Podiumsdiskussion, Gesundheit, Hochschulleben „Brauchen wir eine Berufskammer für Therapeut_innen?“

Diese Frage diskutierten Expert_innen an der ASH Berlin im Rahmen des von Prof. Dr. Heidi Höppner geleiteten Moduls "Akteur_innen im Gesundheitswesen"

Vergrößern: Heidi Höppner steht vor Publikum und spricht
© ASH Berlin

Was leistet eine Berufskammer? Was macht sie anders als Berufsverbände? Wie erhalten Berufsangehörige der Therapie eine Stimme im Gesundheitswesen, damit sie über ihre eigenen Anliegen mehr selbst entscheiden und ihre Bedeutung für die Gesellschaft und die Gesundheit der Bevölkerung deutlich machen? 

Diesen Fragen stellten sich Studierende des Studiengangs Physio-/Ergotherapie der ASH Berlin auf einer öffentlichen Podiumsdiskussion am 23. Oktober 2019. Das Modul „Akteur_innen im Gesundheitswesen“, das aktuell Prof. Heidi Höppner verantwortet, ist auf berufs- und gesundheitspolitische Inhalte der Therapieberufe ausgerichtet und greift aktuelle Themen auf. Ziel der Diskussion war es, Studierenden und Interessierten die Möglichkeit zu geben, sich selbst eine Meinung zur Berufskammer zu machen und von Expert_innen verschiedene Argumente zu berufspolitischen Diskussionen zu hören. Podiumsteilnehmende waren:  Dr. Ellis Huber, ehemaliger Präsident der Ärztekammer und Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Präventologen, Dr. Björn Pfadenhauer, Geschäftsführer im Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten/IFK e.V., Rainer Grossmann, Vorstandsmitglied von PHYSIO DEUTSCHLAND Länderverbund Nordost e.V., Physiotherapeut und Praxisinhaber und Beatrix Watzl, Mitglied der Initiative Therapeutenkammer Berlin, Physiotherapeutin und Praxisinhaberin. Die Moderation übernahm Prof. Dr. Heidi Höppner.  65 Interessierte waren anwesend. Neben den Studierenden und Mitarbeitende der ASH kamen Kolleginnen und Kollegen aus Therapieeinrichtungen und Fachschulen sowie Berufsverbänden.  

Ellis Huber stellte den Charakter von Berufskammer heraus. Eine Berufskammer stehe demnach für Gemeinwesenorientierung und Selbstverwaltung und damit für Verantwortungsübernahme und dezentrale Autonomie. Konkret heiße das: Die Interessen der Patient_innen stehen im Zentrum der gesundheitlichen Versorgung. Mit einer Kammer wären Therapeut_innen gefordert, Verantwortung für ihr berufliches Handeln zu übernehmen. Ziel sei es, ein hohes Maß an Gesundheit für die Bevölkerung zu ermöglich.

Unter der Rahmenbedingung einer Berufskammer können sich Therapeutinnen und Therapeuten neue Handlungsfelder erschließen, die der besseren Versorgung der Bevölkerung mit Therapie dienen, beispielsweise in der Versorgung benachteiligter Bevölkerungsgruppen oder in Bereichen, zu denen die Therapie noch keinen Zugang hat, wie patientenorientierte Komplexversorgung – so Ellis Huber.

Der größte Unterschied zu einer Verbandmitgliedschaft, die freiwillig und freigewählt ist, sei die verbindliche Zughörigkeit zu einer Kammer und damit auch die finanzielle Aufgabe, die Kammerarbeit zu realisieren. Eine Kammer umfasst alle Berufsangehörigen. Rainer Grossmann machte in diesem Zusammenhang auf die berufliche Identität der Therapieberufe aufmerksam. Das Gemeinsame und Verbindende fehle Therapeut_innen noch.

Björn Pfadenhauer zeigte auf, warum Berufsverbände der Kammeridee kritisch gegenüberstehen. Eine Kammer sei nicht ausreichend wirkungsvoll und ihr Nutzen würde vielfach überschätzt. Aufgaben von Kammern und Verbänden würden sich zudem überschneiden. Er befürchtet Doppelstrukturen und Konkurrenzkämpfe um Aufgabenbereiche. Stellungnahmen und Mitwirkungen bei Gesetzgebungsverfahren wären beispielsweise sowohl für eine Berufskammer, als auch für Verbände möglich. Anstatt einer Kammer schlägt Pfadenhauer daher andere Strukturen vor, die die Situation der Therapieberufe deutlich besser voranbrächten. Dazu zählt vordergründig der stärkere Zusammenschluss der maßgeblichen Verbände, wie im Spitzenverband der Heilmittelerbringenden (SHV) begonnen. Außerdem würde gegenwärtig geprüft, ob ein Kassentherapeutischer Verbund die Zukunft der Therapieberufe und die Patientenversorgung besser gestalten kann.

Für Beatrix Watzl sind Verbände und Berufskammer keine konkurrierenden Strukturen. Sie sieht in der Kammer die Möglichkeit, verstärkt gleichberechtigt mit anderen Playern im Gesundheitswesen zusammen zu arbeiten. Therapieberufe werden auf berufspolitischer Ebene durch Verbände vertreten. Für wesentliche Entwicklungen sei der Einfluss der Verbände in die Politik jedoch begrenzt, denn auf berufspolitischer Ebene haben sie nur nach Einladung der entsprechenden Stellen die Möglichkeit, sich zu berufsrelevanten Entwicklungen zu äußern, wie bspw. zum Heilmittelkatalog, der im GBA verhandelt wird. Sie sind jedoch ohne Mitsprache– und Gestaltungsrecht.

Das Publikum nahm rege an der Diskussion teil und stellte Fragen zur Aufgabenteilung oder Pflichtmitgliedschaft bzw. den Beiträgen, die von Berufsangehörigen verlangt würden. Die Podiumsgäste positionierten sich für die Zukunft klar. Sie sind der Meinung, dass mehr Verantwortung übernommen werden muss, ob für den geforderten Direktzugang oder in dezentralen Verantwortungsgemeinschaften. Professionalisierung und Akademisierung müssen vorangebracht werden und die Vergütung auf ein angemessenes Niveau gehoben werden. Konsens war, dass es eine starke akzeptierte Struktur braucht: Wie der Weg dazu aussehen könnte und ob die Kammer das Ziel ist - das sei noch stärker zu diskutieren.