Reise durch verschiedene Mythen, bei der sich die Wirklichkeit ständig verwandelt.“ (Rommelspacher, 1996, S. 17)
Wo also liegt die Ursache für die Ungläubigkeit und die leidenschaftlich geführte Debatte?
Selbst in Anerkennung des Phänomens erhitzte sich die Fachwelt von Beginn an in Diskussionen über Ausmaß, Ursachen- und Interventionsfragen. Während der feministische Diskurs sexuelle Übergriffe als Gewalthandlung benannte und als Ausdruck der Machtausübung von Männern über Frauen und Mädchen deutete, wurde sexueller Mißbrauch in der Kinderschutzbewegung als eine Form von Kindesmißhandlung gefaßt. Die Wahrnehmung wurde jeweils darauf zentriert, was für die jeweilige Gruppierung bedeutsam erschien. Während feministische Modelle sich weitgehend darauf beschränkten, das Konzept der "woman-abuse"-Forschung auf sexuellen Mißbrauch von Kindern zu übertragen, konzentrierten sich familientherapeutische Ansätze auf die Dynamik innerhalb des Horts Familie. Beharrten die einen auf "dem" Machtgefälle zwischen Männern und Frauen, ignorierten die anderen jegliche Gesellschafts- und Machtstrukturen und betrachteten den sexuellen Mißbrauch als eine Form der innerfamilialen Kindesmißhandlung, für die altbewährte Konzepte bedenkenlos übernommen werden konnten.
Alle diese Modelle erweitern die Perspektive über sexuelle Gewalthandlungen an Kindern, führen jedoch zu einer ausweglosen Verwirrung, wenn sie gegeneinander ausgespielt werden. Zuweilen verkamen Falldarstellungen in diesem Kontext zu Anschauungsmaterial dahinterstehender Ideologien (Rommelspacher, 1996). In seinem Artikel "Glaubensbekenntnis und Gruppenjargon. Streitpunkte und Standpunkte zur Diskussion um sexuellen Mißbrauch" beschreibt Jörg Michael Fegert die Auswüchse der extrem polarisierten Diskussion. "Jeder Satz in der derzeitigen Diskussion über sexuellen Mißbrauch beinhaltet in Deutschland ein für die/den ‚Uneingeweihte/n‘ kaum merkliches "Glaubensbekenntnis." (Fegert, 1991, S. 47 f.) Eine differenzierte Betrachtung einzelner Schicksale vor dem Hintergrund ihrer spezifischen Biographie und innerhalb des jeweilig gegebenen sozialen Zusammenhangs der Thematik ging dabei häufig verloren.
Mitten in diese Diskussion hinein tradierte sich aufs Neue eine Bewegung der Skepsis. Die Kampagne: „Mißbrauch mit dem Mißbrauch“ verstärkte die Verunsicherung in der Fachwelt, die gerade dabei war, um rationale Kriterien der Wahrheitsermittlung bzgl. sexueller Gewalt zu ringen. Im Januar 1994 wurde dazu von der Alice-Salomon-Fachhochschule eine intern wie extern umstrittene Tagung mit dem Titel: „Sexueller Mißbrauch – Evaluation und Praxis der Forschung“ veranstaltet, die sich zum Ziel gesetzt hatte, gegen eine „ideologisierte Mißbrauchspanik und uferlose Verdächtigungshysterie“ (aus der Einladung, 1994) vorzugehen.
Die Inhalte der Kampagne lassen sich im Wesentlichen auf folgende vier Punkte zusammenfassen:
1. Das Ausmaß sexueller Gewalt sei übertrieben bzw. erfunden, werde jedoch von Seiten der Jugendämter sowie vieler, insbesondere parteilicher, Beratungsstellen leidenschaftlich inszeniert und skandalisiert (Rutschky & Wolff, 1994, S. 7);
2. Die Qualität wie Quantität der Folgen für die Opfer werde maßlos übertrieben und verzerrt dargestellt (Kutschinsky, 1994, S. 49 ff.);
3. Sexueller Mißbrauch werde in Sorgerechts- und anderen Verfahren gehäuft genutzt, um Vätern das Sorgerecht zu vereiteln. Die Verdachtsabklärung sei dabei durch unseriöses, aktionistisches, manipulatives und suggestives Verhalten geprägt (Undeutsch, 1994, S. 193 ff.).
4. Sexueller Mißbrauch sei eine feministische Erfindung, die sich nahtlos in männerfeindliches Verhalten und sexuelle Prüderie einfügen lasse: "Sexueller Mißbrauch von Kindern ist gleich Mißhandlung plus Feminismus“ (Rutschky, 1992, S. 17 f.).
