Begleitete Elternschaft „Wir schaffen das, was wir nie gedacht hätten, dass wir das können.“

ASH Studentin Lucia Wendt spricht im Interview mit Sozialarbeiter Eckart Nebel über seine Arbeit in der Begleiteten Elternschaft

Vergrößern: Vier Schatten von Menschen auf Asphalt
„Wenn ich begleite, dann kann ich das nur so tun, dass ich mit den Schritten mitgehe, die die Person geht."

alice online: Sie sind Sozialarbeiter und arbeiten in dem Bereich Begleitete Elternschaft. Können Sie sich mit ein paar Worten kurz vorstellen?

Eckart Nebel: Zur Sozialen Arbeit bin ich erst recht spät gekommen. Nach Jahren als Straßenmusiker, später als Theaterregisseur und Veranstalter von Open-Air-Events, habe ich vor 16 Jahren über die Einzelfallhilfe für autistische Kinder in dieses Arbeitsfeld gefunden. Vor zehn Jahren habe ich dann an der ASH Berlin im Studiengang BASA-online begonnen, berufsbegleitend Soziale Arbeit zu studieren. Seit 2014 arbeite ich in der Begleiteten Elternschaft bei COMES e.V., einem Träger der Eingliederungshilfe in Lichtenberg, erst drei Jahre als Bezugsbetreuer und Familienhelfer, seit 2017 in der Leitung des Geschäftsfelds Begleitete Elternschaft. Außerdem habe ich inzwischen auch Lehraufträge im Studiengang BASA-online an der ASH Berlin.

 

alice online: Was bedeutet genau Begleitete Elternschaft? Und wer sind Ihre Adressat_innen?

Eckart Nebel: In der Begleiteten Elternschaft unterstützen wir Eltern mit Lernschwierigkeiten, also Mütter und Väter mit geistiger und psychischer Beeinträchtigung und ihre Kinder. Generell ist es unser Anliegen dabei, die Eltern in ihrer Elternrolle zu stärken, egal ob die Kinder bei ihnen leben oder stationär untergebracht sind.

 

alice online: Und was sind konkret die Angebote für die Eltern?

Eckart Nebel: Unsere Arbeit ist ausschließlich ambulant aufsuchend, wir haben keine stationären Angebote. Wir arbeiten mit den einzelnen Familien im Bezugsbetreuersystem und bieten auch Gruppenangebote an. In den Gruppenangeboten gibt es sowohl Angebote, wo wir speziell mit den Kindern arbeiten, z.B. Spielenachmittage, als auch familienfördernde Angebote wie z.B. gemeinsames Kochen. Es gibt Reisen, gemeinsame Ausflüge in den Ferien, also alles, was die ganze Lebenswelt der Familien abdeckt. In den Gruppen ist es ja so, dass die Familien auch miteinander in Kontakt kommen und nicht nur mit ihrer/m jeweiligen Familienhelfer_in oder ihrer/m Bezugsbetreuer_in, sondern dass sie auch untereinander Kontakt und Austausch finden. Diese Art von Peer-To-Peer-Austausch gibt es in der Familienhilfe sonst eher selten.

„Eingliederungs- und Familienhilfe werden als verzahnte Hilfen angeboten."

alice online: Ich habe erst durch Sie von dem Arbeitsbereich ‚Begleitete Elternschaft‘ gehört. Seit wann gibt es BEL und wie ist dieses Arbeitsfeld entstanden?

