Interview Forschung und Film passen sehr gut zusammen

Der brasilianische Professor für Soziologie und Dokumentarfilmer Hermílio Santos über die Verknüpfung von Forschung und Film, warum die Regierung in Brasilien die Sozialwissenschaften abbauen will und warum er einen Film über Alfred Schütz gedreht hat

 

 

Vergrößern: Hermílio Santos im Gespräch mit Sarah Rüge
Hermílio Santos im Gespräch mit Sarah Rüge nach der Präsentation seines Dokumentarfilms „Lebenswelt - Die Soziologie von Alfred Schütz" an der ASH Berlin © Christiane Schwausch

alice online: Herr Santos, bitte stellen Sie sich kurz vor.

Hermílio Santos: Ich bin Brasilianer und Professor für Soziologie an der PUCCRS, einer privaten Universität in Südbrasilien. Seit 2018 bin ich zudem Präsident der Sektion Biografie und Gesellschaft von der „International Sociological Association" (ISA). Neben meiner Funktion als Soziologieprofessor verstehe ich mich auch als Dokumentarfilmer, da ich schon einige Filme gedreht habe und noch weitere in Planung sind.

alice online: Was hat Sie an die ASH Berlin geführt?

Hermílio Santos: Alle meine drei Filme wurden bereits hier vorgeführt. Ich bin in den letzten Jahren oft hier gewesen – es gibt einen Kooperationsvertrag zwischen meiner Universität und der ASH Berlin. Nächstes Jahr wird eine Studentin der ASH Berlin für ein Semester zu uns nach Porto Alegre an die Universität kommen.

alice online: Wie kamen Sie neben Ihrer Forschungstätigkeit zum Dokumentarfilm?

Hermílio Santos: Das fing 2010, während meiner damaligen Forschung über inhaftierte Jugendliche, an. Diese Feldforschung war meinen Student_innen nicht zugänglich, aber ich wollte sie mit ihnen und anderen Interessierten teilen, so entstand der erste Film. Dann kam sechs Jahre später der zweite Film. Zu dieser Zeit koordinierte ich eine großangelegte Forschung, in der es um die tägliche Gewalterfahrung von Kindern in den Favelas in Rio, Sao Paulo und Recife im Nord-Osten Brasiliens ging. Wir fanden heraus, dass es häufig zu sehr heftiger Gewalt gegen Kleinkinder kommt, die oft von den Müttern ausgeübt wird. Gleichzeitig sagten viele Mütter, dass Gewalt nichts bringt, sondern der Dialog eine bessere Alternative wäre. Demnach ist es also nicht ein Problem der Moral, sondern ein Problem der pragmatischen Effizienz. Es kam heraus, dass viele Mütter nicht wussten, wie eine dialogische Konfliktlösung und Erziehung umzusetzen ist. Unsere Forschung wurde damals von einer holländischen Stiftung gefördert und am Ende war noch etwas Geld übrig,  dass wir zurück nach Holland schicken sollten. Dann habe ich gefragt, ob wir damit nicht einen Film über Projekte zur Dialogförderung drehen könnten. Ich wollte die Aussagen der Frauen visualisieren und habe daraufhin verschiedene Projekte ausfindig gemacht, die den Dialog auf unterschiedliche Weise fördern. Den Film habe ich gemeinsam mit meiner Doktorandin gedreht. Wir waren an fünf unterschiedlichen Orten in Brasilien und haben dort jeweils eine Woche Kinder interviewt. Der Film „Infancia Falada – Histories of Transformation Based on Dialogue" (2016) war dann das Ergebnis.

alice online: Ist das drehen von Dokumentarfilmen für Sie eher eine soziologisch wissenschaftliche Arbeit oder sehen Sie sich dabei mehr als Dokumentarfilmer?

Hermílio Santos: Früher habe ich gedacht, die Soziologie und der Film sind zwei getrennte Sachen, aber langsam merke ich, dass ich beides direkt miteinander verknüpfen kann. Ich denke über ein neues Forschungsthema nach und sofort wird ein Film mitgedacht. Also jede Forschung entsteht jetzt von Anfang an gemeinsam mit einem Film. Ich habe meinen zweiten Film in vielen Universitäten in Brasilien und anderen Ländern vorgeführt, was mir gezeigt hat, dass ich mit Dokumentarfilmen auch Universitäten erreichen kann, die ich mit meinen Forschungsberichten nicht erreicht hätte. Insofern ist mir durch diesen Prozess klar geworden, dass Forschung und Film sehr gut zusammen passen, zumindest um die Thematik zu verbreiten und ein breites Publikum zu erreichen.

alice online: Ihr aktueller Film handelt von Alfred Schütz. Warum?