In der Entgegnung wurde dargelegt, daß deutsche wie internationale Untersuchungen übereinstimmende Zahlen zu sexueller Gewalt aufweisen (Bange, 1992), nach denen jedes 4.-
5. Mädchen und jeder 8.-12. Junge davon betroffen ist. Ebenso erhöht nach zahlreichen wissenschaftlichen Erhebungen sexuelle Gewalt das Risiko, kurz- oder langfristig eine Vielfalt von Lebensproblemen zu haben, signifikant (Russel, 1986; Finkelhor, 1984; Bange, 1992; Herman, 1993).
Nach wie vor landet nur ein Bruchteil sexueller Gewalttaten vor den Gerichten. Eine behutsame und sachliche Vorgehensweise bei der Verdachtsabklärung wird dabei im Namen des Kindes und aller Beteiligten von jeder Seite gefordert. Diagnostik und Testverfahren sind bis heute in der Entwicklung.
Präventionskonzepte basieren auf dem bewußten Empfinden von Liebe, Lust und Zärtlichkeit als Grundlage ihrer Arbeit mit Mädchen und Jungen verschiedener Altersgruppen. Sensibilität gegenüber sexueller Gewalt bedeutet Sensibilität gegenüber dem Mißbrauch von Machtverhältnissen, nicht Skepsis gegenüber gleichberechtigt gelebter Sexualität.
Dennoch: das Ausmaß der Kampagne und der Verunsicherung, die in den frühen 90-er Jahren daraus erwuchs, verwies nicht nur auf die typischen "Phasen der Amnesien" in der Geschichte der Erforschung psychischer Traumata, wie sie Judith Lewis Herman für Gewaltopfer beschreibt (Herman, 1993, S. 17), sie verwies auch auf tatsächlich bestehende Defizite des Standes der Forschung und der Praxis im Umgang mit sexuellem Mißbrauch.
Als Reaktion auf diese Entwicklungen wollte die im Herbst 1995 durchgeführte Tagung „Skandal und Alltag - Sexueller Mißbrauch und Gegenstrategien“ Forschung und Praxis zu weiteren Studien und Diskussionen aus verschiedensten Richtungen anregen und zusammenführen, spezifische Problemfelder genauer beleuchten und den Kenntnisstand zu sexueller Gewalt vorantreiben. „Es gibt keine systematische Erforschung dieses Bereichs, keine theoretische Aufarbeitung der bestehenden Praxiserfahrungen und nur wenige Ansätze interdisziplinärer Zusammenarbeit“ (Hentschel, 1996, S. 10), so Gitti Hentschel im Herbst 1995 in der Einführung. Die Tagung entstand als eine Initiative der damaligen Frauenbeauftragten der ASFH in Zusammenarbeit mit dem Studienzentrum Geschlechterverhältnisse, Studierenden und der „Fachrunde gegen sexuellen Mißbrauch an Kindern in Berlin“ und war das Produkt eines gelungenen Theorie-Praxis-Verbundes. Sie setzte ein Zeichen, daß ein sinnvoller gesellschaftlicher Umgang mit dem Faktum sexueller Gewalt nicht im Hin- und Herpendeln zwischen Extrempositionen bestehen kann. Vielmehr bedarf es einer Besinnung auf das Ausmaß des Problems und einer Reflexion adäquater Reaktionen. In diesem Sinne erwies sie sich - ebenso wie zahlreiche darauf folgende Tagungen und Kongresse im Kinderschutzbereich - als effektiver Anstoß für Erkenntnisprozesse und deren Umsetzung in die praktische Arbeit gegen sexuelle Gewalt an Kindern.
Sexueller Mißbrauch heute – eine Standortbestimmung?
"Eine gegenstandsbezogene und primär auf Prävention ausgerichtete Gewaltforschung müßte daran interessiert sein, ohne Scheuklappen theoretische Ansätze und empirische Resultate aus den unterschiedlichsten Lagern zu würdigen und Möglichkeiten für Synergieeffekte auszuloten." (Godenzi, 1993, S. 26)
„Jede Intervention ist eine Interpretation der Wirklichkeit“ (Rommelspacher, 1996, S. 18). Hundertprozentige Neutralität und Objektivität ist hier nicht zu erreichen und womöglich auch gar nicht erstrebenswert. Aber zu den Aufgaben als Professionelle/r gehört eine so umfassende Auseinandersetzung mit der Thematik und Reflexionsfähigkeit, daß eine ausgewogene Balance zwischen kritiklos übernommener Ideologie und orientierungsloser Informationsüberflutung herstellbar ist. (ebenda)
Wie ist der Stand der Dinge heute? – Die Medien berichteten immer wieder über sexuellen Mißbrauch an Kindern. Bücher und Aufsätze in Fachzeitschriften erschienen. An vielen Orten fanden Podiumsdiskussionen statt. Auf diese Anstöße hin hat sich in den letzten 15-20 Jahren auch im psychosozialen Bereich ein wichtiger Wandel vollzogen, der es möglich machte, daß sexueller Mißbrauch "von einer psychopathologischen Rarität zu einer vieldiskutierten klinischen und gesellschaftstypischen Problematik wurde." (Fegert, 1991, S. 52 f.)
Familienorientierte und feministische Ansätze haben langsam ihre Barrieren und Berührungsängste überwunden. Inzwischen gibt es in der professionellen Praxis die zunehmende Übereinstimmung, daß Partei für sexuell mißbrauchte Kinder zu ergreifen bedeutet, die Verantwortung eindeutig beim Täter zu verorten, das Kind davon zu entlasten und in seinem Heilungsprozeß zu unterstützen und auch auf gesellschaftlicher Ebene alles zu unternehmen, was die Gewalt von Männern gegenüber Frauen wie auch von Erwachsenen gegenüber Kindern abbauen hilft. Andererseits hat sich durchgesetzt, in einer konkreten Interventionssituation die spezifische individuelle, familiäre und Umfeld-Situation des Kindes niemals unberücksichtigt zu lassen.
Selbst die Zusammenarbeit zwischen Polizei, Justiz und Sozialarbeit hat sich verbessert. So entstand beispielsweise das Kerpener Modell als eine gelungene Möglichkeit, die Vernetzung zwischen verschiedenen psychosozialen Arbeitsbereichen und staatlichen Instanzen in Kinderschutzfällen voranzutreiben (Raak, 1996).
Neue Forschung und Literatur ist entstanden, PraktikerInnen haben sich weitergebildet und Ergebnisse rückgemeldet. Dennoch wurden immer wieder einzelne Aspekte überbetont, andere übersehen. Schließlich und endlich rückten auch die Jungen als Opfer sexueller Gewalt mehr in den Blickpunkt des Interesses. In der letzten Zeit ist ein weiteres Tabu überwunden worden: Es wird jetzt auch über Frauen als Täterinnen gesprochen. Mütter als Täterinnen geraten erst langsam in unseren Blickwinkel, wie auch die Gleichzeitigkeit von Opferschaft und TäterInnenschaft bei Betroffenen sexueller Gewalt eine große theoretische wie praktische Herausforderung für alle in der Praxis und Forschung Tätigen darstellt. Nach wie vor gibt es Dunkelfelder und Wissenslücken. Behinderung und sexuelle Gewalt mit ihren spezifischen Problemlagen sowie sexuelle Gewalt im Kontext von Migration, ethnischen Minderheiten und Rassismus sind Themen, bei denen unsere Bemühungen um Aufschluß und fundierte Forschung noch in den Anfängen stecken.
Um die Kampagne „Mißbrauch mit dem Mißbrauch“ ist es indessen ruhiger geworden. Die Mehrzahl der PraktikerInnen haben sich eher darum bemüht, ihre Erfahrungen zu bündeln und Lösungen für konkrete Probleme zu erarbeiten. Dennoch ist es einzelnen VertreterInnen nach wie vor nicht gelungen, sich an einen runden Tisch zu begeben, um gegenseitige Vorwürfe zu klären und gemeinsam Erkenntnisse für die Praxis nutzbringend zu diskutieren. Diese Fraktionen arbeiten weiterhin isoliert voneinander – in der Praxis, der Forschung und in der Lehre an unserer und anderen Hochschulen.
Ich sehe es als eine Pflicht gegenüber Betroffenen sexueller Gewalt, aber auch gegenüber unseren Studierenden – und letztlich selbst gegenüber uns als Professionellen und Lehrenden –,Wissen sorgfältig zusammenzutragen, gemeinsam von verschiedenen Seiten zu beleuchten und zu diskutieren und in die Lehre wie Praxis einzubringen, um sie dort auf ihre Tragfähigkeit hin zu überprüfen. Schließlich geht es bei dieser Diskussion auch um die so notwendige Reflexion vielschichtiger Machtverhältnisse und das Selbstverständnis psychosozialer Professionen, sich darin integer und parteilich für ihr Klientel zu bewegen. Vielleicht gibt es ja neben den jahrhunderte- und jahrtausendelangen Amnesien und Verleugnungen bestimmter Phänomene unserer Gesellschaft auch noch andere Wege der Vernunft und Konstruktivität im Umgang miteinander und mit einem Problemfeld psychosozialer Arbeit, das eigentlich all unseren Einsatz und unsere Energie benötigt, um Betroffenen – seien sie noch Kinder oder bereits Erwachsene, seien es Männer oder Frauen, seien sie deutsch oder nicht-deutsch, behindert oder nicht behindert - möglichst konstruktiv zur Seite zu stehen.