Eckart Nebel: Das Konzept der Begleiteten Elternschaft gibt es seit ca. 15-20 Jahren, es ist also eine relativ neue Entwicklung. Bei COMES gibt es das BEL seit zehn Jahren. Dieser Träger hat sich ursprünglich gegründet aus der Enthospitalisierungsbewegung Anfang der 90er Jahre, als die Psychiatrien und Heime für geistig behinderte Menschen in der ehemaligen DDR aufgelöst wurden. Da haben die ehemaligen Heimbetreuer_innen angefangen, mit den Bewohner_innen in der Eingliederungshilfe zu arbeiten, eben die Menschen ambulant zu betreuen und dann ist es einfach dazu gekommen, so wie es eben im Leben kommt, dass Klient_innen Eltern wurden. Dann hat man öfters erlebt, dass das Jugendamt ins Spiel kam und wenn dann ein anderer Träger die Familienhilfe übernahm, kam es oft zu Reibungsverlusten, weil die Eingliederungshilfe mit der Familienhilfe nicht optimal zusammenarbeitete. Daraus ist dann das Geschäftsfeld Begleitete Elternschaft entstanden, in dem wir Eingliederungs- und Familienhilfe als verzahnte Hilfen anbieten. Bei uns heißt das, dass dieselbe Familie von zwei Mitarbeiter_innen aus demselben Team unterstützt wird, einmal in der Familienhilfe und dann in der Eingliederungshilfe.

 

alice online: Welches Finanzierungsmodell haben Sie?

Eckart Nebel: Wir finanzieren uns komplett aus Entgelten, das heißt wir arbeiten mit den einzelnen Familien und bekommen dafür unser Geld. Wir haben also keinerlei Projektfinanzierungen, sondern nur die im Land Berlin geregelten Entgelte für die Arbeit mit den jeweiligen einzelnen Familien.

 

alice online: Und auf welcher gesetzlichen Grundlage arbeiten Sie?

Eckart Nebel: Ja, das ist das Spezielle an dem Konzept der Begleiteten Elternschaft, dass wir sowohl Familienhilfe nach SGB VIII, als auch Eingliederungshilfe nach SGB XII anbieten. Das heißt, wir arbeiten in zwei Gesetzbüchern gleichzeitig. In der Familienhilfe mit einem erziehungsunterstützenden Angebot, wir helfen den Eltern also in ihrer familiären Situation, sich mit ihren Kindern zu entwickeln. Und in der Eingliederungshilfe sind wir an der Seite der Eltern mit Lernschwierigkeiten, um sie in ihren alltäglichen Belangen zu unterstützen, d.h. Wohngeldanträge ausfüllen, Probleme auf der Arbeit klären, Schuldenregulierung, Wohnungssuche … die ganzen Belange, die die Eltern als solche auch einfach für sich haben.

 

alice online: Sie haben es also mit zwei verschiedenen Gesetzbüchern zu tun. Über welche Ämter beantragen Sie die Hilfen nach SGB VIII und SGB XII?

Eckart Nebel: Bei der Familienhilfe (SGB VIII) ist unser Gegenüber das Jugendamt. Beim SGB XII, der Eingliederungshilfe, ist es der sozialpsychiatrische Dienst. Die Anträge stellen die Eltern selbst.

 

alice online: Und was sind die jeweiligen Paragrafen, mit denen Sie arbeiten und über die  sich der Verein finanziert?

Eckart Nebel: In der Eingliederungshilfe arbeiten wir nach § 53 aus dem SGB XII. Das ist der Paragraf, der sagt, dass Menschen, die Einschränkungen haben, einen Rechtsanspruch auf Unterstützung für ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben haben. Im Bereich der Jugendhilfe, also im SGB VIII bieten wir hauptsächlich Familienhilfe nach § 31 an, also Unterstützung für Eltern, die Schwierigkeiten im familiären Zusammenleben haben. Dann haben wir teilweise auch Hilfen nach § 30, das ist die sogenannte Erziehungsbeistandschaft. Nach diesem Paragrafen hat das Kind, dessen Eltern die Erziehung ungenügend gewährleisten können, ein Anspruch auf Erziehungsbeistandschaft. Das Wort selbst erklärt das eigentlich schon ganz gut. Es ist eher eine kompensatorische Hilfe und wird meistens für ältere Kinder, also von 12 bis 18 Jahren eingesetzt. Bei kleineren Kindern würde man im Normalfall keine Erziehungsbeistandschaft machen. Man würde gucken, dass man die Eltern unterstützt, dass sie besser mit ihren Kindern zurechtkommen und natürlich auch einen Blick darauf haben, ob es eventuell Gefährdungsaspekte gibt, die angesprochen werden müssen.

 

alice online: Welche Berufsgruppen können in der begleiteten Elternschaft arbeiten?

