News Stellungnahme des Präsidiums der Alice Salomon Hochschule Berlin zur Gewalttat in Stade

Wir trauern mit den Angehörigen, Kolleg_innen und Weggefährt_innen der sechs getöteten Kolleg_innen aus der Kinder- und Jugendhilfe.

Das schwere Gewaltverbrechen von Stade hat unsere ganze Hochschule tief betroffen gemacht. 

Ein 45-jähriger Vater soll am 29. Juni 2026 bei einem Termin in einer Mutter- und Kindeinrichtung in Stade drei Mitarbeitende der Einrichtung und drei Mitarbeitende des Jugendamtes der Region Hannover erschossen haben.

Wir trauern mit den Angehörigen, den Kolleg_innen und Weggefährt_innen der sechs getöteten Kolleg_innen und der Menschen, die unter schwerem Schock stehen. Als Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege, Erziehung und Bildung (SAGE) sind wir eng verbunden mit der Kinder- und Jugendhilfe. Unsere Studierenden sind die Fachkräfte, die u.a. im Bereich der erzieherischen Hilfen tätig sind und tätig sein werden. Viele Kolleg_innen sind selbst im Bereich des Kinderschutzes tätig.

Kinder- und Jugendhilfe, und hier besonders der Kinderschutz, sind professionelle Handlungsfelder unserer Gesellschaft, die höchster Achtung, Anerkennung, Schutz und auch finanzieller Unterstützung bedürfen. Sie haben die anspruchsvolle Aufgabe, in akuten Notfällen sowie langen, zum großen Teil sehr komplexen Verläufen Entscheidungen zum Wohle von Kindern und Jugendlichen zu befördern und zu begleiten, die für Beteiligte auch schmerzhaft sein können. 

Dazu bedarf es deeskalierender und kommunikativer Arbeit.

Gleichzeitig zeigen aktuelle Untersuchungen, dass Gewalt in Hilfe-Settings zunimmt. Die AVASA-Studie untermauert, dass die Risikofaktoren für eskalierende Situationen und Gelingensfaktoren für deren Bewältigung in den Rahmenbedingungen für die Hilfesysteme liegen. [1] Das fängt auch bei der Ausbildung und im Studium an und setzt sich bei den Arbeitsbedingungen der Beschäftigten fort.

Der aktuelle Fall, der der erste uns bekannte Fall in dieser Dimension in Deutschland ist, sollte sorgsam, mehrperspektivisch und interdisziplinär rekonstruiert und forschend verstanden werden, unter Beteiligung der Sozialen Arbeit, der Kindheitspädagogik und der Pflege. 

Wir fordern die Politik und die Verantwortlichen auf, die wachsende Gewalt nicht länger zu ignorieren, nun aber nicht die Debatte populistisch restriktiv zu verkürzen, sondern wissenschaftlich fundiert und mit Weitsicht die Kinder- und Jugendhilfe zu stärken. Das heißt:

  • Arbeitsbedingungen der Kinder- und Jugendhilfe verbessern: realistische Fallzahlen, angemessene Personalschlüssel und Ausstattung der Arbeitsplätze, auskömmliche Finanzierung, Schutzkonzepte für Fachkräfte, Organisations- und Qualitätsentwicklung im Hilfesystem
  • In Studium, Weiterbildung und Professionalisierung der Sozialen Arbeit und Kindheitspädagogik investieren: die Länder müssen die Ausbildungskapazitäten erhöhenund die Rahmenbedingungen für Qualität in Studium und Praktika für Sozialarbeiter_innen und Kindheitspädagog_innen stärken und verbessern
  • Gewaltprävention systematisch verankern: Die Kinder- und Jugendhilfe muss dabei unterstützt werden, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen und Verantwortung für Prävention, dialogische Arbeit und Schutz der Mitarbeitenden zu übernehmen
  • Beschäftigte stärken: Supervision, Fort- und Weiterbildung und psychologische Unterstützung müssen Standard sein
  • Forschung zu Fragestellungen der Kinder- und Jugendhilfe fördern

Wir schließen uns ferner den Forderungen nach einer versachlichten Debatte an, wie sie der Dachverband der Kinderschutzzentren unterstreicht. [2] Nachhaltiger Opferschutz wird nur gelingen, wenn Deutschland verbindlich in die Umsetzung der Istanbul-Konvention sowie in den Strukturaufbau für Gewaltprävention und wirksamer Intervention investiert.

Im Foyer steht ein Tisch mit einem Buch, in das Ihr und Sie Gefühle und Gedanken zum Teilen miteinander eintragen können.

Das Präsidium der ASH Berlin 

Prof. Dr. Bettina Völter, Präsidentin
Prof. Dr. Gesine Bär, Vizepräsidentin für Forschung, Kooperation und Weiterbildung
Prof. Dr. Anja Voss, Vizepräsidentin für Studium, Lehre und Digitalisierung
Mirko Behrens, stellvertretender Kanzler

 

 

Zwei Interviews mit Prof. Dr. Regina Rätz, die an der ASH Berlin Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe lehrt, finden Sie hier:

Tagesschau.de, 01.07.2026, „Tödliche Schüsse in Stade: Interview zur Situation in Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtungen“

SWR, 03.07.2026, „Nach den Schüssen in Stade: Suche nach Gründen für die Gewalttat“

 


[1]  Vgl. https://www.verdi.de/oeffentliche-private-dienste/mein-arbeitsplatz/erziehung-und-bildung/gewalt-und-verletzendes-verhalten-sozialen-arbeit

[2]  Vgl. https://www.kinderschutz-zentren.org/allgemein/offener-brief-nach-dem-schweren-gewaltverbrechen-in-stade/