Silke Gahleitner ist Doktorandin im Alice-Salomon-Stipendienprogramm und Lehrbeauftragte an der ASFH.
Literatur:
Amann, G. & Wipplinger, R. (Hrsg.). (1998). Sexueller Mißbrauch. Überblick zu Forschung, Beratung und Therapie. Ein Handbuch. 2. Auflage. Tübingen, DGVT-Verlag.
Bange, D. (1992). Die dunkle Seite der Kindheit. Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen. Außmaß - Hintergründe - Folgen. Köln: Volksblatt Verlag.
De Mause, L. (1977). Gequält, mißbraucht, ermordet. Psychologie Heute, 1977, 4 (7), S. 48-55.
Enders, U. (Hrsg.). (1995). Zart war ich, bitter war's. Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen. Erkennen - Schützen - Beraten. Köln: Volksblatt Verlag.
Fegert, J. M. (1991). Glaubensbekenntnis und Gruppenjargon - Streitpunkte und Standpunkte zur Diskussion um "Sexuellen Mißbrauch". In D. Janshen (Hrsg.), Sexuelle Gewalt. Die allgegenwärtige Menschenrechtsverletzung, S. 47-85. Frankfurt: Zweitausendeins.
Finkelhor, D. (1984). Child Sexual Abuse. New Theory and Research. New York: Sage.
Godenzi, A. (1993). Gewalt im sozialen Nahraum. Basel / Frankfurt/M: Helbing & Lichtenhahn
Hentschel, G. (Hrsg.). (1996). Skandal und Alltag. Sexueller Mißbrauch und Gegenstrategien. Berlin: Orlanda.
Herman, J. L. (1993). Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden. München: Kindler.
Kind im Zentrum (Hrsg.). (1999). Wege aus Wege aus dem Labyrinth. Erfahrungen mit familienorientierter Arbeit zu sexuellem Mißbrauch. Berlin: Herausgeber.
Kutschinsky, B. (1994). Mißbrauchspanik. Häufigkeit und Befund sexuellen Kindesmißbrauchs. In K. Rutschky & R. Wolff Handbuch Sexueller Mißbrauch (S. 49-62). Hamburg: Klein-Verlag.
Janz, U. (1990). Die Normalität der Gewalt - die Gewalt der Normalität. "Ihrsinn". Bochum, 1990-1, S. 46-56.
Masson, J. M. (1986). Was hat man dir, du armes Kind, getan? - Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie. Hamburg: Rohwolt.
Raak (1996). Effektiver Opferschutz bzw. Kinderschutz durch Zusammenarbeit – das Kerpener Modell. In Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport (Hrsg.), Vom Umgang der Jugendhilfe und der Justiz mit dem Kinderschutz (S. 60-65). Bericht über die interdisziplinäre Fachtagung der sozialpädagogischen Fortbildungsstätte Haus Koserstraße vom 25.-26. September 1996 in Berlin: Druckerei Konrad.
Rommelspacher, B. (1996). Kontroverse Diskurse. Sexueller Mißbrauch und seine Ideologien. In G. Hentschel (Hrsg.), Skandal und Alltag. Sexueller Mißbrauch und Gegenstrategien, S. 17-34. Berlin: Orlanda.
Russel, D. E. H. (1986). The Secret Trauma. Incest in the Lives of Girls an Women. New York: Basic Books.
Rutschky, K. (1992). Erregte Aufklärung. Kindesmißbrauch: Fakten und Fiktionen. Hamburg: Klein-Verlag.
Rutschky, K, & Wolff, R. (1994). Handbuch Sexueller Mißbrauch. Hamburg: Klein-Verlag.
Undeutsch, U. (1994). Verbrechen gegen die Sittlichkeit. Kinder als Opfer und Zeugen. In K. Rutschky & R. Wolff Handbuch Sexueller Mißbrauch (S. 173-195). Hamburg: Klein-Verlag.
Wirtz, U. (1990). Seelenmord. Inzest und Therapie (2. Aufl.). Zürich: Kreuz Verlag.