Eckart Nebel: Das sind Sozialarbeiter_innen, Heilerziehungspfleger_innen und Diplom-Pädagog_innen.

 

alice online: Wie sieht denn ein typischer Arbeitstag in der Begleiteten Elternschaft aus?

Eckart Nebel: In der Begleiteten Elternschaft gibt es einen großen Abstimmungsbedarf der Fachkräfte untereinander. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass in diesen verzahnten Hilfen und in der Arbeit in komplexen Familiensystemen, wo man mit unterschiedlichen Aufträgen, mit unterschiedlichen Personen arbeitet, dass es da einen hohen Abstimmungsbedarf gibt. Wir stellen uns also vor, die Mitarbeiterin geht morgens erstmal zu einer Teamsitzung in den Treffpunkt. Da wird sowohl der Ablauf der Gruppenangebote, die Planung der ganzen Arbeit gemacht, aber es werden auch die einzelnen Familien besprochen. Also das ist dann die Teamsitzung, 3 Stunden, ordentlich Zeit, dann fährt die Mitarbeiterin z.B. zu einem Hausbesuch. Das ist dann vielleicht in der Mittagszeit, da sind die Kinder noch nicht zu Hause und sie besucht eine Klientin, die sich gerade um einen Werkstattplatz bemüht. Sie würde also helfen Anträge zu stellen, mit Ämtern zu telefonieren, das ist also Eingliederungshilfe. Dann hat sie nachmittags z.B. noch einen Termin in einer Familie, wo sie mit dem Vater zusammen in der Kita das Kind abholt und dann mit denen nach Hause oder noch auf den Spielplatz geht. Das wäre so ein Arbeitstag und am nächsten Tag hätte sie statt der Teamsitzung eine Hilfekonferenz im Jugendamt, wo es um die Verlängerung einer Familienhilfe geht oder eine neue Hilfe eingesetzt wird und nachmittags würde sie mit einem Kollegen ein Gruppenangebot im Treffpunkt machen.

„Wir arbeiten mit Menschen mit Lernschwierigkeiten, für die es oft schwierig ist, schnell Informationen zu verarbeiten und gleich entsprechend zu reagieren."

alice online: Sie beschreiben, dass beispielsweise der Vater beim Abholen des Kindes aus der Kita begleitet wird und sie gemeinsam auf den Spielplatz gehen. Welcher Auftrag der Begleiteten Elternschaft wird dabei denn konkret erfüllt?

Eckart Nebel: An diesem kleinen Beispiel mit dem Abholen von der Kita kann man das ganz gut zeigen. Das ist ein Familienhilfetermin bei dem dann Netzwerkarbeit eine Rolle spielt. Die Mitarbeiterin hat da ja auch Kontakt mit den Erzieher_innen. Wir arbeiten mit Menschen mit Lernschwierigkeiten, für die es oft schwierig ist, schnell Informationen zu verarbeiten und gleich entsprechend zu reagieren. Umgekehrt werden die Eltern oft nicht für voll genommen und es wird über ihre Köpfe hinweg entschieden. Da sind wir als Vermittler_innen und Moderator_innen gefragt. Insofern ist Netzwerkarbeit bei uns oft Übersetzungsarbeit – in beide Richtungen. Auch die Begleitung zum Spielplatz klingt natürlich erst einmal sehr lapidar, aber da kann das passieren, was man Lernen am Modell nennt. Das heißt, es gibt eine Situation, in der sich der Vater irgendwie mit einer Bekannten, die er auf dem Spielplatz getroffen hat, unterhält und die Familienhelferin vielleicht mit dem Kind kleine Versteckspielchen macht. Aber sie macht das nicht einfach nur kompensatorisch und nimmt dem Vater das Kind ab, sondern sie guckt auch, an welcher Stelle sie den Vater mit ins Spiel einbeziehen kann und hat so eine kleine Spielidee vermittelt. Lernen am Modell: Was kann man alles mit seinen Kindern anstellen, gemeinsam erleben, wie kann sich ein familiärer Alltag lebendig und interaktiv gestalten? Das ist sehr unspektakulär und man würde, wenn man als Spaziergänger_in am Spielplatz vorbeigeht, vielleicht gar nicht mitkriegen, dass da eine Familienhelferin dabei ist. Es wäre gut, wenn man es nicht mitkriegen würde, sondern wenn die Familienhelferin mit drin ist und mit kleinen Interventionen im Alltag den Eltern hilft, aktiv die Elternrolle zu füllen.