Hermílio Santos: Zum einen weil bei uns in Brasilien Alfred Schütz zwar bekannt ist, aber seine Werke innerhalb der Soziologie nicht sehr einflussreich sind. Zum anderen ist seine Soziologie sehr wichtig für die Methode, die ich in meiner Forschung benutze – die Biografieforschung nach Fritz Schütze und Gabriele Rosenthal. Insofern wollte ich den Film drehen, um die Art und Weise von Alfred Schütz´s Soziologie zu konzipieren, zu verbreiten.

alice online: Welche Aspekte von Alfred Schützes Werk sind für Sie und ihre Arbeit am Spannendsten und besonders relevant?

Hermílio Santos: Da gibt es einiges, zum Beispiel der Ansatz, die subjektive Perspektive von Menschen, die eine Erfahrung mit einem bestimmten Phänomen haben, wissenschaftlich soziologisch zu berücksichtigen. Ich interessiere mich beispielsweise für Gewalt oder Migration und die subjektive Erfahrung der Menschen mit diesen Phänomenen ist sehr wichtig, um diese Phänomene zu verstehen – das ist Schütz´s Soziologie. Er hat die Soziologie von Weber weiter entwickelt und dieser Ansatz ist sein Kernpunkt: um verschiedene Phänomene zu verstehen, dürfen wir die subjektive Perspektive nicht unbeachtet lassen. Weiter finde ich die Temporalität sehr wichtig. Er hat diese Zeitlichkeit systematisch in die Soziologie eingebaut, welche ein sehr wichtiger Punkt für die Entwicklung der Biografieforschung von Fritz Schütze darstellt. Das sind für mich sehr wichtige Aspekte.

„Die brasilianische Regierung hat beschlossen, 80 Prozent der Stipendien für Magister und Promovierende abzuschaffen."

alice online: Wie geht es Ihnen als engagiertem Sozialwissenschaftler mit der brasilianischen Regierung, die sich aus politischen Gründen dafür ausgesprochen hat die Soziologie und Philosophie abzubauen? Macht sich das bereits an Ihrer Universität bemerkbar?

Hermílio Santos: Wir sind keine öffentliche Universität aber eine Forschungsuniversität und wir bekommen öffentliche Gelder für unsere Forschung und Auslandsaufenthalte. Wir hatten ein Programm des Bundesministeriums für Bildung und bisher ein bestimmtes Budget auf drei Jahre, welches jetzt für fünf Jahre verwendet werden muss. Außerdem wurde von der Regierung beschlossen, 80 Prozent der Stipendien für Magister und Promovierende abzuschaffen, was sich stark auf die akademischen Aktivitäten an den Universitäten auswirken wird. Natürlich weiß Jair Bolsonaro, dass seine Maßnahmen ständig an den Universitäten diskutiert und kritisiert werden und natürlich will er diese Form der Kritik abschaffen, indem er die Sozialwissenschaften abbaut.

alice online: Gibt es in Brasilien oder auch international eine Gegenbewegung dazu?

Hermílio Santos: Direkt nachdem die Rede von der brasilianischen Regierung gehalten wurde, gab es über eine Millionen Menschen, die mit den Universitäten verbunden sind, die auf die Straße gegangen sind um dagegen zu demonstrieren. Viele brasilianische und internationale wissenschaftliche Institutionen, wissenschaftliche Vereine, Individuen und Universitäten sind an die Öffentlichkeit gegangen und haben ein Manifest unterschrieben.

alice online: Wollen Sie uns einen Ausblick auf weitere geplante Filme geben?

Hermílio Santos: Ich habe vier Filme geplant, die als Serie mit unterschiedlichen Episoden konzipiert sind. Ich arbeite derzeit an einer biografischen Forschung mit Frauen, die im Gefängnis leben  und jetzt folgt eine Forschung mit Kindern, die im Gefängnis geboren sind. Dieses Forschungsprojekt ist von Anfang an mit einem Dokumentarfilm über die Ergebnisse verknüpft, um die Situation der Kinder im Gefängnis an die Öffentlichkeit zu bringen. Ein weiterer Film ist schon fast fertig, er behandelt das Thema Grenzen, der Film heißt „Die soziale Konstruktion von Grenzen". Er zeigt alle möglichen Aktivitäten und Akteur_innen, die in Grenzgebieten aktiv sind. Und ich arbeite derzeit noch an einem Film über Biografieforschung, der thematisch mit dem Film über die Lebenswelt und Alfred Schütz zusammenhängt. Beide Filme sind sozusagen methodische Filme zur epistemologischen Fundierung von Biografieforschung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Sarah Rüge, Studentin im Master Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik.