Quer Nr. 16/2009: 100 Jahre
Editorial
Liebe Leser_innen!
Lange hat es gedauert bis sie fertig wurde, aber jetzt halten Sie sie in den Händen - die QUER 16.
Am Anfang stand die Idee, um das 100jährige Bestehen der Alice Salomon Hochschule ein Heft zu füllen, dass sich 100 Jahre (und mehr) Frauenbewegung anschaut, wiederkehrende Themen aufgreift und aus der heutigen Perspektive anschaut. In nun fast einem Jahr Bearbeitungszeit gab es viele Verschiebungen und was sich ergeben hat sind Schlaglichter ganz unterschiedlicher Perspektiven - aktuelle und kontinuierliche, lokale und internationale, sehr persönliche oder strukturelle.
Im Schwerpunkt unternimmt Gudrun Perko eine kritische Bestandsaufnahme der Kontinuitäten zu "Kritik des Antijudaismus, Antisemitismus und Rassismus gegen die Neue Frauenbewegung in Theorie und Praxis und ihre Aktualität in Queer Studies" und zeigt auf, welche Reflektionsschritte unternommen werden sollten, um bei der Auseinandersetzung um Antisemitismus und Rassismus nicht schon beinahe tradiert politisch korrekte Lippenbekenntnisse innerhalb der Queer Studies fortzusetzen.
Christian Schenk gibt einen Einblick in die Lebensrealität lesbischer Frauen in der DDR. Hier beleuchtet er drei Ebenen: die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen, die Normen und Werte und die politischen Rahmenbedingungen für politische Selbstorganisation. In einem teilweise mit der BRD vergleichenden Resümee zieht er Parallelen zwischen dem Umgang mit Homosexualität und der "Angst der SED vor einem freien Meinungsaustausch", die zu Demokratiedefiziten führten, an denen die DDR letztendlich "zugrunde gegangen" ist.
Mit den Folgen von Kriegsverbrechen gegen Frauen und der wenig angemessenen Repräsentationen der Betroffenen in - nicht nur medialen - Diskursen setzt sich Marija Madunic in ihrem Artikel zum "Umgang mit Massenvergewaltigungen in Kriegen" und der konstruierten Frage nach den bosnischen Musliminnen als "doppelten Opfern oder selbstbewussten Sozialistinnen" auseinander. Sie stellt dar, wie Vergewaltigungen in Kriegen gezielt als Waffe eingesetzt werden und die Frauen, die das Schweigen brechen mit zusätzlichen Stigmatisierungen zu kämpfen haben.
Für die Standpunkte erzählt uns miss nói von ihrer ersten Begegnung mit Annie Sprinkle, entfaltet eine ganz persönliche Sicht auf sex positive-Feminism und dankt Miss Sprinkle ganz herzlich dafür.
Einige Mitglieder des NoChristival-Bündnisses geben uns Einblicke in die "Chancen und Stolpersteine einer all-gender-Organisierung in (queer-)feministischen Kontexten". Anhand einer kritischen (Selbst-)Reflektion werden Chancen für Lernprozesse für zukünftige gemeinsame Aktionen aufgezeigt.
Eine der schon fast klassisch(st)en feministischen Auseinandersetzungen um den § 218 nimmt Maria Wersig unter eine aktuelle Lupe. Anhand der Debatte um Spätabtreibungen sieht sie einen Rückschritt in der Forderung nach Selbstbestimmung und kommt zu dem Schluss: "Dein Bauch gehört nicht Dir!"
In den Rezensionen finden sich ein relativ altes und ein sehr neues Buch. "Der feministische 'Sündenfall' - Antisemitische Vorurteile in der Frauenbewegung", herausgegeben von Charlotte Kohn-Ley und Ilse Korotin, besprochen von der hier Schreibenden und "Eine Formel bleibt eine Formel... Gender- und diversitygerechte Didaktik an Hochschulen: ein intersektionaler Ansatz" von Leah Carola Czollek und Gudrun Perko, besprochen von Heike Weinbach.
In der neuen Rubrik "Internationales" unternimmt Aseman Moghadam eine soziologische Reflektion der Frauenbewegung im Iran und stellt die These auf, dass "diese Frauenbewegung erfolgreich(er)" ist.
Ein herzlicher Dank geht an Trouble X für den Comic "Queer", den wir hier unter Verweis auf copy-riot abdrucken dürfen.
Ich hoffe, wir treffen mit dem einen oder anderen Artikel auf Ihr Interesse - am liebsten natürlich mit dem ganzen Heft.
Über Rückmeldungen freuen wir uns sehr.
Ihre Tanja Abou