 

alice online: Sie haben vorhin von verzahnten Hilfen gesprochen. Können SIe das noch etwas näher erläutern?

Eckart Nebel: Wenn wir in derselben Familie sowohl mit Eingliederungs- als auch mit Familienhilfe arbeiten, sprechen wir von verzahnten Hilfen. Bei uns sind das, wie schon gesagt, immer zwei verschiedene Personen aus einem Team. Für die Familien ist es oft sinnvoll, diese beiden Aspekte oder diese beiden Aufträge, die ja auch von zwei verschiedenen Ämtern kommen, klar zu trennen. Für viele Elternteile ist es ein ganz neues Erlebnis, wenn der/die Bezugsbetreuer_in aus der Eingliederungshilfe tatsächlich nur für sie da ist. Da wäre eine Vermischung mit Erziehungsthemen kontraproduktiv.

 

alice online: Sie hatten vorhin von dem hohen Abstimmungsbedarf gesprochen. Können Sie auch das noch erläutern?

Eckart Nebel: Wenn wir davon ausgehen, dass soziale Systeme immer hochgradig komplex sind, in der Sprache der Systemtheorie eben gerade nicht trivial, dann ist es klar, dass jede Familie in ihren Interaktionen, seien sie scheinbar noch so dysfunktional, ein fein aufeinander abgestimmtes System darstellt. Wenn wir ambulant aufsuchend da hineinkommen, ergeben sich eine Menge Fragen: Was ist in der Familie gerade los? Was habe ich Montag erlebt? Was kannst du am Donnerstag machen? Wie schätzen wir die Situation ein, was ist jetzt wichtig, was kann in den Hintergrund treten? Es geht auch immer wieder darum, zu reflektieren: Wer ist in welcher Rolle? Es kommt z.B. vor, dass sich Familienhilfethemen in die Bezugsbetreuung der Eingliederungshilfe einschieben und man dann aber sagt, genau das ist jetzt vielleicht gerade ganz gut. Wir gehen mit dieser Entwicklung mal mit, dass die Eltern mit dem/der Bezugsbetreuer_in besser über Erziehung sprechen kann, als die/der Familienhelfer_in. Das habe ich z.B. auch schon gemacht, dass ich als Familienhelfer tatsächlich dann eher kompensatorisch mit dem Kind gearbeitet habe und die Bezugsbetreuerin aus der Eingliederungshilfe hat mit der Mutter über Erziehungsthemen gesprochen. Mit den Familien und mit den Prozessen mitzugehen, zu begleiten und zu gucken, wer setzt gerade welche Schwerpunkte, das ergibt einen großen Abstimmungsbedarf. Klare Rollentrennungen und gleichzeitig viel Bereitschaft, auf die jeweiligen Situationen flexibel und individuell zu reagieren, das bringt den großen Abstimmungsbedarf mit sich.

„Wenn ich begleite, dann kann ich das nur so tun, dass ich mit den Schritten mitgehe, die die Person geht."

alice online: Welche Haltung, Fähigkeiten und Interessen sollte man Ihrer Meinung nach in der Arbeit mit den Familien mitbringen?

Eckart Nebel: Ich hatte ganz am Anfang gesagt, dass die Hauptaufgabe darin besteht, die Eltern in ihrer Elternrolle zu unterstützen. In dieser Formulierung steckt schon die Haltungsfrage mit drin, was heißt denn unterstützen? Ich arbeite bei COMES, dieser Name  bedeutet im Lateinischen Begleiter_in. Um jemanden gut begleiten zu können, braucht es eine Haltung, in der du die Autonomie dieser Person und ihre Entscheidung akzeptierst und respektierst. Wenn ich begleite, dann kann ich das nur so tun, dass ich mit den Schritten mitgehe, die die Person geht. Wenn sie stehen bleibt, kann ich nicht einfach weitergehen und dann rufen: „Nun komm endlich!“ Und wenn sie nach vorne stolpert, muss ich zumindest auch daneben bleiben. Die Haltung muss die sein, dass man respektvoll mit dem, was da ist umgeht, mit den Wünschen und auch Bedürfnissen mitgeht. Das hat natürlich eine Grenze beim Kinderschutz. Da gibt's dann unter Umständen den Moment, wo es nicht mehr um Begleitung geht, sondern um Einschreiten oder darum Direktiven zu geben, Ultimaten zu setzen und so weiter.

 

alice online: Und welche Fähigkeiten sind hilfreich, um in der Begleiteten Elternschaft zu arbeiten?

Eckart Nebel: Ich glaube eine gute Beobachtungsgabe ist wichtig. Zwischenmenschliches erspüren zu können, komplexe Interaktionen zu verstehen und auch kindliche Entwicklungen nachzuvollziehen, also zu gucken, auf welchem Stand ist das Kind und was braucht es jetzt in dieser Entwicklungsphase. Das gilt allerdings interessanterweise nicht nur für die Kinder, sondern oft auch für die Eltern. In der Arbeit mit Eltern mit kognitiven Beeinträchtigungen haben wir es häufig mit Erwachsenen zu tun, die von ihrer Persönlichkeitsentwicklung her noch eher jugendlich oder manchmal sogar auch kindlich sind und da ist es dann wichtig, dass die Mitarbeiter_innen einen Blick dafür haben, was diese Person aus ihrem jeweiligen Horizont heraus jetzt im Moment will und was sie kann. Außerdem ist Teamfähigkeit wichtig. Unsere Arbeit ist als Einzelkämpfer_in definitiv nicht zu machen. Sowohl im Team als auch in den Familien – und bei den Gruppenangeboten in beiden Systemen gleichzeitig – sind wir immer eingebunden in sehr komplexe soziale Situationen.

 

alice online: Welche Interessen könnte eine Fachkraft im BEL haben?

Eckart Nebel: Wir haben häufiger von Bewerber_innen, die ursprünglich Erzieher_innnen waren, gehört, dass ihnen in der Kita die Elterngespräche zwischen Tür und Angel über die Jahre so auf den Geist gegangen sind, dass sie gesagt haben: Ich studiere noch mal und zwar Soziale Arbeit, danach möchte ich aber mit Familien weiterarbeiten, nicht nur mit den Eltern oder nur den Kindern, auch nicht Beratung, sondern so ganz direkt und konkret. Die haben dann dieses Arbeitsfeld Begleitete Elternschaft gefunden und festgestellt: Das ist ja wunderbar! Da kann ich ja mit der ganzen Familie arbeiten. Ich kann in der Eingliederungshilfe mit den Erwachsenen arbeiten und ich kann konkret Familien darin unterstützen, Familie zu sein. Für alle, die so ein Interesse haben, ist Begleitete Elternschaft ein schönes Arbeitsfeld.

 

alice online: Wo sehen Sie kritische Punkte oder Dilemmata in Ihrer Arbeit und was würde aus Ihrer Sicht helfen, um diese Schwierigkeiten zu beseitigen?

Eckart Nebel: Gerade in den letzten Monaten haben wir es vermehrt damit zu tun, dass wir Familien nur im Rahmen der Eingliederungshilfe begleiten, in diesen Familien also keinen Familienhilfeauftrag haben, die Bezugsbetreuer_innen der Eingliederungshilfe aber über die Wochen und Monate Situationen sehen, die sie als grenzwertig empfinden, was die familiäre Situation der Kinder angeht, also die Versorgung der Kinder, ihre emotionale Situation, ihre Entwicklungsmöglichkeiten. Wenn die Bezugsbetreuer_innen das als schwierig einschätzen, wir aber in der Eingliederungshilfe erstmal keinen Auftrag in Bezug auf die Kinder haben und die Eltern selbst diesen Bedarf nicht sehen, können wir zwar sagen: Wir würden dir empfehlen, geh mal zum Jugendamt und frag nach Unterstützung. Aber wenn die Eltern das nicht als notwendig sehen, dann entsteht dieses Dilemma, dass ich als Bezugsbetreuer_in unter Umständen die Unterstützungsbeziehung, die sich in der Eingliederungshilfe etabliert hat, gefährde, wenn ich sage: Ich kann es nicht länger mitansehen, ich werde jetzt zum Jugendamt gehen. Bei uns wird immer transparent gearbeitet, wir würden nicht hinter dem Rücken der Eltern mit dem Jugendamt sprechen. Aber wir sehen eine latente Notlage der Kinder und fragen uns dann immer wieder in unseren internen Beratungen: Wie können wir damit jetzt umgehen? Auch eine Unterbringung der Kinder kann ja schlimme Folgen haben. Da gibt es kein Patentrezept, das bleibt ein Dilemma, in dem wir immer wieder in einer Situation stecken, in der es keine gute, sondern höchstens eine zweitbeste Lösung gibt.

 

alice online: Was könnte denn helfen in diesem Dilemma?

Eckart Nebel: Natürlich könnte eine gute Ausstattung mit Fachleistungsstunden helfen. Wir haben oft zu wenig Zeit, gerade in der Familienhilfe. Außerdem ist jede gelingende Zusammenarbeit im Netzwerk der Helfer_innensysteme extrem hilfreich. Von Kinderärzt_innen, über Erzieher_innen und Lehrer_innen bis Logopäd_innen und Ergotherapeut_innen und den Sozialarbeiter_innen im Jugendamt gibt es oft ein ausgedehntes Netzwerk, in dem wir als ambulant aufsuchende Fachkräfte aber oft den direktesten Einblick in die Lebensverhältnisse haben. Wenn wir da auf kooperative und aufgeschlossene Kolleg_innen treffen, kann sich viel bewegen.

 

alice online: Wollen Sie mir zum Abschluss noch einen Moment erzählen, der Ihnen Kraft und Mut für Ihre Arbeit in der Begleiteten Elternschaft gegeben hat?

Eckart Nebel: Da fällt mir gleich ein Beispiel aus einer Gruppenreise ein, wo ein Team mit 41 Kindern und Eltern vier Tage in einem Seminarhaus in der Nähe von einem See in Brandenburg waren. Sie haben dort eine Wanderung gemacht und sind um den See gelaufen und es gab ein paar Betreuer_innen, die spaßhaft gesagt haben: „Wir könnten jetzt eigentlich auch zurückschwimmen.“ Aus diesem Spaß ist dann Ernst geworden und ein Vater ist mit zwei Betreuer_innen tatsächlich nicht zu Fuß zurückgelaufen, sondern zurückgeschwommen. Was ich dann mitgekriegt habe, war, wie die zwei Söhne von diesem Vater zwei Tage lang überall rumgelaufen sind und erzählt haben: „Unser Vater ist über diesen See geschwommen, der hat sich das getraut!“ Dieser Stolz, den die Jungs hatten, dass ihr Vater das gemacht hat und natürlich auch der Stolz, den der Vater hatte, das war für mich so ein Beispiel dafür, was Begleitete Elternschaft sein kann. Wie sich Personen da entfalten können, in diesem sozialen Kosmos von so einer Gruppe und wie sich Empowerment im besten Sinne einfach ereignet. Da hat keiner ein pädagogisches Konzept gehabt, sondern mehr aus dem Spruch „Wir könnten ja auch zurückschwimmen“ wird plötzlich ein Erlebnis und eine Erfahrung, auf die man zurückgreifen kann: Wir schaffen das, was wir nie gedacht hätten, dass wir das können.

 

Weitere Informationen zur Begleiteten Elternschaft

 

Lucia Wendt ist ASH-Studentin im Bachelorstudiengang Soziale Arbeit. Für eine Teilnahmeleistung im Seminar Kinder- und Jugendhilferecht  hat sie mit dem Sozialarbeiter Eckart Nebel ein Interview über die Begleitete Elternschaft geführt. Besonders spannend fand sie dabei das System der verzahnten Hilfe, wie aus Eingliederungshilfe und Familienhilfe zusammen ein neuer und interessanter Arbeitsbereich entstanden ist.